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Kieferbruch, Wutrede und Video – Wenn ein Streit zwischen zwei Teams eskaliert
Publiziert heute um 09:12 Uhr
Wiederholt attackierte Lausannes Mark Barberio einen ZSC-Spieler, nun wird er länger gesperrt. Zurück in diesem Zwist bleiben nur Verlierer und viele Animositäten.

Ein schmerzhaftes Rencontre: ZSC-Topskorer Garrett Roe erlitt einen Kieferbruch und fällt länger aus.
Foto: ZSC Lions
Der Röstigraben ist wieder aufgerissen im Schweizer Eishockey. Und der Auslöser ist weder ein Deutschschweizer noch ein Romand, sondern ein Kanadier: Lausannes Captain Mark Barberio. Dessen übler Crosscheck ins Gesicht von ZSC-Topskorer Garrett Roe vom Sonntag brachte die Animositäten wieder an die Oberfläche.
Das Opfer erlitt einen Kieferbruch, ZSC-Coach Rikard Grönborg war ausser sich und griff Barberio («übergewichtig», deshalb könne er sich nur noch so wehren) und sein Gegenüber John Fust (keine Kontrolle über sein Team, gehört nicht in diese Liga) auf der persönlichen Ebene an. Die Lausanner warfen den Zürchern mangelnden Stil vor. Diese wiederum plädierten für mehr Respekt auf dem Eis. Nun steht das Urteil gegen Barberio fest: acht Spielsperren.
Sofern Lausanne nicht rekurriert und die Sperre reduziert wird, ist damit gewährleistet, dass Barberio am 10. Dezember nicht mitspielt, wenn sich die beiden Teams in der Vaudoise Aréna das nächste Mal treffen. Was wohl für beide besser ist. Denn so, wie das Geschehen in den letzten Tagen hochkochte, hätte es kritisch werden können.
Dass Barberio ein Wiederholungstäter ist, floss bei der Höhe der Sperre ein, wie Einzelrichter Karl Knopf schreibt. Der Kanadier wurde im Frühling im Viertelfinal schon sechs Spiele gesperrt, nachdem er ZSC-Stürmer Sven Andrighetto kopfvoran in die Bande gewuchtet hatte.
Zitat«Es gab nun mehrere Aktionen, bei denen unsere Spieler viel Glück hatten, dass es nicht noch viel schlimmer herauskam.»
Peter Zahner
Es war nicht das einzige Vergehen Barberios in jener Serie. Die ZSC Lions stellten Anfang dieser Woche ein Video mit seinen übelsten Szenen zusammen, unter anderem einem zweihändig ausgeführten Stockschlag gegen Roe, bei dem er ihn leicht unterhalb des Halses trifft. «Ich will gar nicht daran denken, was passiert wäre, hätte er ihn weiter oben getroffen», sagt ZSC-CEO Peter Zahner. «Es gab nun mehrere Aktionen, bei denen unsere Spieler viel Glück hatten, dass es nicht noch viel schlimmer herauskam.»
Video: ZSC Lions
Er sei sich bewusst gewesen, dass er in Lausanne für seinen Vorstoss und das Video keinen Applaus ernten werde, sagt Zahner. «Aber es ging auch darum aufzuklären. Wir können nicht einfach abwarten und zuschauen. Sonst wird uns vorgeworfen, wir würden alles tolerieren.» Das Onlineportal Lematin.ch titelte darauf: «Kann sich Zürich alles erlauben?»
Der CEO der ZSC Lions sagt dazu: «Ich habe Mühe damit, wenn man jetzt mit Stilfragen vom eigentlichen Thema ablenken will. Das Schweizer Eishockey gibt gar kein gutes Bild ab. Jeder Club hat pro Saison drei bis fünf Spieler, die mit einer Gehirnerschütterung ausfallen. Ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer. Und es ist nicht lustig, sich tagelang nur flüssig ernähren zu können wie nun Roe.»
Zitat«Wir reden von unserem Team immer als Familie. Und wenn ein Familienmitglied so angegriffen wird, trifft mich das sehr.»
Rikard Grönborg
Die «verbale Ausdrucksweise» von Grönborg gezieme sich aber auch nicht, schob Zahner nach. «Er hat sich inzwischen bei Fust per Mail entschuldigt.» Der Schwede bestätigt dies. Was er genau geschrieben habe, bleibe zwischen Fust und ihm. Aber er werde sich immer für seine Spieler starkmachen, sagt Grönborg. «Wir reden von unserem Team immer als Familie. Und wenn ein Familienmitglied so angegriffen wird, trifft mich das sehr. Und ich bin ein leidenschaftlicher Mensch.»

Der aufgebrachte ZSC-Coach Rikard Grönborg (rechts) und sein Assistent Peter Popovic.
Foto: Claudio Thoma (freshfocus)
Barberio versuchte bei den Zürchern vergeblich, Roes Telefonnummer zu bekommen, um sich zu entschuldigen. Das tat er dann via soziale Medien. Roe kann aktuell ohnehin nicht reden, sondern nur Messages schreiben. In seiner Abwesenheit schieden die ZSC Lions in der Champions League gegen Rögle aus. Keines der fünf Schweizer Teams schaffte es in den Viertelfinal, man zerfleischt sich lieber gegenseitig.
Lausannes Opferrolle
Zurück bleiben nur Verlierer. Und Lausannes starker Mann, Petr Svoboda, inszeniert sich in den Westschweizer Medien als Opfer. Gegenüber dieser Zeitung wollte er sich nicht äussern, in «Le Matin» wird er wie folgt zitiert: «Der EV Zug hat uns kürzlich öffentlich beschuldigt, uns nicht um einen ihrer Spieler (Dario Simion, Anmerkung der Red.) gekümmert zu haben, der bei einem Spiel in der Vaudoise Aréna verletzt wurde. Jetzt das (die verbalen Angriffe Grönborgs). Diese Behandlung, deren Opfer wir sind, muss ein Ende haben.»
Die Affäre ist, so scheint es, noch lange nicht ausgestanden.
