Analyse Wenn die ZSC Lions ihren Meistercoach verlieren, drohen sie ins alte Fahrwasser zurückzufallen. Von Simon Graf
Bob Hartley wird ein schweres Erbe hinterlassen
Bob Hartleys Auftritte am Rande des Memorial Cup, des Finalturniers um die höchsten Weihen im kanadischen Juniorenhockey, nährten in Übersee die Spekulationen, dass er zu den Montreal Canadiens wechselt. Der ZSC-Trainer wirkte in Shawinigan als Berater des Heimteams, das den Cup in die Höhe stemmte. Und er konnte so mehrere von den Canadiens gedraftete Talente aus der Nähe beobachten. Zudem unterhielt er sich mehrmals mit Montreals Verantwortlichen, auch mit dem neuen General Manager Marc Bergevin, der die Frage beantworten soll, welche die eishockeyverrückte Stadt in Atem hält: Wer steht nächste Saison an der Bande der Canadiens?
Im medialen Dschungel von Twitter, Blogs und Onlineportalen ist man sich inzwischen einig, dass es Hartley sein wird. Und dass er eine gute Wahl ist. Ein kanadischer Hockeyblogger betitelte den 51-Jährigen sogar als «Zürichs Wundermann» und zeichnete detailliert nach, wie er die Lions zum Titel geführt hatte. ZSC-CEO Peter Zahner betonte gestern nochmals, dass er von Montreal noch nicht kontaktiert worden sei und Hartley einen Zweijahresvertrag ohne Ausstiegsklausel habe. Aber er ist erfahren genug, um zu wissen, dass er den Kanadier nicht aufhalten kann (und sollte), wenn dieser zu den Canadiens will. Er sagt denn auch: «Natürlich machen wir uns Gedanken darüber, was wäre, wenn. Alles andere wäre naiv.»
Verhandeln um die Ablöse
Es dürfte in den nächsten Tagen darum gehen, wie viel Schmerzensgeld die ZSC Lions für Hartleys Abgang erhalten. Der FCB bekam vom HSV für Thorsten Fink dem Vernehmen nach rund eine Million Euro – eine stolze Summe. Doch im Fussball wird in anderen Dimensionen angerichtet. Ein Betrag in tiefer sechsstelliger Höhe dürfte für die Zürcher schon drinliegen. Doch das löst ihr Problem nicht: nämlich, wie die Nachfolge ihres Meistertrainers zu regeln ist. Es scheint, als schlüge das Schicksal im Falle Hartleys zurück. Zwei Meistertrainer – Kent Ruhnke (2000) und Harry Kreis (2008) – mussten trotz des Titels gehen, nun dürfte der Dompteur die Löwen in der Stunde des Erfolgs auf seinen Wunsch hin verlassen.
Gute Trainer zeichnet auch ihr Timing in der Karriereplanung aus. Sie spüren, wann es sich lohnt, welchen Posten zu übernehmen. Und Hartley kann in Montreal, das im Osten den letzten Platz belegte und von internen Querelen geplagt war, eigentlich nur gewinnen. Es wäre an ihm, wie beim ZSC einen Umbruch zu forcieren. In Zürich hingegen hat er, nachdem er das Team innert einer Saison an die Spitze geführt hat, nichts mehr zu beweisen. Auch wenn es nun zum frühzeitigen Bruch kommen sollte, haben beide Seiten profitiert. Hartley konnte sich beim ZSC nach einer über dreijährigen Pause wieder ans Bandenleben gewöhnen und seinen Horizont erweitern. Und der Stadtclub fand dank ihm und seiner harten Hand aus seiner Orientierungs- und Erfolglosigkeit.
Allerdings hinterlässt Hartley ein schweres Erbe. Es ist nie einfach, ein Meisterteam zu übernehmen. Und dies noch als Nachfolger einer starken Figur wie ihm macht es besonders schwer. Bei den ZSC Lions ist man sich bewusst, dass man nach dem Kanadier eine profilierte Persönlichkeit präsentieren muss. Davon sind derzeit einige in vertragslosem Zustand – unter anderem Slawa Bykow, Marc Crawford und Ralph Krueger. Doch jedem haftet ein Makel an: Bykow spricht kein Deutsch und nur wenig Englisch. Crawford, der wie Hartley den Stanley-Cup mit Colorado gewann (1996), coachte das Team Canada am vergangenen Spengler-Cup zu einem blamablen Auftritt. Und Krueger hat als langjähriger Nationalcoach wohl zu vielen eine zu belastete Beziehung, als dass für ihn in Zürich ein Neuanfang möglich wäre.
Gleiche Tugenden wie Hartley
Ein unspektakulärer Weg wäre es, Matti Alatalo von den GCK Lions zu promovieren. Doch bei Colin Muller hat man mit einer internen Lösung schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Klar ist, dass die ZSC Lions einen Coach brauchen, der die gleichen Tugenden wie Hartley verkörpert. Einer, der grossen Wert legt auf die Trainings- und Leistungskultur, der die Jungen fordert und fördert und sich nicht von Namen oder Vergangenem beeinflussen lässt.
Ihr überraschender Titel schützt die Zürcher nicht davor, wieder ins alte Fahrwasser zurückzufallen. Hartley hat sehr gute Arbeit geleistet. Aber sein Job, darüber darf der wundersame Frühling nicht hinwegtäuschen, ist noch nicht zu Ende geführt.
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