Matchblatt
Chikhaouis Bekenntnis
fcl. Es ist eine Geschichte, wie sie vielleicht nur der FC Zürich schreiben kann; dieser Klub mit seinem Präsidenten Ancillo Canepa, der sich immer wieder auch von den ganz grossen Gefühlen leiten lässt, obwohl er doch etwas ganz anderes im Sinn gehabt hatte. Vor knapp vier Monaten hatte er per Communiqué ein paar strenge Zeilen in die Welt hinaus geschickt und die nahende Trennung von seinem Lieblingsspieler Yassine Chikhaoui verkündet. «Nach einer Gesamtbeurteilung aller Faktoren» sei man übereingekommen, den in diesem Sommer auslaufenden Vertrag mit Chikhaoui nicht zu verlängern. Und wenn man weiss, wie sehr Canepa den Tunesier verehrt, den Spieler und den Menschen, dann ahnte man, wie gross der Trennungsschmerz sein würde.
Er war offenbar zu gross, für beide nicht auszuhalten. Am Sonntag, wenige Tage vor dem Saisonende, verschickte der FCZ wieder ein Communiqué, und der Inhalt war nicht wiederzuerkennen. Chikhaoui bleibt in Zürich, er hat einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Canepa sagt: «Nach mehreren Gesprächen haben wir uns geeinigt. Sowohl Chikhaoui als auch der FC Zürich sind sehr froh darüber.» Chikhaoui liess sich auf der Homepage so zitieren: «Mein Herz gehört dem FCZ und seinen Fans.» Das klingt überaus pathetisch, aber ganz falsch ist es wohl nicht, denn der 27-Jährige hatte andere Angebote vorliegen, aus dem In- und dem Ausland, und er verzichtet mit dem neuen Vertrag auf Geld. Die Einigung hat sich seit Wochen abgezeichnet, und obwohl Chikhaoui auch mit anderen Klubs verhandelt hatte, war keiner im FCZ nachtragend. Der Trainer Urs Meier sagt: «Wir wissen, was wir an ihm haben. Oft entscheidet er, ob wir gewinnen oder verlieren.»
Es wäre einfach, sich nun über den Sinneswandel beim FCZ lustig zu machen und Canepa Wankelmut nachzusagen. Und natürlich gibt es viele Gründe, die gegen eine Vertragsverlängerung sprechen, Chikhaouis Verletzungsanfälligkeit zum Beispiel (in sieben Jahren hat er 163 von möglichen 248 Spielen verpasst) oder das viele Geld, das er bisher verdient hat (1,4 Millionen Franken inklusive Prämien). Finanziell ist Chikhaoui dem FCZ entgegengekommen, sonst hätte er nicht bleiben können.
Aber Heliane und Ancillo Canepa sind quasi die Alleinbesitzer des FCZ, sie können tun und lassen, was sie möchten, eine Meinung äussern und sie wieder ändern; denn etwas hat das Ehepaar, das aus der Wirtschaft kommt, schon lange verstanden: Fussball ist mehr als ein Geschäft. Wer Yassine Chikhaoui verpflichtet, bekommt mehr als nur einen Fussballer, er zahlt auch für einen Traum, für die Hoffnung und für das Versprechen, dass Chikhaoui wieder so wunderbar spielt wie im Cup-Final am Ostermontag. Canepa sagt: «Er hat zuletzt deutlich bewiesen, wie wichtig er für den FC Zürich ist.»
Und ja, vielleicht verletzt sich Chikhaoui irgendwann wieder schwer, das kann sein, es wäre ein Drama, vor allem für ihn selber, aber auch das gehört zu den Emotionen des Fussballs. Es geht nie nur um Vernunft und Geld allein. Canepa sagt: «Chikhaoui hatte in den letzten sieben Jahren unverschuldet oft Pech. Nun ist er physisch stabiler. So viel Pech wie damals kann er in Zukunft gar nicht mehr haben.» Es hat etwas Beschwörendes, wie Canepa dies sagt. Denn er weiss: Eigentlich hat er den aufregendsten Spieler der Liga unter Vertrag. Wenn er es bloss häufiger als nur ein paarmal pro Jahr zeigen könnte. (NZZ)