Nachwuchsflaute auf Eis
So gross ist das Junioren-Problem im Schweizer Eishockey
Junge Spieler erhalten in der National League kaum Eiszeit – nicht einmal jetzt, da es keinen Absteiger gibt. Wie soll das erst mit mehr Ausländern werden?
Kristian Kapp (TA)
Die Clubs der National League debattieren derzeit eifrig über Reformen, die vor allem eines bringen sollen: tiefere Spielerlöhne. Eine der wichtigsten Massnahmen soll die Erhöhung der Anzahl erlaubter Ausländer pro Spiel und Team von vier auf bis zu zehn werden.
Die Clubs betonen, dass die Junioren und ihre Förderung weiterhin wichtig bleiben würden. Bloss: Die aktuellen Zahlen lassen daran zweifeln. Denn die Statistik der Eiszeiten zeigt: Die Clubs setzen Junioren schon jetzt kaum ein. Mit bloss vier Ausländern. In der Corona-Saison, in der es keine Absteiger gibt.
Aber schauen wir es uns im Detail an und werfen dabei auch einen Blick auf zwei andere Meisterschaften. Auf die SHL und Schweden, Europas Vorzeigenation in der Ausbildung von Nachwuchsspielern. Und auf die DEL und Deutschland, ein Land, dessen Eishockey in der Schweiz in den letzten Jahren auch ein wenig belächelt wurde – warum auch immer.
Das sind die Kriterien
Beginnen wir mit der Schweiz, Stichtag aller folgenden Statistiken war Sonntag, der 17. Januar. Als «Junioren» definieren wir alle Spieler mit Geburtsjahr 2001 und jünger, das waren auch die Jahrgänge an der letzten U-20-WM, an der die Schweiz mit null Punkten und 5:20 Toren so schlecht abschnitt wie noch nie seit dem Aufstieg in die A-Gruppe 2009.
Um den Fokus zu erweitern, nehmen wir in einem zweiten Schritt auch noch die 2000er-Jahrgänge dazu. Das sind die Jüngsten, die nicht mehr als Junioren gelten.
In die Übersicht nehmen wir generell nur Spieler, die für das jeweilige Land auch in der Nationalmannschaft spielen könnten. Für die Schweiz bedeutet dies: keine Österreicher wie Benjamin Baumgartner (Davos) oder Marco Rossi (ZSC) und keine Tschechen wie Frantisek Rehak (Lakers). Oder für die Schweden: kein Moritz Seider (Rögle), dem deutschen Topskorer unter den Junioren in der SHL.
Und, da es um Eiszeit und auch Special Teams wie Powerplay und Penalty Killing gehen wird, beschränken wir uns auf die Feldspieler.
Und da zeigt sich Folgendes: Schweizer Spieler der Jahrgänge 2001 und jünger werden in der National League kaum eingesetzt. In 152 Partien standen zwar 26 Spieler auf einem Matchblatt. Regelmässig eingesetzt wurden nur drei: Ambris Verteidiger Rocco Pezzullo (19 Spiele) sowie mit je 16 Spielen die Stürmer Simon Knak (Davos) und Patrick Petrini (SCL Tigers). Auf Platz 4 folgt Biels Elvis Schläpfer, der in 8 Spielen durchschnittlich 6:14 Minuten auf dem Eis stand.
Zählen wir alle Eiszeiten der 26 eingesetzten Junioren zusammen, kommen wir auf folgenden Durchschnitt: Pro Team und Partie stehen Junioren nur 2:42 Minuten auf dem Eis. Nicht falsch verstehen: Das ist nicht pro Junior, sondern pro Team. Absurd klein ist die Zahl, wenn wir uns nur auf die Special Teams beschränken. Pro Team und Partie dürfen Junioren im Durchschnitt gerade einmal für 13 Sekunden aufs Eis – Petrini ist der Einzige mit regelmässigen Einsätzen im Powerplay.
All diese Zahlen sind auch darum so tief, weil gleich vier Teams bislang keinen Schweizer Junioren eingesetzt haben und den Liga-Durchschnitt entsprechend nach unten ziehen: Servette, Lausanne, die Lakers sowie die ZSC Lions.
Von Ambri bis Zug: Wer gibt den Junioren Eiszeit?
Mit den 2000ern sieht es besser aus – aber nur ein bisschen …
Damit nicht der Eindruck entsteht, die National League sei eine Liga für Veteranen, schauen wir nun auch noch auf die 2000er-Jahrgänge. Immerhin finden sich da mit Jeremi Gerber, Mika Henauer (beide Bern), Valentin Nussbaumer (Biel, neu Davos), Yanick Stampfli, Gilian Kohler (beide Biel), Oliver Heinen, Davyd Barandun (beide Davos), Stéphane Patry (Genf), Sandro Schmid, David Aebischer (beide Fribourg), Keijo Weibel (Langnau), Gian-Marco Wetter (Lakers), Nico Gross (Zug) 13 Spieler, die mehr oder weniger als Stammkräfte bezeichnet werden können. Und mit Tim Berni (ZSC) und vor allem Janis Moser (Biel) zwei Verteidiger, die richtig gute Rollen innehaben.
Aufmerksame Leser haben festgestellt: Lausanne kommt auch bei den 2000er-Jahrgängern nicht vor. Jüngste LHC-Spieler mit Eiszeit sind Ken Jäger und Guillaume Maillard, beide Jahrgang 1998.
Wenn man die 2000er dazuzählt
Und das sind die Eiszeiten in der NL, wenn man als Kriterium «Jahrgang 2000 und jünger» nimmt: Pro Spiel und Team 16:26 Minuten. Davon Special Teams: 1:48 Minuten. Das tönt schon besser, ist aber immer noch bescheiden. Doch wie ist es im Vergleich mit Deutschland und Schweden?
Deutschland: Fast dreimal mehr Eiszeit für Junioren
Beginnen wir mit der DEL, in der acht Runden gespielt sind, und bleiben vorerst bei den Junioren, also den Jahrgängen 2001 und jünger: 7:11 Minuten lautet die Zahl und ist damit deutlich höher als in der Schweiz. Und das, obwohl in den 14 DEL-Teams bislang 171 Ausländer eingesetzt wurden. In der Schweiz waren es inklusive «Lizenz-Schweizern» bislang 90 Ausländer in 12 Clubs. In den Special Teams kommen die deutschen DEL-Junioren nur marginal mehr zum Einsatz als in der NL: 21 Sekunden pro Team und pro Spiel.
Nehmen wir die 2000er-Jahrgänge dazu, sieht die Schweiz sogar leicht besser aus. Dies, weil in der DEL bislang nur elf 20-Jährige überhaupt zum Einsatz kamen – die Saison ist im Gegensatz zur NL noch jung, das ist für die DEL bei diesem Vergleich eher ein Nachteil. Die Zahlen der DEL, wenn wir «Jahrgang 2000 und jünger» als Kriterium nehmen: 12:10 Minuten pro Team und pro Spiel, 0:46 Minuten davon Special Teams.
Schweden: Eine andere Welt
Schauen wir nun auf Schweden. In der SHL haben die Teams zwischen 27 und 34 Spiele absolviert, das ist näher bei der NL (19 bis 27 Spiele). Auch die Anzahl eingesetzter Ausländer ist ähnlich: 91 in 14 Teams.
Bleiben wir vorerst bei den Junioren: 83 Schweden mit Jahrgang 2001 oder jünger standen bislang auf einem Matchblatt. Pro Team und pro Partie lassen die SHL-Clubs ihre Junioren 16:28 Minuten aufs Eis, also sechsmal länger als in der Schweiz. Krasser ist der Vergleich bei den Special Teams: 1:40 Minuten lautet die SHL-Zahl, das ist fast achtmal mehr als in der NL.
In der SHL sind 20 Junioren bereits mehr oder weniger Stammspieler, 14 davon kommen in den Special Teams regelmässig zum Einsatz.
Man ahnt es: Addieren wir nun auch die Zahlen der 2000er-Jahrgänge, wird der Unterschied gigantisch. 29 Schweden kommen dann nämlich dazu, 22 davon stehen pro Partie 10 Minuten oder länger auf dem Eis, 18 werden regelmässig in den Special Teams eingesetzt. 12 Spieler sind bereits Leistungsträger mit knapp 15 Minuten pro Spiel oder mehr.
Die Zahlen mit dem Kriterium «Jahrgang 2000 oder jünger» in der SHL: 34:58 Minuten Eiszeit pro Team und Partie, davon 3:52 Minuten in den Special Teams.
Das sind beeindruckende Zahlen und sprechen auch für die Qualität der Spieler. Trotz deutlich mehr eingesetzten jungen Spielern wird in der SHL auf höherem Niveau gespielt, das beweisen auch die Resultate in der Champions Hockey League seit Jahren.
Ja, aber …
Natürlich: Es lassen sich aus der Sicht der Clubs viele «Aber» einstreuen. Aus Zug zum Beispiel könnte der berechtigte Einwand kommen, dass mit Tobias Geisser, Livio Stadler, Sven Leuenberger, Yannick Zehnder und Calvin Thürkauf fünf «Eigene» mit den Jahrgängen 1997 bis 1999 nun Stammspieler sind, «junge Spieler» (ein dehnbarer Begriff …) also nicht grundsätzlich verschmäht werden.
Und es werden sich landesweit problemlos Meinungen finden, die ebenso zu Recht darauf hinweisen, dass die Qualität der Junioren in der SHL und die Ausbildung in Schweden generell derart höher respektive besser sind, dass ein 1:1-Vergleich schlicht unfair sei.
Das ist gut und recht. Allerdings gilt auch das: Junge Schweizer wollen auch darum in die Juniorligen Kanadas oder Schwedens, weil sie in der NL keine Perspektiven auf regelmässige Einsätze sehen. Das ist ein Punkt, den die Schweizer Clubs beachten müssen, wenn sie die Ausländerbeschränkung erhöhen möchten und gleichzeitig von den «weiterhin wichtigen Junioren» sprechen.
Darum zum Schluss nochmals diese beiden Zahlen, die zu denken geben müssen: In der «Corona-Saison» 2020/21 stehen in der NL pro Club und Partie im Schnitt während nur 2:41 Minuten Spieler im Juniorenalter auf dem Eis. Und während nur 13 Sekunden in den Special Teams.