Ist der ZSC Meister? Steigt Kloten auf?
Nach dem abrupten Ende der Eishockeysaison stellen sich zwei wichtige Fragen. Mittendrin sind die Zürcher Clubs.
Simon Graf (TA)
Eishockey ist relativ simpel: Wer ein Tor mehr schiesst, gewinnt. Durch den Abbruch der Saison wegen des Coronavirus wird es nun kompliziert. Viele rechtliche und organisatorische Fragen kommen auf die Clubs zu, und auch zwei sportliche. Nämlich die: Gibt es einen Meister? Gibt es Aufsteiger? Und mittendrin sind zwei Zürcher Clubs: Die ZSC Lions und der EHC Kloten beendeten die National, respektive Swiss League auf Rang 1 und fühlen sich durch das abrupte Saisonende um ihren Ertrag geprellt.
Ligadirektor Denis Vaucher hatte vor, die Fragen nach einem Meister und einem Aufsteiger (oder mehreren) gleich in der Telefonkonferenz vom Donnerstag abzuhandeln, wurde von den Clubs aber zurückgepfiffen. Diese beharrten mit 56:4 Stimmen darauf, diese Themen am Freitagnachmittag in der ausserordentlichen Ligaversammlung zu verhandeln. Es bräuchte eine Dreiviertelmehrheit, um die ZSC Lions zu Meistern zu küren und Kloten und Visp zu Aufsteigern. Also 45 von 60 Stimmen, falls alle Clubs anwesend sind.
«Wenn uns der Titel zugesprochen würde, würden wir sicher nicht ablehnen.»
ZSC-Sportchef Sven Leuenberger
Aber möchten die Stadtzürcher diesen Meistertitel mit Sternchen überhaupt. «Wenn er uns zugesprochen wird, würden wir sicher nicht ablehnen», sagt Sportchef Sven Leuenberger. «Logisch wäre es nicht das Gleiche. Aber es wäre ein Zeichen, um zu sagen: Diese 50 Runden sind etwas wert. Die Qualifikation hat wieder vier Trainern den Kopf gekostet, es standen pro Team siebeneineinhalb Ausländer im Einsatz, es wurden viele Investitionen getätigt, damit man ins Playoff und möglichst weit nach vorne kommt. Das sollte man nicht verniedlichen.»
Zudem gehe es darum, das Produkt Eishockey zu verkaufen, so Leuenberger weiter. «Ist es da gut, wenn wir gar keinen Meister haben?», fragt er rhetorisch. SCB-Geschäftsführer Marc Lüthi sprach sich dafür aus, die ZSC Lions zu den Meistern zu erklären. Bei anderen dürfte auch der Anti-Zürich-Effekt spielen. Beim EV Zug gibt man sich skeptisch, auf diese Weise Meisterehren zu verteilen. Ein Schelm, der denkt, die Zuger würden dies anders betrachten, hätten sie das 50. Qualifikationsspiel gegen die Lions gewonnen und sich Rang 1 gesichert.
«Wir kämpfen bis zum Schluss um den Aufstieg. Das sind wir unseren Fans schuldig.»
Kloten-Präsident Mike Schälchli
Noch deutlicher als die ZSC Lions in der Meisterfrage äussert sich der EHC Kloten punkto Aufstieg. So sagt Präsident Mike Schälchli: «Unsere ganze Saison war darauf ausgerichtet, den Aufstieg zu schaffen. Der Stopp der Meisterschaft hat uns jäh getroffen. Ich würde mir wünschen, dass wir noch spielen. Natürlich müssen wir uns den Entscheidungen fügen, die Gesundheit geht vor. Aber wir kämpfen bis zum Schluss um den Aufstieg, das sind wir unserem Team und den Fans schuldig.»
Konkret heisst dies, dass die Klotener an der Ligaversammlung den Antrag auf einen Aufstieg am grünen Tisch stellen. Ebenso der EHC Visp, der andere Swiss-League-Club, der sich für den Halbfinal qualifiziert und seine Ambitionen auf eine Promotion angemeldet hatte. Kloten erfüllt die Vorgaben der National League ohne Auflagen. Sportlich haben die Zürcher die besseren Chancen als die Walliser, gewannen sie doch die Qualifikation, derweil Visp Vierter wurde.
Mehr Zuschauer als Davos und Rapperswil
Kloten kann neben dem sportlichen Ausweis und der Tradition auch seine Zuschauerzahlen als Argument einbringen: Es kamen in der Qualifikation mehr Besucher in die Swiss Arena (4809) als zu den Heimspielen der National-League-Teams Davos (4444) und Rapperswil-Jona (4050).
Würden die Anträge von Kloten und Visp gutgeheissen, müsste die National League auf 14 Teams aufgestockt werden. Die beiden Aufstiegsanwärter hoffen also darauf, dass sich Ähnliches ereignet wie 2003: Damals wurde die Liga für die Saison 2003/04 auf 13 Teams erweitert, weil sich im Frühjahr ein folgenschwerer Formfehler ereignet hatte. Fribourg setzte mit Sandro Abplanalp in den zwei letzten Runden vor Playoff-Start einen nicht qualifizierten Spieler ein und schaffte mit einem Sieg in Zug den Playoff-Einzug. Doch dann wurde der Fehler bemerkt, der Sieg nachträglich in eine Forfait-Niederlage umgewandelt.
2004 schon einmal aufgestockt
Die Konsequenzen waren gravierend: Fribourg verpasste das Playoff, Rapperswil rückte nach, Zug verbesserte sich in der Tabelle vom 11. auf den 10. Rang, Langnau rutschte auf Platz 11 zurück. Weil die Resultatkorrektur viel zu spät erfolgte, weigerte sich Langnau, das Playout gegen Lausanne zu bestreiten. Zu viele Spieler seien schon im Urlaub oder hätten in anderen Ländern unterschrieben, argumentierten die Emmentaler.
Die Liga kapitulierte, sistierte das Playout und die Ligaqualifikation. Es gab keinen Absteiger, aber der EHC Basel als NLB-Champion stieg automatisch auf, womit in einer Übergangssaison 13 Teams in der höchsten Liga spielten.