INTERVIEW
Nach 15 Jahren in Nordamerika kehrt der ZSC-Premiumtransfer Yannick Weber in die Heimat zurück und sagt: «In Montreal wirst du wie ein König behandelt»
Fast seine ganze Karriere hat der Nationalmannschafts-Verteidiger Yannick Weber in Nordamerika verbracht, er absolvierte in der NHL mehr als 500 Partien. Nun schliesst sich der 32-jährige Berner mit einem Dreijahresvertrag den ZSC Lions an – und sagt, er würde lügen, wenn er behauptete, jede Aufstellung der National-League-Teams fehlerfrei rezitieren zu können.
Nicola Berger (NZZ)
Sie kehren nach 15 Jahren in Nordamerika in die Schweiz zurück. Wie schwer fällt Ihnen der Abschied?
Ich bin Realist, ich wusste, dass es für mich in der NHL nicht einfach werden würde. Ich hatte ja schon im Januar einige Mühe gehabt, einen Vertrag zu erhalten, Jüngere liegen im Trend. Und jeder Spieler hat ein Ablaufdatum. So ist das Geschäft, jeder, der in der NHL spielt, kennt den Deal.
Was bleibt von all den Jahren in Übersee?
Ich verspüre eine enorme Dankbarkeit. Als Jugendlicher träumte ich von der NHL, aber das war unendlich weit weg. Eher ein Hirngespinst. Aber als ich dann 2006/07 mein erstes Jahr in der Juniorenliga bei Kitchener spielte, realisierte ich: Hey, das kann tatsächlich klappen. Eigentlich bin ich dorthin, weil ich dachte, das sei eine wertvolle Lebenserfahrung, so ein Jahr in Kanada. Und dann habe ich realisiert: Ich bin nicht schlechter als die Jungs aus Kanada und Amerika. Und so habe ich mich festgebissen, es wurden mehr als 500 Spiele. Darauf bin ich stolz. Es gab auch schwierige Zeiten, zum Beispiel, als ich in die AHL abgeschoben wurde. Aber ich habe mich durchgekämpft. Es war eine phantastische Zeit, ich habe jedes Jahr genossen.
Auch das letzte in Pittsburgh mit nur zwei Einsätzen?
Ja. Natürlich hätte ich gerne mehr gespielt, aber die Ausgangslage war von Anfang an klar: Ich würde nur spielen, wenn sich andere Verteidiger verletzen sollten. Das ist nicht passiert. Aber jeden Tag die Garderobe mit Sidney Crosby, Jewgeni Malkin und Kris Letang teilen, das ist einfach nicht selbstverständlich. Es war sehr interessant, zu sehen, wie sie ein Team führen. Ich bin jetzt 32. Und lerne noch immer. Darum: Ja, auch Pittsburgh war ein gutes Jahr.
Aber es ist kein Geheimnis, dass Sie lieber in Nashville geblieben wären.
Das wäre cool gewesen, klar. Meine Verlobte und ich haben uns dort sehr wohl gefühlt. Ich hatte mit Roman Josi einen sehr guten Freund im Team. Es wäre super gewesen, wenn ich hätte bleiben können. Aber wir spielten 2019/20 eine ziemlich enttäuschende Saison, und es war klar, dass es Wechsel geben würde. Ich wusste, dass es für mich schwierig wird als älterer Spieler ohne grossen Namen und mit auslaufendem Vertrag. Ich erhielt dann die Chance, mich im Trainingscamp noch einmal zu beweisen. Aber leider erkrankte ich kurz davor an Covid-19 und verletzte mich dann im Camp.
Die Stimme des Captains Roman Josi hat in der Organisation Gewicht. Hat er sich für Sie eingesetzt?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hätte mitbekommen sollen, aber ja, hat er. Das hat mich gefreut, logisch. Aber am Ende des Tages ist es der Entscheid des General-Managers und des Trainers. Die NHL ist kein Ort für allzu viel Sentimentalitäten.
Mit Nashville schafften Sie es 2017 in den Stanley-Cup-Final, zum Titel fehlten nur zwei Siege. Trauert man dieser Serie nach?
Definitiv. Wir waren so nahe dran. Und es war so eine gute Erfahrung. Die ganze Stadt befand sich im Eishockey-Fieber. Und im Team glaubten wir alle, dass dies nur der Anfang war, dass wir den Stanley-Cup holen würden. Aber danach gewannen wir nur noch eine Play-off-Serie. Die NHL ist brutal, es ist verdammt schwierig zu gewinnen. Und natürlich denkt man jetzt erst recht zurück und überlegt, was man anders hätte machen können oder müssen. Im letzten Jahr ganz besonders. Wir verloren ja gegen Pittsburgh, ich bin da jeden Tag an den Erinnerungsfotos und Jubelbildern vorbeigelaufen.
Als Sie frisch in die Liga kamen, in Montreal und danach auch in Vancouver, spielten Sie viel Powerplay und kamen auf respektable Skorerwerte. In Nashville waren Sie ein strikter Defensivverteidiger. Wie erfindet man sich mitten in der Karriere neu?
Es blieb mir keine andere Wahl. Ich wollte unbedingt in der NHL bleiben, und das war die einzige Rolle, die man mir geben wollte. In Nashville hatten wir Roman Josi, PK Subban, Ryan Ellis und Mattias Ekholm. Dass Yannick Weber da nicht viel Powerplay spielt, versteht sich von selber. Ich habe versucht, mir eine andere Nische zu schaffen. Und es half mir, dass ich schon immer ein ziemlich kompletter Verteidiger war. Ich hatte bereits auf Juniorenebene viel Boxplay gespielt.
Wie hat sich die NHL in all den Jahren verändert?
Sie ist sauberer geworden, sicherer auch, was die Hirnerschütterungen angeht. Es gibt die «goons», die Prügler, nicht mehr. Das war eine wichtige Entwicklung.
Sie haben selber auch zwei Mal die Fäuste fliegen lassen . . .
Stimmt, aber ich denke nicht, dass man mich dafür in Erinnerung behalten wird. (Lacht.) Einmal habe ich mich mit Chris Kunitz geprügelt, in der Finalserie gegen Pittsburgh. Aber es war eher ein Klammern. Für mich ging es darum, eine nicht ganz so schlechte Figur abzugeben.
Hat Sie das Dasein im Schatten von Roman Josi je gestört?
Überhaupt nicht, eher im Gegenteil. Ich habe die Öffentlichkeit nie gesucht und würde sagen, dass ich eher ein privater Mensch bin. Eishockey mag ich des Sportes wegen, nicht aufgrund der Show. Darum war es mir eigentlich ganz recht, dass die Aufmerksamkeit nicht auf mir lag. Wobei es in Nashville ohnehin nicht so extrem ist. Es gibt so viele Prominente in der Stadt, Musikstars und Football-Spieler. Es ist nicht so, dass Josi nicht mehr aus dem Haus kann. In Montreal zum Beispiel habe ich das anders erlebt. Da kennt dich jeder, auch wenn du kein Star bist. In Montreal wirst du als Hockey-Profi wie ein König behandelt. Für mich als jungen Schweizer war das ziemlich krass.
Die Stimmung kann aber auch dort drehen.
Auch das habe ich erlebt. Das war rückblickend eine gute Lebensschule. Ich lernte, mit öffentlicher Kritik umzugehen und sie auszublenden.
Roman Josi hat zusammen mit dem ehemaligen Nationalmannschafts-Captain Mark Streit 2020 einen Aktienanteil am SC Bern erworben. Sie sind ebenfalls im SCB gross geworden. War das für Sie auch ein Thema?
Wir haben darüber schon diskutiert, ja. Auch meine Wurzeln liegen in Bern. Es wäre eine coole Sache gewesen. Aber ich sehe meinen Lebensmittelpunkt nach der Karriere eher in Nordamerika. Darum habe ich mich dagegen entschieden.
Also war es kein Faktor, dass Mark Streit und Roman Josi in den meisten Jahren das Vielfache von Ihrem Salär verdient haben?
Doch, doch. (Lacht.) Für sie ist das ein anderes Investitionsvolumen als für mich, keine Frage.
Ihre Verträge bewegten sich in den letzten Jahren meist um den NHL-Mindestlohn herum. Abzüglich der Steuern hätten Sie in der Schweiz vermutlich mehr Geld verdienen können.
Das kann sein. Aber Geld war für mich nie der Treiber. Ich wollte Teil der NHL sein, der besten Liga der Welt. Da war es mir eigentlich relativ egal, ob ich in der National League mehr hätte verdienen können.
Nun wechseln Sie mit einem Dreijahresvertrag zu den ZSC Lions. Wieso zu diesem Klub?
Da gibt es mehrere Gründe. Ich kenne und schätze den Sportchef Sven Leuenberger seit bald 20 Jahren, das hat es erleichtert. Und dann wollte ich zu einem ambitionierten Team wechseln. Das ist der ZSC ohne Frage, es ist eine stolze Organisation. Werden die Lions nicht Meister, ist es in der öffentlichen Wahrnehmung keine gelungene Saison. Das ist die Art von Druck, die ich mag. Und bald kommt das neue Stadion, das ist ein weiterer Pluspunkt.
Sie haben praktisch immer auf der kleineren nordamerikanischen Eisfläche gespielt, Ausnahmen waren das Engagement bei Genf/Servette während des Lockouts 2012/13 und die Einsätze in der Nationalmannschaft. Wie lange wird es dauern, bis die Umstellung abgeschlossen ist?
Ich werde sicherlich etwas Zeit benötigen. Nicht nur wegen der Eisfläche, sondern auch, weil ich eine andere Rolle haben werde.
Wie gut kennen Sie das Schweizer Eishockey eigentlich noch?
Natürlich kenne ich viele Spieler, schon nur aus dem Umfeld der Nationalmannschaft. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, jede Aufstellung fehlerfrei aufsagen zu können. Auch das wird Zeit brauchen: lernen, welche Stürmer wie funktionieren und spielen, worauf man bei ihnen achten muss. Zum Glück habe ich beim ZSC sehr gute Kollegen, die mir dabei helfen können, Maxim Noreau zum Beispiel.
Die allerwenigsten Rückkehrer aus der NHL konnten im ersten Jahr nach der Rückkehr die enormen Erwartungen erfüllen. Haben Sie Respekt vor dem Druck?
Respekt auf jeden Fall. Aber genau auf das freue ich mich ja: mehr Verantwortung, mehr Spielfreude.
Es kursiert die Legende, Sie hätten in Nashville regelmässig exzellente Fitnesswerte abgeliefert. Stimmt das?
Ich hatte in meinen vier Jahren jeweils die besten Werte des Teams. Aber ich bilde mir nicht zu viel darauf ein, ich hatte einfach Glück, was meinen Körper angeht.