Soll noch jemand behaupten, im Playoff erziele man nur «schmutzige» Tore. Alexei Krutow zelebrierte in den letzten beiden Spielen seine Treffer. In Zug schoss er am Donnerstag das 2:0 mit einem Solo übers ganze Feld. Am Samstag nun stürzte er das Hallenstadion mit dem 4:2 und 6:2 in Feststimmung. Vor seinem ersten Tor dribbelte er EVZ-Verteidiger Patrick Fischer Knoten in die Beine und «benutzte» ihn zur verdeckten Schussabgabe. Solche Aktionen sieht man sonst von Alexander Owetschkin und Co. «Es ist herrlich, ihm zuzuschauen, wenn er solche Dinge macht», schwärmt ZSC-Sportchef Edgar Salis. «Das ist russisches Eishockey.» Würde man von Krutow solche Kunststücke regelmässig sehen, er würde wohl bald nicht mehr in der Schweiz spielen.
Doch der Sohn des zweifachen Olympiasiegers tat sich in den letzten zwei Jahren schwer. Im vergangenen Winter gab ihm Salis einmal ein paar Tage frei, damit er nach Moskau zurückkehren und seinen Kopf lüften konnte. Es stand auch ein Tausch mit Philippe Seydoux im Raum, der damals noch bei Gottéron verteidigte. Doch Krutow winkte ab, für ihn gebe es in der Schweiz nur den ZSC. In dieser Saison, in die er wegen einer Schulterverletzung verspätet gestartet war, sah man nun lange einen verunsicherten Krutow, dem seine kindliche Spielfreude abhanden gekommen war. Im Dezember wurde er sogar für einen Match aus dem Kader gestrichen.
Simpsons Vertrauen belohnt
Als der ZSC im Viertelfinal mit dem Rücken zur Wand stand, zahlte sich die Investition, die Coach Sean Simpson in den letzten Wochen in den Russen gemacht hatte, nun aber aus. Seit Ende Qualifikation durfte der Flügel in einer der ersten beiden Linien und im Powerplay spielen - mit drei Toren in zwei Partien bedankte er sich. «Ich fühle mich nun viel stärker innendrin», sagt Krutow. «Wenn man nur wenige Einsätze hat, weiss man nicht so recht, was tun. Man schiesst einfach den Puck ins Drittel und geht wechseln. Je öfter man spielt, desto mehr Selbstvertrauen bekommt man.» Und dieses braucht ein Künstler wie er, der von seiner Kreativität lebt.
«Wir wollten ihm die ganze Zeit schon mehr Verantwortung geben», sagt Simpson. «Aber er war noch nicht bereit, sie anzunehmen. Er war zu unkonstant. Jetzt scheint er reifer.» Simpson und Colin Muller führten einige Einzelgespräche mit ihrem launischen Genie. Sie versuchten zu vermitteln, dass eine gelungene Aktion auch mal etwas ganz Einfaches sein kann: ein Check, ein geblockter Schuss, den Puck via Bande zu befreien. Es muss nicht immer ein brillantes Dribbling sein. Ein Beobachter sagte einmal, Krutow wäre Weltklasse, wenn im Eishockey nicht auf Tore gespielt würde. Auch Harold Kreis verzweifelte zwischendurch fast an ihm. Nach dem Meistertitel 2008, zu dem Krutow als Teil einer Linie mit Kevin Gloor und Witali Lachmatow beigetragen und dabei eine ungeahnte Intensität entwickelt hatte, sagte der Deutschkanadier: «Ich glaube, er kann einmal so gut werden wie Adrian Wichser.»
Spassvogel in der Kabine
An individuellen Fähigkeiten bringe Krutow alles mit, sagt Salis. «Er ist kräftig, schnell, stocktechnisch gut. Die grösste Herausforderung ist, dass er seine Stärken ins Kollektiv einbringt. Wenn er das schafft, werden wir noch viel Freude an ihm haben.» Krutow selbst verspricht, künftig konstanter zu spielen. «Ich wäre schon froh, wenn ich jeden dritten Match ein Tor schiesse», sagt er. Als er im Sommer 2007 nach Zürich kam, sprach er nur leidlich Englisch. Inzwischen beherrscht er es fliessend, SMS beantwortet er sogar auf Deutsch. Im Team hat er sich schnell integriert, er profilierte sich bald als Spassvogel. Ganz anders als sein Vater Wladimir, der nicht gerne spricht.
An diesem Samstagabend, nach seinem grossen Auftritt, wurde Alexei Krutow natürlich auch wieder einmal auf seinen Vater angesprochen. Reist er noch an, um ihm zuzuschauen? «Nein, nein», wehrt er schmunzelnd ab, «er ist in Moskau, und da soll er auch bleiben. Dann bin ich nicht so unter Druck.»