Schweizer Fussball in Sorge
Jetzt geht es darum, die Hoffnung und die Fans nicht zu verlieren
Corona hinterlässt tiefe Spuren in der Super League. Exponenten machen sich Gedanken über die Verschiebung von Spielen und die Zukunft.
Thomas Schifferle, Peter Birrer, Florian Raz (TA)
Es war erst Mittwoch, als Claudius Schäfer Alarm schlug. Dabei waren da für dieses Wochenende immerhin noch drei von fünf Spielen der Super League angesetzt. Trotzdem blickte der CEO der Swiss Football League bereits sorgenvoll auf die Zahl der Mannschaften, die in Quarantäne gesetzt wurden: «Wenn wir hier keine Lösung finden, kann das den Meisterschaftsbetrieb vor grössere Probleme stellen.»
Zwei Tage später waren neben Sion und Vaduz auch Lugano und Servette auf die Liste jener Teams gekommen, die vorerst keine Spiele bestreiten können. Vier von fünf Partien sind damit verschoben. Spätestens jetzt ist klar: Die Ausweichdaten bis Weihnachten gehen schneller weg als Smarties am Kindergeburtstag.
Schäfer stört sich vor allem an den Kantonsärzten, die seiner Meinung nach zu häufig eine zu grosse Zahl an Spielern in Quarantäne schicken: «Es ist für mich unverständlich, wie das hierzulande trotz anderslautender Absprache mit den Gesundheitsbehörden im Vergleich mit anderen Ländern gehandhabt wird.» Ihm schwebt eine Lösung vor, wie sie in Österreich trotz eines Lockdowns ab kommendem Dienstag gilt. Dort werden nur positiv getestete Spieler isoliert. Der Rest des Teams kommt in eine spezielle Quarantäne, die Trainings und Matchs erlaubt.
Ob ein «Modell Österreich» auch in der Schweiz denkbar ist?
Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren sagt auf Anfrage dazu nichts Konkretes und verweist auf die zuständigen Kantonsärzte. Für diese hält Thomas Steffen, Kantonsarzt von Basel-Stadt, fest: «Ein Schutzkonzept per se bedeutet keine Quarantänebefreiung.»
Steffen benennt auch ein Problem in den Konzepten der Clubs: «Oft ist das gemeinsame Essen ein Schwachpunkt.» So sind derzeit mehrere Luganesi in Quarantäne, weil sie gemäss Kantonsarzt beim Mittagessen zu nahe nebeneinander gesessen haben. Inzwischen hat die Liga in ihrem Schutzkonzept neue Vorgaben für die Mahlzeiten festgeschrieben.
Wenn Steffen jedoch erklärt, warum er vor zwei Wochen fast das ganze Team des FC Basel in Quarantäne schickte, wird ein grundsätzliches Problem sichtbar: «Es fanden mehrere gemeinsame mindestens einstündige Trainings mit engem Körperkontakt statt.» Um das zu verhindern, müsste die Liga eigentlich in die Trainingsgestaltung ihrer Clubs eingreifen.
Trainer Maurizio Jacobacci: Mit Feuereifer gegen die Sorgen
Im Hotel gleich beim Bahnhof Bellinzona sitzt Maurizio Jacobacci. Er trägt ein kurzärmliges Leibchen, weil es ein wunderbarer Sonnentag ist ennet des Gotthards. Mit dem Velo ist er vorgefahren, seine Wohnung liegt nur ein paar Minuten entfernt.
Eigentlich sitzt er da, um über sein Trainerleben zu erzählen, die vielen Stationen, die er bisher gehabt hat, das lange Warten, bis er endlich die Chance bekommen hat, Cheftrainer in der Super League zu sein. 55 musste er werden, bis es Anfang 2018 bei Sion so weit war. Sieben Monate dauerte das Intermezzo.
Seit genau zwölf Monaten ist er beim FC Lugano. Jacobacci erledigt seine Arbeit unaufgeregt und erfolgreich. Als er am Donnerstag hinter seinem Cappuccino sitzt, müsste er sich normalerweise auf den Sonntag freuen: Lugano gegen YB, unbesiegter Dritter gegen unbesiegten Leader.
Aber er kann es wegen Mattia Bottani nicht. Sein Stürmer meldete sich am Montag mit Fieber und Rückenschmerzen beim Verein, er wurde auf Corona getestet und war positiv; es stellte sich heraus, dass er sich am Sonntag bei einem Familientreffen angesteckt haben musste. Aber damit war es nicht getan. Weil die Kantonsärzte 48 Stunden ab dem Moment zurückrechnen, ab dem jemand Symptome verspürt, wurden auch Bottanis Kontakte am Samstag überprüft.
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Da sass er vor dem Spiel gegen St. Gallen beim Essen mit Noam Baumann, Jens Odgaard und Jonathan Sabbatini am Tisch – «an einem grossen runden Tisch», sagt Jacobacci, «wo acht Leute Platz haben, sitzen bei uns immer nur vier». Den Kantonsarzt hat das offensichtlich nicht beruhigt. Er schickt die drei Tischnachbarn Bottanis ebenfalls in Quarantäne.
Das erfährt Jacobacci am Donnerstag, als er das Handy stets griffbereit vor sich auf dem Tisch hat. Da vernimmt er auch, dass Sebastian Osigwe, sein Goalie, positiv ist, ohne dass er Symptome hat. Und weil Marcis Oss mit ihm am Dienstag beim Training kurz engeren Kontakt hatte, muss er ebenfalls in Isolation. Das gilt ebenso für zwei Nachwuchsspieler, die mit der 1. Mannschaft trainieren, aber am Samstag mit der U-21 gespielt hatten, wo einer ihrer Kollegen positiv getestet wurde. «Das ist alles kompliziert», sagt Jacobacci. Er ist froh, dass Baumann, Odgaard und Sabbatini wenigstens in einer Blase trainieren können, bis sie am Dienstag wieder zur Mannschaft stossen dürfen.
In Lugano tun sie alles, um die Schutzmassnahmen einzuhalten. Davon erzählt Jacobacci im Detail. Er tut das mit dem Feuereifer, der ihm eigen ist. Und weil er den hat, will er trotz allem positiv denken. «Ich würde zugrunde gehen, wenn ich Pessimist wäre», sagt er, «darum versuche ich, so optimistisch wie möglich durchs Leben zu gehen.» Eine Sorge hat er trotzdem: Die betrifft seine Eltern, 85 und 83 Jahre alt, sie leben drei Autostunden von Bellinzona weg in Vicenza. Er hätte sie gerne zu sich in die Schweiz geholt. Bürokratische Hindernisse haben das verhindert.
Goalie David Zibung: Vertrauen in den Bundesrat
Am Mittwochnachmittag sass David Zibung daheim vor dem Fernseher, als in Bern über die neuen Beschlüsse informiert wurde. Für Zibung ist der Bundesrat nicht irgendein Gremium, sondern die Instanz, die Verantwortung trägt in der Krise. Er sagt sich: «Dem Bundesrat vertraue ich. Was er erzählt, nehme ich ernst. Trotzdem habe ich jetzt nicht das Gefühl, dass mein Leben total eingeschränkt ist.» Und: «Ich wüsste nicht, wieso ich mich über Massnahmen aufregen sollte. Die werden ja nicht zum Spass erlassen.»
Zibung ist 36, der Goalie steht in seiner 18. Profi-Saison beim FC Luzern, mehr als 500 Spiele hat er bestritten. Jetzt ist er hinter Marius Müller zwar nur die Nummer 2, aber Einfluss im Team hat er auch in dieser Rolle. Es ist nicht so, dass er Spass daran hätte, in der Garderobe die Maske zu tragen, «aber wenn ich von den Behörden eine Vorgabe erhalte, befolge ich sie. Das mag für einige bünzlihaft klingen, für mich ist das normal.» Er bemüht sich, das Bewusstsein bei Kollegen zu schärfen, indem er vereinzelt auf die Maskenpflicht aufmerksam macht: «Es muss jetzt einfach sein.»
Für den Luzerner hat sich der Alltag verändert, er ist vorsichtiger geworden. In seinen Worten: «Ich plane mein Handeln bewusster.» Das hat vor allem damit zu tun, dass er auf keinen Fall derjenige sein will, der mit einem positiven Corona-Befund den Betrieb beim FC Luzern zum Erliegen bringt. «Die Mannschaft in Quarantäne wegen mir, möglicherweise eine Spielverschiebung – das ist wahrlich keine schöne Vorstellung», sagt Zibung. «Darum versuche ich alles, um das Risiko zu minimieren.» Konkret: soziale Kontakte via Handy pflegen, Einkäufe nur höchst selten erledigen «und wenn, dann eile ich durch den Laden, dazu desinfiziere ich vor- und nachher die Hände».
Er verzichtet auch darauf, die Jüngere seiner zwei Töchter zum Turnen zu begleiten wie sonst. Das übernimmt nun die Frau. «Natürlich schliesst das eine Ansteckung nicht komplett aus», sagt er, «aber wir verhalten uns so, dass ich guten Gewissens behaupten kann: Viel mehr kann ich nicht mehr tun.»
Präsident Matthias Hüppi: Die Fans im Rücken
Als der Bundesrat Anfang Oktober die Stadien wieder zu zwei Dritteln öffnete, gab es in St. Gallen gleich ein erstes Fest. 9244 Zuschauer kehrten in den Kybunpark zurück. Nach dem Sieg gegen Servette rannten die Spieler auf die gut besetzte Fankurve los, um sich für die lautstarke Unterstützung zu bedanken. An der Seitenlinie filmte Präsident Matthias Hüppi die Szene. Über sieben Monate hatte auch er auf einen solchen Moment warten müssen, darum wollte er ihn festhalten.
Am Sonntag ist die Tristesse zurück, nur 50 Leute dürfen für den Match gegen Basel noch ins Stadion. Wenigstens kann in St. Gallen noch gespielt werden. «Wenn die Spieler auf dem Platz stehen, ist Corona kein Thema», sagt Trainer Peter Zeidler, «der Fussball hat die Kraft, das kurz zu vergessen.»
Auch in St. Gallen tun sie alles, die Vorschriften einzuhalten. Die Spieler ziehen sich in verschiedenen Kabinen um, auch wenn dadurch das gemeinsame Leben, das für eine Mannschaft wichtig ist, kaum mehr stattfindet. «Das Bewusstsein ist vorhanden, dass sie sich in dieser Lage vorsichtig verhalten müssen», sagt Simon Storm, Leiter Physiotherapie und Athletik in St. Gallen.
Wer Symptome hat oder sich nicht gut fühlt, muss sich umgehend bei Storm melden. Dann darf er auch nicht ins Stadion kommen, sondern muss einen Corona-Test machen. Anfang dieser Woche war das bei drei Spielern der Fall, sie sind alle negativ.
In St. Gallen ist der Rückhalt der Fans auch in dieser schwierigen Zeit ungebrochen. Präsident Matthias Hüppi erzählt von der Solidarität, die er bei ihnen spürt: «Dabei geht es nicht um Franken und Rappen. Es geht um Vertrauen. Das bringt emotional enorm viel und sorgt für Sicherheit.»
0:5 verlor St. Gallen Ende Juli daheim gegen Basel und damit die Hoffnung auf den Meistertitel. Zeidler will deshalb jetzt nicht von Revanche reden, er sagt lieber: «Wir wollen kämpfen, fighten, alles reinlegen.» Er redet, als wären die Zeiten normal.