Zu scheitern, wäre für den SCB heilsam
Wieso fallen Meisterteams wie die ZSC Lions und der SC Bern so tief? Weil sie krampfhaft versuchen, ihre Dynastien zu bewahren.
Kent Ruhnke (TA)
Ich wollte in dieser Kolumne eigentlich der folgenden Frage nachgehen: Müssen sich der EV Zug und die ZSC Lions Sorgen machen, dass sie im Playoff auf den SC Bern treffen könnten? Aber nach den zwei SCB-Niederlagen in der vergangenen Woche ist das wohl die falsche Frage. Die richtige lautet: Wie kann es sein, dass Meisterteams im Jahr danach derart tief fallen? Und ich spreche ja nicht von Zufallssiegern, sondern von Grossmächten wie dem SCB und den ZSC Lions. Beide haben diesen Zyklus schon ein paarmal durchgemacht. Und ich frage mich: Ist das krampfhafte Bemühen, ihre Dynastien zu bewahren, der Grund für ihre Abstürze?
Jedenfalls wiederholt sich die Geschichte. Vor zwei Jahren wurde Hans Kossmann nach Zürich geholt, um die Löwen anzutreiben, nun soll er die Berner Bären aus ihrem gemütlichen Winterschlaf wecken. Das ist ihm auch gelungen. Er hat ihre tierischen Instinkte wieder geweckt, nachdem sie Kari Jalonen über drei Jahre lang in eine Zwangsjacke gesteckt hatte – sowohl methodisch wie auch hierarchisch. Der clevere Finne hätte nach seinen Erfolgen ein günstigeres Schicksal verdient. Aber es musste sein. Denn in Bern wie in Zürich lebt man nach dem Credo, das der legendäre American-Football-Coach Vince Lombardi einst auf den Punkt brachte: «Gewinnen ist nicht alles. Es ist das Einzige!»
«Bern ist nicht mehr die erste Adresse für die Stars der Liga. Das sahen wir allein schon daran, dass Leonardo Genoni und Grégory Hofmann den EVZ vorzogen.»
Aber zu gewinnen, koste es, was es wolle, ist schwieriger geworden im Schweizer Eishockey. Die jungen Spieler sind so gut ausgebildet wie noch nie, punkto Skating, Passen, Stocktechnik und Taktik zählen sie zur Weltklasse. Das Coaching ist vielerorts ebenfalls exzellent, jeder kann jeden schlagen. Und das macht es für einen Feuerwehrmann wie Hans Kossmann schwieriger, zu kommen und gleich zu siegen. Das sahen wir letzte Saison in Zürich, wo sogar Arno Del Curto das sinkende Schiff nicht retten konnte. Zu meiner Zeit, als die Qualität des Coachings und der Spieler noch nicht durchwegs so hoch war, war es einfacher, mit einigen Änderungen die Gegner zu überraschen und zu schlagen.
Spitzenteams wie der SCB müssen Jahr für Jahr besser werden, nur um ihre Position zu verteidigen. Und das wiederum treibt die Löhne für die Topspieler in die Höhe. Bern ist nicht mehr die erste Adresse für die Stars der Liga. Das sahen wir allein schon daran, dass Leonardo Genoni und Grégory Hofmann den EVZ vorzogen. Man muss also nach neuen Ansätzen suchen.
Dazu ist es aufschlussreich, in die NHL zu schielen: Natürlich sind die Spieler da besser – sie sind kräftiger, schneller, technisch stärker. Aber das ist nicht der Punkt. Entscheidend ist: Sie haben die Fähigkeit entwickelt, ihre wahre Absicht zu verbergen. Mit scheinbar fehlgeleiteten Pässen und Schüssen tricksen sie die Goalies und die Verteidiger aus. Der Puck wird zur Billardkugel, er wird pausenlos abgelenkt. Und die Torhüter haben kaum mehr freie Sicht. Die NHL-Cracks haben neue Wege gefunden, um trotz der kleinen Eisfelder und den Massen von Körpern, die das Tor abschirmen, den Weg dorthin zu finden – mit List. Es genügt nicht mehr, schneller zu sein und technisch stärker, man muss auch gedanklich einen Schritt voraus sein.
«Was ich mich bei den Bernern frage: Was ist langfristig besser für sie – das Playoff zu schaffen oder es zu verpassen?»
Zurzeit steht das Schweizer Eishockey ganz im Zeichen der skandinavischen Welle. Gute Coaches versuchen stets, das Spiel zu strukturieren, und die Nordländer sind darin am besten. Fast jede Bewegung ist choreografiert. Und je schneller und besser trainiert die Spieler sind, desto destruktiver wird das Spiel. Das mag paradox klingen, ist es aber nicht. Denn Tempo und Kraft machen Technik zunichte. Deshalb hat auch einer wie Inti Pestoni so grosse Mühe, sich in Topteams in Szene zu setzen. Einer meiner Lieblingsspieler ist aktuell ZSC-Topskorer Pius Suter. Ich glaube, er ist noch besser als Edmonton-Center Gaëtan Haas, weil er rauer ist, aggressiver spielt. Und sein Siegestor in Bern war ein Kunstwerk.
Die Handschrift Kossmanns ist bei den Bernern zu sehen, doch vieles ist noch Stückwerk. Gegen die kräftigen Zuger hatten sie trotz ihres Sieges ihre liebe Mühe, physisch mitzuhalten. Gegen die exzellent organisierten und rasanten Bieler fand der SCB nie die Zeit und den Raum, um sein Spiel aufzuziehen. Tristan Scherwey und Thomas Rüfenacht versuchten zwar noch, für den Funken zu sorgen, doch er sprang nicht. Ich bin nicht überzeugt von der Physis der Berner. Diese Mannschaft ist weit entfernt vom Meisterteam 2016 unter Lars Leuenberger, das seine Gegner mit seiner Wucht erdrückte. Kossmann bediente sich 2018 in Zürich jenes Rezepts, nun versuchen es die Zuger.
Was lernte ich aus den drei SCB-Spielen von letzter Woche, die alle temporeich, intensiv und fesselnd waren? Die Berner haben immer noch eine Chance, das Playoff zu erreichen. Und sollten sie es schaffen, werden sie gefährlich sein. Der EVZ und die ZSC Lions sind für mich die ersten Titelanwärter. Jeder, der die gut strukturierten Bieler schlagen will, muss inspiriertes Eishockey spielen. Und obschon es für den HC Davos wohl noch zu früh ist, um ernsthaft um den Titel mitzuspielen, so werden die Bündner ihren Gegnern das Leben doch schwer machen.
Was ich mich bei den Bernern frage: Was ist langfristig besser für sie – das Playoff zu schaffen oder es zu verpassen? Ich tendiere zu Letzterem, denn dieses Team ist über dem Zenit, es braucht eine Generalüberholung. Und ein Scheitern wäre ein Weckruf. Die Ausgeglichenheit im Schweizer Eishockey erlaubt es den Grossclubs mit ihren überlegenen finanziellen Mitteln nicht mehr, permanent vorne zu bleiben. Auch sie brauchen ab und zu einen Rebuild, einen Neuaufbau ihres Teams. Geld schadet nicht, doch allein genügt es nicht mehr