Denis Malgin und die ZSC Lions – das ist eine Liaison, von der sich beide Seiten nur das Beste versprechen
Mit dem Vierjahresvertrag in Zürich hat der Nationalstürmer die Karriere mittelfristig abgesichert und kann dank einer Ausstiegsklausel den NHL-Traum weiterverfolgen. Für die Lions passt Malgin genau ins Konzept: Mit Rückkehrern wie ihm können sie zeigen, was sie als Ausbildungsklub zu leisten imstande sind.
Ulrich Pickel (NZZ)
Es war lange eine Hängepartie, wie es mit Denis Malgin weitergehen würde. Als Ende Juli das Eistraining begann, war noch nichts klar. Malgin weilte als Gast bei den ZSC Lions, aber einen Vertrag besass er nicht. Er hoffte auf eine Fortsetzung der Karriere in Nordamerika, doch es bot sich ihm keine interessante Perspektive. Malgin sagte, wenn er länger in der Schweiz bleibe, dann bei den Zürchern. Irgendwann aber musste Klarheit her. Etwa zwei Wochen vor Saisonbeginn ging der Lions-Sportchef Sven Leuenberger auf Malgin zu, um konkret über die Zukunft zu reden.
Rückkehr im zweiten Anlauf
Man war sich schnell einig, doch unterschrieben wurde nichts. Leuenberger und Malgin vereinbarten eine Deadline: das letzte Wochenende vor dem Saisonstart. Sollte er bis dahin keine Chance auf eine Rückkehr in die NHL sehen, würde er bei den Zürchern unterschreiben. Und so kam es, dass die ZSC Lions den Zuzug von Denis Malgin einen Tag vor Meisterschaftsbeginn verkünden konnten – es war perfektes Timing, um die Euphorie der Fans anzustacheln.
Malgin ist ein Rückkehrer, der nun im zweiten Anlauf wieder bei den Lions gelandet ist. «Die ZSC Lions, das fühlt sich an wie Heimat und Familie. Hier habe ich alle meine Freunde», sagt er. Eigentlich hätte er schon vor einem Jahr für sie spielen können. Damals stand er bei den Toronto Maple Leafs unter Vertrag. Malgin wäre gerne nach Zürich gekommen, aber die Umstände sprachen gegen diesen Schritt. Die Situation aufgrund der Pandemie war unsicher und unübersichtlich, es war nicht klar, wann die NHL-Saison beginnen würde. Ausserdem war damals noch Pius Suter in Zürich, der auf sein NHL-Debüt in Chicago wartete und in der Schweiz einen gültigen Vertrag bei den Lions hatte.
Dazu auch noch ein Engagement Malgins, das war ihnen zu viel. Er unterschrieb in Lausanne. Dort blieb er auch, denn Toronto hatte sich entschlossen, den Schweizer für die ganze Saison auszuleihen. Als Malgin dann in der Romandie gross aufspielte, mit 45 Punkten der beste Skorer war und im Play-off-Viertelfinal einer der gefährlichsten Zürcher Gegner, mangelte es nicht an Kritikern, die dem ZSC vorwarfen, zu zögerlich gewesen zu sein.
Jetzt ist Malgin wieder da, wo seine Karriere lanciert wurde. Dass es ihn zum Eishockey verschlug, war kein Zufall. Sein Vater, Albert Malgin, kam 1993 aus Russland zum EHC Chur und zog drei Jahre später nach Olten weiter, wo er während Jahren ein hervorragender Stürmer in der Nationalliga B war. Nach dem Karriereende wurde er Trainer und betreut heute den EHC Seewen. Denis Malgins älterer Bruder Dimitri spielte für diverse Klubs in der NLB und stürmt heute bei den Pikes Oberthurgau.

1997 kam Denis Malgin in Olten zur Welt, begann beim EHC Biel zu spielen und wechselte 2010 zum Nachwuchs der GCK Lions. Zunächst pendelte er mit dem Zug von Olten nach Zürich, später bezog er eine Wohnung in der Gegend. Er lernte, früh auf eigenen Beinen zu stehen. Bei den Zürchern durchlief er alle Stufen, war in den Junioren-Nationalteams dabei, spielte für die GCK Lions und ab 2014 als 17-Jähriger auch für den ZSC unter Marc Crawford.
Der Kanadier war angetan von diesem Teenager: auffallend elegant auf den Schlittschuhen, eine stupende Übersicht und Spielintelligenz, ein offensiver Spielmacher wie aus dem Bilderbuch. Die relativ bescheidenen Körpermasse (175 cm und 80 kg) störten ihn nicht. Nach zwei vielversprechenden Saisons mit den ZSC Lions wechselte Malgin 2016 zu den Florida Panthers in die NHL. Vier Jahre blieb er dort, es war keine schlechte Zeit. Malgin kann heute als 24-Jähriger auf 192 NHL-Partien zurückblicken (60 Punkte).
Der Durchbruch blieb ihm aber verwehrt, er wurde in einem Spielertausch schliesslich nach Toronto transferiert – für Malgin ein schlechter Wechsel, im Starensemble der Kanadier blieb er auf verlorenem Posten. Den NHL-Traum hat er aber noch nicht aufgegeben. Sein Vertrag beim ZSC ist zweierlei: eine mittelfristige Existenzsicherung und ein Sprungbrett zurück. Für vier Jahre hat er unterschrieben, doch es gibt eine Klausel, die ihm jeweils per 15. Juli einen Wechsel in die NHL erlaubt.
Er sprengt das Budget nicht
Malgins Last-Minute-Transfer hat zu reden gegeben. Erstens, weil Spieler seines Kalibers nicht jeden Tag erhältlich sind. Und zweitens, weil solche Zuzüge ihren Preis haben. Das Image der Zürcher Geldsäcke, die jederzeit hemmungslos zuschlagen, wenn ein grosser Name verfügbar ist, hat sich einmal mehr bewahrheitet. Doch so einfach ist es nicht, wie Leuenberger betont. Malgins Lohn gehe nicht über das Budget hinaus. «Pius Suters Lohn war da immer noch eingerechnet», so der Sportchef. Als Suters Vertrag in Chicago auslief, war er faktisch wieder ein Lions-Spieler, denn sein Kontrakt mit dem ZSC läuft noch bis 2022. Der ZSC konnte damit rechnen, dass Suter zurückkommen würde. Also musste diese Lohnsumme sicherheitshalber für ihn bereitgehalten werden. Als Suter Ende Juli für zwei Jahre in Detroit unterschrieb, wurde das Geld für den Malgin-Zuzug frei.
Was bringt dieser Transfer? Mehr Unberechenbarkeit im Angriff. Mit ihm haben die Lions drei offensive Linien, was nur wenige Teams von sich behaupten können. Malgin bringt noch mehr Tiefe, noch mehr Klasse ins Kader. Der Trainer Rikard Grönborg sagt: «Selbstverständlich habe ich die ganze Zeit gehofft, dass er bei uns unterschreibt. Er gibt uns mehr Optionen im Angriff und macht uns unberechenbarer.» Malgin sagt: «Ich hatte zwar eine Offerte von Toronto, aber dort hätte ich nicht oft spielen können. Ich bin erst 24, ich brauche viel Spielpraxis. Der Wechsel zum ZSC ist der beste Schritt für meine Karriere, um zu zeigen, was ich kann. Ich kann meine Mitspieler besser machen und will mehr Drive aufs Tor bringen.»
Der ZSC will Lokalkolorit
Die Causa Malgin hat noch eine übergeordnete Komponente. Transfers wie diesen machen die ZSC Lions am liebsten. Seit Jahren verfolgen sie die Strategie, möglichst viele Spieler aus den eigenen Reihen bei sich zu haben. Prominente Rückkehrer wie letztes Jahr Sven Andrighetto oder nun Malgin sind die Aushängeschilder, die zeigen, was die ZSC Lions als Ausbildungsklub zu leisten imstande sind. Und ab dem nächsten Jahr spielen sie in ihrer eigenen Halle in Altstetten, die ihnen dank Selbstvermarktung höhere Einnahmen bringen wird. Der Malgin-Transfer war eine Gelegenheit, die sich der Klub nicht entgehen lassen durfte – eine Win-win-Situation für die beiden Seiten.
Es ist alles angerichtet für eine erfolgreiche letzte Saison im Hallenstadion. Malgin könnte eines der Puzzleteile sein, die letztes Jahr fehlten. Drei Spiele hat er absolviert und ein Tor und einen Assist beigesteuert. Momentan steht er dem Team nicht zur Verfügung. Die Siege gegen Ajoie und Langnau musste er vor dem Fernseher in Herrliberg verfolgen, wo er mit seiner Frau wohnt. Malgin fehlt krankheitshalber. «Es ist aber nicht Corona», wie er sagt. Gut möglich, dass er am kommenden Wochenende wieder fit ist. Mit der Genesung kann er sich die nötige Zeit ruhig lassen. Der ZSC kann es verkraften, wenn hin und wieder prominente Spieler wie Denis Malgin ausfallen



