Genoni und das Goaliekarussell: Im Eishockey steht ein heisser Transferherbst bevor
Die Vertragsverlängerung von Leonardo Genoni mit dem EV Zug bringt Bewegung in den Torhütermarkt. Weil der siebenfache Meister dem EVZ bis 2027 erhalten bleibt, müssen sich Konkurrenten nach Alternativen umschauen.
43 Paraden zeigt Leonardo Genoni am Dienstagabend in Zürich, zwei Punkte stiehlt er mit dem EV Zug bei den ZSC Lions und ruft in Erinnerung, wer der erfolgreichste, beste, konstanteste Torhüter auf Schweizer Eis ist.
Es ist ein guter Moment dafür. Auf der Tribüne sitzen der Nationaltrainer Patrick Fischer und Peter Mettler, der Goaliecoach von Swiss Ice Hockey. Ersterer hat es im Mai in Riga gewagt, Genoni im WM-Viertelfinal zur Nummer 2 zu degradieren, indem er ihm Robert Mayer vorzog. Fischer scheiterte mit diesem Manöver beim 1:3 gegen Deutschland auf der ganzen Linie.
Genoni, 36, ist ein bescheidener, wohlerzogener Mann. Seine Manieren gebieten es ihm nicht, sich selber zu loben und andere zu kritisieren. Es ist einfacher, ein Basler Dybli zu finden, als Genoni ein Wort der Kontroverse zu entlocken. Er klingt wie ein stilvoller Diplomat, wenn er sagt: «Das war eine grosse Enttäuschung. Aber es bedeutet, dass ich schlicht nicht gut genug war.»
Genoni verlebte 2022/23 eine schwierige Saison im EVZ, statistisch war es die schwächste der Karriere; die Fangquote lag erstmals unter 90 Prozent. Es war ein ungewohnter Kratzer an der sonst fast immer makellosen Bilanz des siebenfachen Meistergoalies. Wobei Zugs Coach Dan Tangnes darauf hinweist, dass der Abschwung eher ein Produkt von liederlicher Zuger Defensivarbeit war als das Verschulden des Torhüters.
Nach zwei Meistertiteln in Serie kam den Zugern die Stabilität abhanden, es fällt ihnen bis heute auffallend schwer, Rückschläge wegzustecken. Am Dienstag gegen die ZSC Lions setzte es in der Kabine beim Stand von 0:2 ein heftiges Donnerwetter ab, Tangnes zürnte, er könne fehlendes Selbstvertrauen als Ausrede nicht mehr hören, man müsse sich dieses verdienen. Darauf drehten die Zuger das Spiel – auch dank Genoni, der den ZSC verzweifeln liess.
Genonis Flirt mit Ambri-Piotta, der Liebe seiner Jugend
In den Führungszirkeln wurde die Einschätzung von Tangnes ohnehin geteilt. Wie Geier kreisten die Konkurrenten um Genoni, im Wissen darum, dass sein Vertrag 2024 ausläuft. In Zug befürchteten sie, der Goalie könnte sich in Richtung Zürich verabschieden.
Bei den ZSC Lions war der Arztsohn aus Kilchberg einst ausgebildet worden, man hätte sich die Rückkehr zum Stammklub als romantisches Ende einer grossen Karriere vorstellen können. Doch die Konditionen, die Genonis Agent, sein Bruder Tiziano, genannt haben soll, liessen das Interesse des ZSC schwinden. «Für uns war klar, dass wir das nicht machen werden», sagt der Sportchef Sven Leuenberger.
Aber ein unterschätzter Faktor im Rennen um Genoni war dessen Jugendliebe: der HC Ambri-Piotta. Ambri unternahm dem Vernehmen nach viel, um Genoni zu verpflichten, für den ewigen Aussenseiter wäre es ein spektakulärer Coup gewesen. Es fehlte wenig, doch letztlich entschied sich der Bezirzte dafür, den Vertrag in Zug bis 2027 zu verlängern. Er sagt: «Es war kein Entscheid gegen ein anderes Team. Sondern einer für den EVZ. Ich schätze sehr, was ich hier habe.»
In Zug kann Genoni seine Titelhatz weiterführen, es ist bemerkenswert, dass er sich seinen enormen Ehrgeiz bis in den Spätherbst der Karriere hat bewahren können. Da gibt es andere Beispiele, Jaromir Jagr etwa, der in Tschechien noch immer aktive Altstar, sagte bei Vertragsverhandlungen mit Pittsburgh einst: «Ich brauche nicht noch mehr Titel, ich brauche Mädchen und den Strand.» Genoni sagt: «Na ja, wir haben in der Schweiz ja kein Meer. Und ich bin verheiratet . . .»
Genonis Verbleib in Zug ist der erste gefallene Dominostein in einem Torhüterherbst, der sich heiss ankündigt. Bei Ajoie und Gottéron, in Biel, Kloten, Langnau, Lugano und Zürich ist noch nicht klar, wer ab dem kommenden Herbst die Nummer 1 sein wird. Etliche Vereine, darunter Ambri und Zug, suchen einen Back-up; Luca Hollenstein, die bisherige Nummer 2 in Zug, wird sich verändern, nach der Absage Genonis könnte er in Ambri landen.
Der ZSC-Goalie der Zukunft könnte weiterhin Simon Hrubec heissen
Die Nationaltorhüter Reto Berra (Gottéron) und Joren Van Pottelberghe (Biel) sind die prominentesten noch verfügbaren Optionen, gerade Van Pottelberghe ist stark umworben, der EHC Biel würde ihn gerne halten. Wobei selbst ein Vertragsabschluss noch nicht allzu viel bedeuten muss – Van Pottelberghe schielt auch nach Nordamerika. Zwar ist er hinter dem finnischen Olympiasieger Harri Säteri in Biel eher zweite Wahl, aber im Sommer ist mit Ludovic Waeber von den ZSC Lions schon ein anderer Back-up in die NHL abgeworben worden.
Waeber, 27, wurde von Florida gerade in die AHL geschickt, auch er wäre eine attraktive Option, gerade für seinen Stammklub Gottéron. Der Haken: Er steht in Zürich bis 2025 unter Vertrag; der ZSC hat wenig Anlass, ihn freizugeben und einen Konkurrenten zu stärken. Ein Agent, der mehrere der verfügbaren Torhüter vertritt, sagt dennoch: «Ich stelle fest, dass viele Klubs versuchen, eine Schweizer Lösung zu finden. Damit sie die sechs Ausländerlizenzen für Feldspieler einsetzen können.» Derzeit setzen Ambri, Bern, Kloten, Lugano und der ZSC auf ausländische Torhüter.
Zumindest in Zürich dürfte sich das nicht ändern: Zwar läuft der Vertrag von Simon Hrubec aus – er ist einer der wenigen Keeper, die das Rendement Genonis erreichen können. Der Sportchef Leuenberger sagt, man sei mit den Darbietungen Hrubecs sehr zufrieden, aber es gebe bei keinem Spieler mit auslaufendem Vertrag Eile. Der ZSC ist ohnehin ein Spezialfall: Er verfügt bei den Schweizern über so viel Qualität, dass er es sich locker erlauben kann, eine der Ausländerlizenzen für einen Torhüter zu verwenden.