Kolumne Gehirnerschütterungen gefährden das Eishockey in seinen Grundfesten. Von Kent Ruhnke
Wenn Spieler zu Zombies werden
Kent Ruhnke Der Kanadier coachte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und den SC Bern (2004) zum Titel. Für den «TagesAnzeiger» begleitet er die Eishockeysaison mit regelmässigen Kolumnen.
Ich bin wohl wie die meisten anderen Menschen. Oft braucht es zuerst einen unglücklichen Zwischenfall, der uns persönlich betrifft, um unsere Gedanken und unsere Energie zu mobilisieren, um Lösungen für ein bestimmtes Problem zu suchen.
Mein Sohn Corey, der für den EHC Olten spielt, gemahnte in den letzten zwei Wochen an eine von einem Virus angesteckte Figur in einem ZombieFilm. Ich sah den Check. Es war nicht spektakulär. Corey wurde nicht zu Boden geschlagen. Es gab kein Blut, er trug keine Prellungen davon, war nicht benommen. Es war keine bösartige Aktion gewesen. Aber die Spitze des Schulterpolsters des Langnau-Spielers war an die Seite seines Kopfes geprallt. Es war ein guter, sauberer Check, der die Essenz des Eishockeys verkörperte. Und jetzt fällt Corey für unbestimmte Zeit aus, wartet darauf, dass sich die Symptome seiner Gehirnerschütterung verflüchtigen.
Die Gedanken an Chad Silver
Als Coach war ich skeptisch gewesen, wenn es um Gehirnerschütterungen ging. Ich erinnere mich, wie mich beim EHC Basel Shawn Heins einmal bat, ein paar Einsätze zu warten, bis sein Schwindel verflogen sei, um ihn zurück aufs Eis zu schicken. Und ich erinnere mich natürlich an Chad Silver, der sich nach einem harten Check in Davos einen Eisbeutel auf den Nacken drückte, derweil er aufs Okay des Arztes wartete, um wieder ins Gefecht einzugreifen. Zwei Tage später fanden wir ihn leblos im Bett. Obschon Chad an einem plötzlichem Herztod starb, frage ich mich noch heute, ob jener Check etwas damit zu tun hatte.(ich mich auch!)
Als ich in den Siebzigerjahren spielte, galt es als Beweis von Courage, sofort wieder aufzustehen und weiterzuspielen, egal, wie gravierend die Verletzung war. Das ist immer noch der Code in Kanada. Aber er beginnt sich zu ändern. Nach dem Meistertitel mit den ZSC Lions bat man mich, an einem Meeting der Regelkommission des Internationalen Hockeyverbands teilzunehmen. Auch dabei war ein kleiner, bescheidener italienischer Arzt, der für eine härtere Bestrafung von Attacken gegen den Kopf argumentierte. Mein kanadischer Landsmann (auch er ein Arzt) und ich schauten uns ungläubig an. «Wie können Sie das fordern?», fragten wir. «Solche Checks sind doch Teil des Spiels!»
Wir verloren jene Diskussion. Und wenn ich zurückschaue, ist mir klar, dass wir auf der falschen Seite waren. Neue Regeln, die Angriffe gegen den Kopf härter sanktionierten, wurden eingeführt. Doch sie haben das Problem nicht gelöst. Die Fälle von Gehirnerschütterungen nehmen laufend zu. Einverstanden, die Spieler sind grösser und schneller geworden, und wir werden harmlose Checks wie jenen gegen den Kopf meines Sohnes Corey nie eliminieren können. Aber wenn unser Sport nicht etwas unternimmt, verlieren wir den Kampf um die Gesundheit unserer Kinder, der Hockeyspieler im Allgemeinen.
In Juniorenligen in Kanada hat man begonnen, Bodychecks zu verbieten. Und Eltern entscheiden sich immer mehr für «sicherere» Sportarten wie Fussball oder Basketball. Die Frage also ist: Wie schaffen wir es, das Eishockey sicherer zu machen, aber seinen Geist zu erhalten? Mit anderen Worten: Wie retten wir unseren Sport? Um Bill Clinton bei seiner Präsidentschaftsdebatte 1992 gegen George Bush zu paraphrasieren: «Auf die Ausrüstung kommt es an, Dummkopf!»
Angezogen wie moderne Krieger
Ich kann mich noch (verschwommen) an ein Spiel gegen St. Louis im Jahr 1977 erinnern. Ich checkte Blues-Prügler Bob Gassoff, und als wir beide vom Plexiglas abprallten, wuchtete er mir den Ellbogen so heftig an den Kopf, dass ich noch 36 Jahre später beim Gedanken daran zusammenzucke. Mein Gesicht platzte, ich konnte kaum mehr sehen, weil ich so blutüberströmt war. Aber ich spielte weiter. Wenn mich Gassoff mit einem heutigen Ellbogenpolster getroffen hätte, ich wäre wohl gestorben. Zum Glück waren sie damals noch aus Schaumstoff und die Schulterpolster aus Leder. Die Spieler waren noch nicht angezogen wie moderne Krieger, verpackt in Hightechmaterialien.
Ich fordere nicht die Rückkehr ins Zeitalter der Dinosaurier, aber ein vernünftigerer Mix aus modernen und traditionellen Materialien würde in der Summe für mehr Sicherheit sorgen. Es wäre sinnvoll, wenn man das Risiko besser verteilen, den Schutz für jenen, der angreift, etwas reduzieren und so dem Opfer wieder bessere Karten in die Hand geben würde. Ist es nicht erschreckend, von früheren Footballspielern zu lesen, die, nach den vielen Schlägen gegen den Kopf von Alzheimer-Symptomen geplagt, Selbstmord begingen, indem sie sich in die Brust statt in den Kopf schossen, damit ihr Gehirn auf traumatische Enzephalopathie untersucht werden konnte? Seit 2010 haben sich im Football 9,5 Prozent weniger Junioren neu eingeschrieben. Geht das Eishockey in dieselbe Richtung?
Vor zwei Jahren litten vier meiner Spieler beim EHC Olten während Monaten an Folgen von Gehirnerschütterungen. Das merkte man aber erst, wenn man in ihre Augen blickte. Sie waren leer. Und dann fiel einem auf, dass jene Spieler orientierungslos waren und Mühe hatten mit der sozialen Interaktion. Es geht hier um geschädigte Gehirne, nicht um gebrochene Knochen – man kann jemanden mit einer Gehirnerschütterung nicht wieder zusammenflicken, da stösst die Medizin an ihre Grenzen.
Ich glaube nicht, dass man mit Regeländerungen die Gefahr eliminieren kann. Ich bin aber überzeugt, dass wir neue Ausrüstungen brauchen, die nicht nur ihren Träger schützen, sondern vor allem auch den Gegner. Denn schliesslich wollen wir nicht, dass wir, wenn wir dereinst zurückblicken, eingestehen müssen, dass wir auf der falschen Seite der Geschichte standen.
© Tages Anzeiger