Analyse zum FC Zürich
Jetzt müsste sich Ancillo Canepa neu erfinden
Die schwache Saison zeigt, dass der FCZ einen neuen Trainer braucht. Und endlich auch ein Umdenken beim Präsidenten: Er sollte starke Leute neben sich dulden.
MEINUNG
Thomas Schifferle (TA)
Ein paar Mal waren wenigstens einige Fans des FCZ in den letzten Wochen spürbar. Gegen Lugano versuchten sie ausserhalb des Stadions, ihrer Mannschaft nicht nur auf vorbildliche Art zu helfen. Sie schauten beim Training auf der Allmend vorbei, gedacht als Motivationsspritze. Letzte Woche passten sie nach dem Spiel gegen St. Gallen die Spieler ab, als diese in ihren Autos davonfuhren. Immerhin versprachen sie ihnen die Unterstützung, falls sie in die Barrage müssten.
Die Bilder sind nicht vergleichbar mit 2016, als eine Horde nach einem 0:4 gegen Lugano den Tribünengang stürmte und anderntags bis in die Kabine auf dem Trainingsgelände vordrang. Präsident Ancillo Canepa war «Scheiss Canepa!». Damals war die Wut ungefiltert. Heute ist vielleicht ganz gut, dass es wegen Corona einen leeren Letzigrund gibt und die Distanz zwischen Club und Anhängerschaft so gross ist, dass das Gefühl von Gleichgültigkeit aufkommt.
Damals präsentierte sich der FCZ in schrecklicher Verfassung, er hatte in Sami Hyypiä den wohl schlechtesten Trainer seiner Geschichte und stieg folgerichtig ab. Heute hat er sich noch mit Ach und Krach vor der Barrage gerettet, das macht es nicht viel besser. Er steht praktisch wieder am Nullpunkt: Es geht um seine grundsätzliche Ausrichtung, natürlich um Canepa und um die Frage, ob es mit Massimo Rizzo überhaupt noch weitergehen kann.
Das Scheitern von Rizzo
Es war richtig, sich Anfang Oktober von Magnin zu trennen. Der FCZ hatte unter ihm nur 38 von 108 Spielen gewonnen. Entwicklung war keine spürbar. Rizzo wurde von der U-18 nach oben befördert und profitierte davon, dass Teile der Mannschaft froh waren, nicht mehr mit Magnin arbeiten zu müssen. Er setzte auf die Defensive und pragmatischen Fussball, und er gewann aus den ersten vier Spielen zehn Punkte, so viele, wie es unter Magnin in den 14 Spielen zuvor nicht gegeben hatte.
Als Rizzo versuchte, seine Mannschaft offensiver auftreten zu lassen, kehrten die Probleme zurück. Die Zahlen sagen inzwischen alles über den gescheiterten Versuch: In der Rückrunde hat nur St. Gallen weniger Punkte geholt. Der FCZ ist seit Januar in Abstiegsform aufgetreten – und das in dieser Liga, wo es ausser YB nicht eine einzige stabile Mannschaft gegeben hat.
Für den Fussball, der unter Rizzo zu sehen war, hätte Magnin nicht gehen müssen. Mit Magnin wäre es wenigstens abseits des Platzes unterhaltsamer gewesen. Der FCZ braucht einen neuen Trainer. Das ist die naheliegende Diagnose der letzten Monate. Auch mit Rizzo gibt es kein Weiterkommen, keine Weiterentwicklung.
Er mag vieles sein, loyal, anständig, korrekt, aber er hat nicht die Ausstrahlung eines Cheftrainers. Im Verein, wo er gefühlt sein ganzes Leben verbracht hat, taugt er nicht dazu, auf einmal das grosse, das bestimmende Wort zu führen und sich aufzulehnen gegen den Präsidenten. Seine Überforderung im Coaching zeigte sich am Samstag nach Nathans Platzverweis in Basel. Da habe er eben schnell entscheiden müssen, erklärte er. Ein wirklicher Stratege weiss vorher, was er in einem solchen Fall zu tun hat. Der käme sicher nicht wie Rizzo auf die Idee, Blerim Dzemaili in die Abwehr zurückzuziehen.
Das Problem ist ganz oben
Mit einem Trainerwechsel allein ist beim FCZ das Problem nicht gelöst. Das reicht bis ganz nach oben, besser: Es beginnt da, bei Ancillo Canepa. Er ist es im Endeffekt, der die Mannschaft zusammenstellt. Dass es einen Sportchef gibt, der dafür zuständig wäre, spielt da weiter keine Rolle. Marinko Jurendic verbringt Stunden am Computer und schreibt Analysen, die er dem Präsidenten weitergibt. Aber wirklich viel zu bestimmen hat er nicht.
Er wolle sich mit den besten Leuten umgeben, behauptet Canepa. Der Ansatz ist richtig. Nur stimmt er in seinem Fall nicht. Die Besten hat er nicht, weil sie eine Meinung haben und vertreten, und weil er genau das nicht mag. Thomas Bickel sprach sich als Sportchef im Winter vor einem Jahr gegen eine Zukunft mit Magnin aus, Canepas Reaktion bestand darin, den Vertrag mit dem Trainer vorzeitig und ohne Not um zwei Jahre zu verlängern. Die persönliche Antwort darauf erhielt Bickel im letzten Juli, als er zum Scout zurückgestuft wurde.
Der Club lebt von Canepas Bauchgefühl. An guten Tagen ist das unterhaltend. Nur sind die guten Tage sehr selten geworden.
Das Ego und die Emotionalität sind bei Canepa noch immer das Grösste gewesen. Beratungsresistenz zieht sich durch seine letzten Jahre als Präsident. Das ist schade, weil er es gut meint mit seinem FCZ; zusammen mit seiner Frau, der Co-Präsidentin Heliane, sorgt er für die Finanzen und das Weiterbestehen. Aber am Ende ist es bei ihm so wie bei seiner Art des Maskentragens im Stadion: Er macht vieles falsch.
Ohne die Launen von Canepa, dem Vollzeitpräsidenten, geht beim FCZ nichts. Mal ist Magnin sein Adoptivsohn, dann Rizzo sein Ziehsohn, oder umgekehrt. Mal träumt er vom schönen Fussball, dann findet er Magnins Spiel aus der Abwehr heraus wieder «esoterisch». Mal will er keinen Abräumer à la Gattuso fürs Mittelfeld, jetzt sagt er, dass er nur noch Spieler wolle, die wirklich mit Druck umgehen könnten.
Beim FCZ stellt sich die Frage, ob die Mannschaft überhaupt die Qualität besitzt, um den Ansprüchen des Chefs genügen zu können. Und die Antwort ist einfach: nein. Wenn Captain Yanick Brecher sagt, der FCZ gehöre in den Europacup, «ohne Wenn und Aber», belegt das nur, wie tief durchgedrungen das Denken Canepas ist. Es ist realitätsfremd, solange Spieler da sind, die sich überschätzen und das Gleichgewicht der Mannschaft stören – Spieler wie Benjamin Kololli, Blaz Kramer oder Nathan.
2018, der letzte Ausreisser
Jüngst hat Antonio Marchesano gesagt: «Die Tabelle lügt nicht. Wir stehen da, wo wir stehen müssen.» Anders gesagt: Jeder bekommt, was er verdient. Nach dem Aufstieg reichte es einmal noch zum 4. Platz; Uli Forte hatte für Magnin die Basis dazu gelegt, bevor ihm intern Resultatfussball und vergessene Nachwuchsförderung vorgehalten wurden. In den zwei ganzen Saisons mit Magnin folgten zwei 7. Plätze. Jetzt endet es wieder trostlos – mit Rang 7 oder 8.
Der FCZ lebt von Canepas Bauchgefühl. An guten Tagen mag das unterhaltend sein. Das mag dem Club dann Farbe verleihen und Eigenständigkeit. Bloss sind die guten Tage sehr selten geworden. Der letzte wirkliche Ausreisser nach oben geht auf den 25. Oktober 2018 zurück, als es in der Europa League gegen Bayer Leverkusen ein 3:2 gab. Von diesem Sieg und der folgenden Qualifikation für den Sechzehntelfinal gegen Napoli zehrte Magnin als Trainer ganz lange.
Er hatte wenigstens etwas, wovon er leben konnte. Rizzo hat das trotz seines Vertrages bis 2022 nicht. Und Canepa steht als «Constantin des FCZ» vor der Frage, wie es weitergehen soll. Er müsste sich neu erfinden und im sportlichen Bereich starke Leute neben sich dulden. Die Chance, dass das passiert, ist allerdings verschwindend klein.