• Zurück auf Feld 1 – der Skirennsport frisst seine Athleten

    Fast ein Dutzend Stars hat es in dieser Saison schon erwischt: Sie stürzten und landeten im Spital. Zwar wird viel in die Verbesserung der Sicherheit investiert, doch Skifahren auf Topniveau verlangt dem Körper schlicht mehr ab, als dieser aushält.
    Remo Geisser 09.02.2024, 16.00 Uhr 5 min

    Erst nach zwei Wochen konnte er wieder zehn Minuten aufrecht sitzen, ohne in Ohnmacht zu fallen: Aleksander Kilde stürzt in Wengen.

    Skifahren ist eine Verschleisssportart, das zeigt sich in diesem Winter besonders krass. Kaum ein Rennen, das nicht unterbrochen wird, damit gecrashte Fahrerinnen und Fahrer mit dem Helikopter geborgen und ins Spital geflogen werden können. Mindestens zehn Topcracks hat es bisher erwischt, von Mikaela Shiffrin bis Corinne Suter, von Aleksander Kilde bis Marco Schwarz.

    Dass es in dieser Saison oft grosse Namen trifft, mag dem Zufall geschuldet sein. Die Häufigkeit der Unfälle hingegen ist dem Skirennsport immanent. Die frühere Spitzenathletin und heutige SRF-Expertin Tina Weirather sagte 2021, sie führe bei den Frauen eine Verletztenliste. Darauf standen zu Beginn der Ski-WM in Cortina d’Ampezzo 35 Namen – alles Athletinnen aus dem Weltcup.

    Zu dieser Elite des Rennsports gehören vielleicht 100 Sportlerinnen, und rund ein Drittel davon waren 2021 gleichzeitig verletzt. «Das hat nichts mehr mit Zufall zu tun, dumm gelaufen, zu viel Druck», sagte Weirather damals im Interview mit der NZZ, «wir üben ganz einfach einen Sport aus, den unser Körper nicht aushält.»

    Das führt dazu, dass sich die Rennfahrer mit dem Worst Case befassen, bevor dieser überhaupt eintritt. Marco Kohler erzählte im Januar, wenige Tage nach seinem schweren Unfall in Wengen, er habe mit 17 oder 18 Jahren angefangen, mit einer Mentaltrainerin zu arbeiten. «Wir haben von Anfang an thematisiert, wie ich mich verhalte, wenn ich mich schwer verletze.»

    Er versucht, den Sturz im Kopf zu überschreiben

    2020 passierte es: Kohler stürzte als Vorfahrer am Lauberhorn schwer, sein Knie erlitt Totalschaden, die sportliche Zukunft schien ungewiss. In diesem Winter schien der inzwischen 26-Jährige doch noch den Durchbruch zu schaffen. Dann kam Wengen – Sturz. Helikopter. Spital. Wenig später erzählte er von der mentalen Aufarbeitung des Crashs: die Sturzstelle im Kopf immer wieder anfahren, sie gut meistern und heil ins Ziel kommen. So oft, bis der Kopf den Unfall gelöscht und durch ein positives Erlebnis ersetzt hat.

    Das tönt absurd, ist aber wohl die einzige Möglichkeit in diesem Sport: sich einreden, es sei nichts gewesen, damit man wieder fähig wird, Kopf und Kragen zu riskieren. Denn wer nicht bereit ist, an die Grenze zu gehen, kann gleich mit dem Rennsport aufhören. Und Angst verleitet zu Fehlern.

    Wenn es dann passiert, hilft die Medizin. Operationstechniken und Reha-Massnahmen wurden perfektioniert, in der Regel steht ein Athlet im Winter nach einem Kreuzbandriss wieder am Start. In Österreich wird derzeit Marco Schwarz von einem Filmteam begleitet. Die daraus entstehende Doku soll jungen Sportlerinnen und Sportlern zeigen, dass man nach einer schweren Verletzung an die Weltspitze zurückkehren kann. Das hat auch eine zynische Seite, aber was soll man machen in einem Sport, in dem fast jede und jeder irgendwann von der Piste abfliegt und im Spital landet?

    Der Kreuzbandriss ist die mit Abstand häufigste Verletzung im Skirennsport. Und sie ist derart normal, dass man sich ihretwegen nicht mehr zwingend unters Messer legt. Carlo Janka erwischte es 2017 kurz vor dem Saisonstart, aber weil in jenem Winter Olympische Spiele anstanden, liess er sich konservativ behandeln. Er schaffte es tatsächlich an die Spiele in Korea.

    Ein noch extremerer Fall ist Joana Hählen. Sie riss sich in jedem Knie zweimal das Kreuzband. Die ersten beiden Verletzungen wurden nach Schema F behandelt: Operation, Reha, Rückkehr. Als es sie 2018 erneut erwischte, ging sie den Weg ohne Eingriff, aber mit viel Physiotherapie und Übungen für das Knie. Den Tamedia-Zeitungen sagte sie jüngst: «Auf eine Operation zu verzichten, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.»

    Podestplätze ohne Kreuzbänder – das geht

    Als sie 2020 erstmals aufs Podest fuhr, war ihr linkes Knie nur noch teilweise intakt, eine Schiene gab zusätzlichen Halt. Kürzlich musste die 32-Jährige in Cortina nach einem harten Schlag die Fahrt abbrechen; ein MRI zeigte erneut einen Kreuzbandriss, diesmal im rechten Knie. Spätere Untersuchungen ergaben jedoch, dass dieses Band bereits 2021 zerstört worden war.

    Damals fuhr sie fröhlich weiter, und heute wissen wir, dass sie 2022 und 2023 drei zweite Ränge erreichte, obwohl in beiden Knien ein Kreuzband fehlte. Klar stand nun eine Operation gar nicht zur Debatte, Hählen ist zuversichtlich, bald wieder am Start zu stehen.

    Hinfallen, aufstehen, zurückkämpfen. Dieser Zyklus ist im Skizirkus bittere Realität. Und dank den sozialen Netzwerken sind wir heute quasi live dabei. Aleksander Kilde postete einen Tag nach seinem schweren Sturz in Wengen ein Bild aus dem Spital, auf dem seine Freundin Mikaela Shiffrin sich tröstend neben ihn gelegt hat.



    Als das Gerücht ging, er könnte bald zurückkehren, stellte der Norweger Bilder seiner Wade mit einer vernähten Fleischwunde ins Netz. Den Medien sagte er, dass er erst zwei Wochen nach dem Sturz fähig gewesen sei, zehn Minuten aufrecht zu sitzen, ohne dabei in Ohnmacht zu fallen.

    Wenig später erwischte es auch seine Freundin, doch sie hatte deutlich mehr Glück. Derzeit meldet sie sich regelmässig aus der Reha, ein Comeback noch in diesem Winter scheint möglich. Für die Amerikanerin geht es immerhin um den Sieg im Gesamtweltcup.

    Redet man mit Experten und Athletinnen, hört man immer wieder, dass etwas geschehen sollte. Doch Patentrezepte gibt es nicht in einer Sportart, in der Kräfte frei werden, die auch den muskulösesten Körper überfordern. Mit Auffangnetzen und Pistenpräparierung wurde viel für die Sicherheit getan. Wenn es aber um Massnahmen an den Fahrern selbst geht, reagieren diese skeptisch.

    2015 wurde ein Airbag eingeführt, doch nur rund 50 Prozent der Athletinnen und Athleten tragen ihn. Ab nächster Saison wird er obligatorisch. Es gibt auch schnittfeste Unterwäsche, sie hätte Kildes Schnittwunde wohl verhindert. Die meisten Fahrer sind renitent, weil sie sich ein wenig in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühlen. Ab 2025/26 sollen diese Textilien für alle verbindlich sein.

    Gegen Kreuzbandrisse könnte wohl nur eine intelligente Bindung helfen, deren Algorithmus die Öffnung auslöst, sobald die Belastung auf das Knie zu gross wird. Darüber geredet wird schon lange, die Einführung steht in den Sternen.

    Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
    Crashs am laufenden Band – der Skirennsport frisst seine Athleten (nzz.ch)

    Russki standart!!

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