Lukas Flüeler

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snowcat
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Lukas Flüeler

Beitrag von snowcat » 28.02.2016, 15:18

us de hütige nzz:

«Man ist der Trottel, bald wieder der Held»

Lukas Flüeler ist einer von nur fünf Meister-Goalies, die in der Nationalliga A noch aktiv sind. Er erklärt, wie schwierig es ist, nach einer Operation ausgerechnet auf die Play-offs hin wieder den Anschluss zu finden

NZZ am Sonntag: Wann spielen Sie wieder?

Lukas Flüeler: Das liegt nicht allein in meinen Händen. Die Saison ist so weit fortgeschritten, die Play-offs stehen bevor. Der Coach wird das entscheiden.

Aber aus rein medizinischer Sicht: Wann sind Sie bereit, wieder ins Tor zu stehen?
Meine Operation liegt etwas mehr als fünf Wochen zurück. Der Chirurg hat mir vor dem Eingriff gesagt, er rechne mit einer Rekonvaleszenz von vier bis sechs, vielleicht auch sieben Wochen. Ich habe ein paar Mal auf dem Eis versucht, wie es sich anfühlt. Aber die Belastung für die Adduktoren ist für einen Torhüter noch grösser als bei einem Feldspieler. Deshalb ist Vorsicht angebracht.

Das heisst: Die Beschwerden sind nicht weg?
Seit der Operation hatte ich nie mehr Schmerzen in den Adduktoren, die mein Problem waren. Aber von der Operation hat es noch Blut im Gewebe, das einen gewissen Druck verursacht.

Was genau war Ihr medizinisches Problem?
Ich riss vor zwei Jahren in der Viertelfinalserie gegen Lausanne den Meniskus an, spielte aber die Play-offs mithilfe von Schmerzmitteln trotzdem zu Ende. Daraus sind Fehlbelastungen entstanden, die mich mehr und mehr behinderten. Im Prinzip war es nur eine Kleinigkeit. Wäre ich nicht Spitzensportler, hätte man nicht operiert. Aber ich hatte ständig Beschwerden, und das war auf Dauer kein Zustand.

Ihre Leidenszeit war lang. Wie haben Sie sie erlebt?
Es war frustrierend. Ich habe es immer wieder versucht, glaubte mich auf dem richtigen Weg, kehrte aufs Eis zurück und fiel wieder auf Tag 1 zurück. Und alles begann wieder von vorne: die Therapien, das Warten. Da fängt man schon an, sich Gedanken zu machen.

Was für Gedanken? Kamen Existenzängste hoch?
Ich wusste, dass die Verletzung meine Karriere nicht grundsätzlich gefährdet. Aber ich bin jetzt seit zwei Jahren immer wieder verletzt. Auch wenn es meist nur Kleinigkeiten waren: Man beginnt sich zu fragen: Was kommt als Nächstes? Man fängt an, sich zu schämen, und fragt sich: Was denken wohl die Leute? Ist er ein Wrack? Man gönnt dem Körper im Spitzensport ja selten die Zeit, sich vollständig zu erholen. Man bekämpft die Schmerzen mit Spritzen und will so schnell wie möglich zurück aufs Eis.

Woher kommt dieser Druck? Von aussen? Oder vor allem von einem selber?
Von beiden Seiten. Das Management, der Trainer, die Bekannten fragen einen natürlich: «Wann kehrst du zurück, wann geht es wieder?» Aber vor allem möchte man selber wieder aufs Eis zurück und spielen.

Sie wurden wiederholt zurückgeworfen. Kommt da nicht irgendwann der Punkt, an dem man am liebsten alles hinwerfen und etwas Neues beginnen möchte?
So weit war ich nie. Ich hangelte mich von Termin zu Termin, dachte ja immer: Spätestens in vier Wochen geht es wieder. Wenn man monatelang ausfällt wie Dan Fritsche oder Daniel Schnyder, die beide an Hirnerschütterungen leiden, dann kommen einem solche Gedanken wohl eher. Eine Hirnerschütterung kann einen ein ganzes Leben lang einschränken. Das macht dann schon Angst. Schliesslich gibt es ja ein Leben nach dem Eishockey. Meine Beschwerden waren im Vergleich dazu gering.

Sie waren während Ihrer ganzen Verletzung zwar weiter ein Teil des Teams, gehörten aber trotzdem nicht mehr ganz dazu.
Das ist wahrscheinlich der mühsamste Teil am Ganzen. Im Prinzip sind die Emotionen, die man erlebt, nach Siegen, aber auch nach Niederlagen, das Schönste am Sport. Man sitzt in der Garderobe und ist Teil von etwas Grösserem. Dieses Gefühl fehlt mir enorm. Ich bin ein Mensch, der nicht einfach so in einen Tag hineinleben kann: Ich brauche eine gewisse Struktur, ich will mich freuen oder manchmal auch ärgern können. Doch plötzlich ist man im luftleeren Raum.

Wäre es in diesem Moment nicht besser, Distanz zu suchen und wegzugehen?
Das macht man vielleicht nach einem Kreuzbandriss, wenn man genau weiss: Jetzt muss ich sechs Monate lang pausieren. Ich war aber ständig in einer Drei-, Vierwochen-Planung. Ich war fast mehr in der Halle, als wenn ich spiele. Es gab x Termine.

Nun steigen Sie mitten in der heissesten Phase der Saison wieder ein. Wie bereitet man sich darauf vor? Anlaufzeit gibt es ja keine.
Ich hoffe, dass ich in den kommenden Tagen mein Training intensivieren kann und zu einer Option für den Trainer werde. Aber ich bin nicht in der Position, Forderungen zu stellen. Ich versuche einfach, bereit zu sein. In den Play-offs kann schnell viel geschehen.

Sie können sich physisch vorbereiten, die Matchpraxis aber ersetzt das nicht. Sie haben in dieser Saison nur sieben Partien bestritten.
Ich muss versuchen, mir das Vertrauen mit guten Trainings zu holen. Ich weiss, was auf mich zukommt. Ich bin ja nicht neu im Geschäft, ich habe bereits Play-offs gespielt. Aber wie es dann wirklich ist, wenn ich mitten in einem Match drin bin, mit all dem Lärm und den Emotionen um mich herum? Als Torhüter ist man ja vor allem auch mental gefordert. Wie ich darauf reagiere? Wir werden es sehen.

Wie jeder Sportler möchten auch Sie im Einsatz stehen, spielen. Damit Sie dazu eine Gelegenheit erhalten, muss es aber Ihrem Konkurrenten Niklas Schlegel schlecht laufen. Das ist eine spezielle Situation.
So könnte man denken. Aber ich tue das nicht: Erstens schätze ich Schlegel, er hat einen hervorragenden Job gemacht. Und zweitens ist Eishockey ein Teamsport. Ich bin seit mehreren Jahren Teil dieser Mannschaft und möchte, dass sie Erfolg hat. Aber natürlich ist es als Sportler legitim, es dem Coach zu signalisieren, wenn man sich bereit fühlt, wieder zu spielen.

Die Torhüter scheinen im Play-off eine spezielle Rolle zu haben. Sie gelten als Schlüsselspieler, ohne die der Titel nicht möglich ist.
Man hört das immer wieder: der Meister-Goalie. Wenn der Torhüter einen Fehler macht, dann sieht man es einfach besonders gut. Ich denke aber nicht, dass der Goalie allein eine Meisterschaft gewinnt. Bei uns war in den letzten Jahren immer das Zusammenspiel in der Defensive die Basis zum Erfolg. Da gehören neben dem Torhüter auch die Verteidiger und Stürmer dazu.

Die Ausstrahlung des Torhüters aber kann sich auf das ganze Team übertragen, das hat Leonardo Genoni letzte Saison beim HCD gezeigt.
Das mag stimmen. Man kann als Torhüter der Mannschaft in Druckphasen eine gewisse Sicherheit geben. Ein ähnliches Signal kann aber auch ein geblockter Schuss eines Stürmers sein. Die spezielle Anforderung der Play-offs ist es, dass jeder Einzelne etwas Zusätzliches leisten muss. Wenn zwei, drei Details nicht stimmen, dann reicht es vielleicht für einen Halbfinal, möglicherweise sogar für den Final. Aber nicht für den Titel.

Und doch ist der Blick auf den Torhüter ein besonderer. Sie stehen im Scheinwerferlicht.
Daran gewöhnt man sich schon in der Juniorenzeit: Einmal ist man der Trottel, bald schon wieder der Held. Damit muss man umgehen können. Das Schöne an den Play-offs ist, dass man meistens Gelegenheit bekommt, Fehler schnell wieder zu korrigieren. Ich habe das vor zwei Jahren gegen Genf/Servette erlebt. Doch diese Erkenntnis hat man erst, wenn man es einmal erlebt hat.

Es hilft also nichts, wenn Sie jetzt mit Schlegel über diese speziellen Situationen sprechen?
Ich glaube nicht. Ich selber habe vor allem durch Beobachten gelernt. Ari Sulander, Mathias Seger oder Andres Ambühl haben mich dabei sehr beeindruckt. Sie sitzen nach einem verlorenen Match niedergeschlagen und mit mieser Laune im Mannschaftsbus. Aber schon am Morgen darauf blicken sie wieder vorwärts und geben einem das Gefühl: «Was soll's, ist doch alles nicht so schlimm. Es war nur ein Match, und es geht weiter.» Ich glaube, all jene, die in den letzten Jahren Meister geworden sind, haben solche Spielertypen im Team gehabt. Wenn die Leader beginnen, nervös zu werden, dann hast du ein Problem.

Interview: Daniel Germann und Ulrich Pickel

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