Der Baumeister
Simon Schenks Einfluss auf den Erfolg der ZSC Lions ist beträchtlich. Obschon er als Sportchef des Farmteams aus den Schlagzeilen verschwunden ist.
Simon Schenk hat im Schweizer Eishockey fast alles erlebt, was man erleben kann. Er war Meisterflügel in Langnau. Er wirkte zweimal als Nationaltrainer. Er wurde zum Retter seines Stammclubs. Bei den ZSC Lions war er Sportchef und Geschäftsführer in Personalunion. Inzwischen ist er, als Verantwortlicher der GCK Lions, bei denen er beim gestrigen 4:5 in Langnau für den erkrankten Matti Alatalo an der Bande einsprang, zu seinen beruflichen Wurzeln als Lehrer zurückgekehrt.
Die ZSC-Organisation produziert Talente am Fliessband, und das B- Team ist für sie die Brücke zum Profidasein. Schenk holte Lukas Flüeler nach Küsnacht, als der mit 18 aus Übersee zurückkehrte, und zeigte ihm Perspektiven auf. Er nahm Luca Cunti zurück, als der als verlorener Sohn wieder anklopfte. Er kümmert sich um Ausnahmespieler wie Jonas Siegenthaler und Denis Malgin. Er sucht Praktikumsstellen.
Wenn man Schenk über die jungen Hockeyaner reden hört, merkt man: Sie liegen ihm am Herzen, er ist stolz auf sie, doch er ist ein strenger Lehrer. Diese begabten Teenager sind noch Kinder, aber auch schon Stars, umgarnt von Agenten, Einflüsterern, NHL-Scouts. «Ein Spieler besteht aus Talent und Charakter», sagt Schenk. «Und es scheitern mehr am Charakter als am Talent.» Charakter ist für ihn ein Paket aus vielen Eigenschaften: «Man braucht Arbeitswillen, die Bereitschaft, ans Limit zu gehen, einen klaren Kopf. Mit der richtigen Einstellung kann man auch als Halbblinder eine NLA-Karriere machen. Man wird kein Superstar, aber ein solider Arbeiter.»
Sprungbrett, kein Sozialwerk
Die GCK Lions sind ein Sprungbrett, aber keine soziale Institution. Ein, zwei, höchstens drei Jahre haben die Talente Zeit, zu NLA-Spielern zu reifen. Schenk freute es, als Sandro und Marc Zangger kürzlich Verträge bei Zug respektive Fribourg erhielten: «Natürlich wären wir mit ihnen stärker, aber es ist ein Erfolg, wenn wir Spieler in die NLA bringen.» Und das schafft Platz für die Nächsten. Phil Baltisberger (19), Pius Sutter und Kris Schmidli (beide 18) dürften im Frühling aus dem kanadischen Junioreneishockey zurückkehren – aus ZSC-Sicht vorzugsweise nach Zürich. Das Farmteam ist ein Vorteil gegenüber den anderen NLA-Clubs. Die Wege sind kurz. Diese Saison gaben schon neun junge Spieler ihr NLA-Debüt beim ZSC.
Lange wusste man nicht recht, was man mit den GCK Lions machen sollte. «Jetzt haben wir unsere Position gefunden», stellt Schenk zufrieden fest. Weil der Versuch misslang, eine Fanbasis zu rekrutieren, setzte man je länger, desto konsequenter auf den Farmteam-Gedanken. Und natürlich spielte da der gut vernetzte Emmentaler die Schlüsselrolle. Seit 2007 ist er für die «Mini-Lions» zuständig, seit dem Ende seiner Nationalratskarriere 2011 noch intensiver.
Er selbst spricht von Teamwork, hebt Nachwuchschef Richi Jost hervor und ZSC-Coach Marc Crawford: «Wenn der Trainer des A-Teams nicht auf die Jungen setzt, funktioniert es nicht. Bei Crawford habe ich das Gefühl, dass er es als zusätzlichen Ansporn sieht, die 97er-Talente wie Siegenthaler, Malgin, Karrer oder Diem einzubauen.»
Schenk und die Stadionträume
Schenk feierte am 1. Januar sein 17-Jahr-Firmenjubiläum in der ZSC-Organisation. Wenn ihm das jemand prophezeit hätte, als er noch für den SC Langnau die Schlittschuhe schnürte, «er hätte Krach mit mir bekommen». Als er 1998 antrat, fasste er den Auftrag, ein Spitzenteam zu bauen und dafür zu sorgen, dass der ZSC selbsttragend würde. Das Fazit des 68-Jährigen: «Nach zwei Jahren waren wir bereits Meister, doch finanziell eigenständig sind wir immer noch nicht. Das gelang weder mir noch meinen Nachfolgern. Zum Glück haben wir Walter Frey im Rücken.»
Mit einem eigenen Stadion wäre es möglich, wenn man es geschickt vermarkte und darin gut wirtschafte, glaubt Schenk. Doch das aktuelle Projekt in Altstetten, einst geplant für 2017, soll nun frühestens 2022 fertig sein. Auch Schenk hatte seine Stadionträume. Mit dem Berner Bauunternehmer Bruno Marazzi, einem Schulfreund, sprach er bei Stadtpräsident Elmar Ledergerber vor mit dem Vorschlag für eine Arena auf der offenen Rennbahn. «Ledergerber war begeistert, doch drei Tage später rief er mich an und sagte: ‹Es geht nicht. Es wurde schon zu viel investiert in den Umbau des Hallenstadions.›»
Abgesehen von der Stadionfrage, hat Schenk aber viel bewirkt. Die ZSC Lions sind zur respektierten Organisation geworden, ihr Farmteam-Konzept ist Vorbild für andere Clubs wie die Lakers, das Meisterteam 2014 war mehrheitlich hausgemacht. Als er nach Zürich gekommen sei, sei er nicht überall auf offene Ohren gestossen, erinnert sich Schenk. «Inzwischen versteht man hier ziemlich gut Berndeutsch.»
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