ZSC: Viele Ampeln stehen auf Grün
Es waren die anderen, die in den ersten zwei, reich mit Spielen befrachteten Saisonmonaten die Lobeshymnen einheimsten. Der HCD, der mit seinen Skandinaviern zurück in die Erfolgsspur fand. Ambri mit seinem märchenhaften Höhenflug. Die Kloten Flyers, bei denen neben wie auf dem Eis wieder Ordnung herrscht. Bei den ZSC Lions monierte man die verspielten Führungen, die verlorenen Penaltyschiessen, die überraschenden Rückschläge, den oft zu bescheidenen Beitrag der Ausländer.
Doch Fakt ist: Obschon sie konstant mit Verletzungen zu kämpfen hatten und man das Gefühl nicht loswird, es wäre mehr möglich gewesen, sind die Stadtzürcher vorne dabei. Das ist ein gutes Zeichen. Sie dürften die erste Nationalteam-Pause mit einem guten Gefühl angehen. Zuletzt liessen sie gegen Bern (6:0), Servette (3:0) und Zug (3:0) dreimal kein Tor mehr zu. Nicht, weil sie betont defensiv gespielt hätten, sondern weil sie ihre Gegner mit ihrem Speed überforderten und gut organisiert waren.
Für einmal musste der Coach vor der Saison nicht bei null beginnen, weil er bleiben durfte und wollte, und das hat sich ausbezahlt. Die Spieler verstehen Marc Crawford und seine Ideen besser, haben sich unter ihm als Mannschaft weiterentwickelt, spielen attraktiv und immer erfolgreicher. Und der Kanadier kennt nun das Schweizer Eishockey und dessen Eigenheiten.
Crawfords Lernprozess
Crawford musste sich zuerst etwas von seiner Nordamerika-zentrierten Sichtweise lösen. Das ist ihm gelungen. War in seiner ersten Saison beispielsweise der NHL-erprobte Shannon noch gesetzt als erster Center, hat der Coach nun erkannt, dass Cunti der kreativere Spielgestalter ist. Die Mannschaft lebt ohnehin von ihrem starken Schweizer Kern. Flüeler hat den nächsten Schritt gemacht, Seger ist die Identifikationsfigur, Blindenbacher spielt im Schatten anderer fehlerfrei, Bärtschi trifft wieder regelmässig, Kenins bringt viel Elan, auch Wick kommt immer besser in Fahrt. Junge wie Nyffeler oder Senteler finden sich auf der höchsten Schweizer Bühne schon erstaunlich gut zurecht. Und wenn Nilsson gesund bleibt, ist er ein grosser Bonus.
Bei den Ausländern indes liegt noch viel Potenzial brach. Bergeron ist zwar produktiv, aber zu inkonstant. Shannon ist fleissig, aber glücklos im Abschluss. Keller verletzte sich, als er besser in Form gekommen war. Latendresse hat seine Rolle noch nicht gefunden. Mit anderen Worten: Den besten ZSC hat man noch nicht gesehen.
Läuferisch und technisch müssen die Zürcher niemanden fürchten, doch das immense Talent, das in dieser Mannschaft steckt, ist auch ihr Handicap. Denn sie läuft Gefahr, sich darauf zu verlassen und auszuruhen. Doch mit Talent und Spielkultur wird man nicht Meister, sondern mit Durchsetzungsvermögen, Leidensbereitschaft, Kampfgeist, Entschlossenheit.
Eine lineare Entwicklung nach oben ist den Lions nicht garantiert, die nächsten Monate können viel Unvorhergesehenes bringen. Doch die ersten zwei zeigten, dass sie viele Voraussetzungen mitbringen, um in diesem Winter noch Grosses zu erreichen. (sg.)
© Tages Anzeiger
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