"Ein Team wird zupacken"
Sven Bärtschi (18) dürfte im NHL-Draft in der 1. Runde gezogen werden
VON PHILIPP MUSCHG UND SILVAN SCHWEIZER
ZÜRICH/AARWANGEN Die Sommerferien dauerten gerade mal eine Woche – zu wenig für erholsame Tage am Strand. Für Sven Bärtschi reichte das nur, um alle Freunde und Verwandten abzuklappern, die ihn nach seinem Jahr in Nordamerika endlich wiedersehen und von seinem Abenteuer hören wollten: Von Langenthal war der 18-Jährige ausgezogen, um beim Juniorenklub von Portland den Sprung in die NHL zu schaffen. Am Freitag dürfte Bärtschi nun beim Draft der weltbesten Talente als vierter Schweizer nach Nino Niederreiter (5.), Michel Riesen (14.) und Luca Sbisa (19.) unter den ersten 20 gezogen werden.
«Die von Washington hat es fast vom Hocker gehauen»
In den Monaten dazwischen schrieb er eine Erfolgsgeschichte. In der Qualifikation wie im Playoff sammelte Bärtschi mehr Skorerpunkte als jeder andere Neuling der Western Hockey League (WHL). Mit 112 Zählern aus 87 Spielen war er vor Niederreiter der zweitbeste Skorer von Portland. Er wurde ans Top-Prospects-Game eingeladen, wo die besten Talente ihre Fähigkeiten zeigen dürfen. Und schliesslich musste er das frühzeitige Saisonende der favorisierten Winterhawks im WHL-Final erleben.
«Es war eine unglaubliche Saison», blickt Bärtschi selbst zurück. Ihr bislang letzter Höhepunkt war das Combine in Toronto, eine Art gigantisches Bewerbungsgespräch, bei dem jedes der 28 anwesenden NHL-Teams in einem Hotel ein Zimmer belegt. Wer sich für einen Spieler interessiert, bestellt ihn zu sich. «Bei Washington wollten sie wissen, was mit Portland im Final falsch gelaufen war», erinnert sich Bärtschi, der sich vorgenommen hatte, witzig und dennoch seriös zu sein. Als der Teenager aus der Schweiz selbst etwas fragen durfte, packte er die Chance. «Was lief denn bei euch falsch?», wollte er wissen. «Sie fingen laut an zu lachen, die hat es fast vom Hocker gehauen.»
Auch andere Teams waren beeindruckt. Die Sabres etwa, die an 16. Stelle ziehen, buchten gleich Bärtschis Rückflug in die Schweiz um. In Buffalo absolvierte er einen Fitnesstest, durfte als besondere Wertschätzung Trainingsanlagen und Arena besuchen.
Der beste Spielmacher der Western Hockey League
Seine unverkrampfte Haltung hat sich Bärtschi bewahrt, doch das Jahr in Nordamerika hat Spuren hinterlassen. Er sei viel selbstständiger geworden, auf dem Eis wie als Mensch, findet der Stürmer. Coach Mike Johnston lobt, dass keiner so lang allein weitertrainiere wie Bärtschi – man müsse ihn fast vom Eis zerren. Und auch das Scouting-Büro der NHL schätzt den Stürmer: «Er ist technisch stark und hat sehr schnelle Hände. Seine Übersicht macht ihn zum besten Spielmacher der WHL.» Die NHL-Scouts führen den Schweizer als siebtbesten Draftkandidaten in Übersee.
Zur nächsten Station Richtung NHL bricht Bärtschi am Mittwoch auf, wenn er mit Eltern, Agent und persönlichem Betreuer Richtung Minnesota fliegt. Bis dann geniesst er die kurzen Distanzen zu Hause, wo er mit dem Velo von der elterlichen Wohnung in Aarwangen ins Training nach Langenthal fahren kann. Seine Tage als ungedrafteter Spieler sind gezählt, doch bei welchem NHLKlub seine Zukunft liegt, kümmert ihn derzeit wenig. «Manche sagen: ‹ Du könntest es in die Top Ten schaffen › », so Bärtschi, «aber solche Gedanken mache ich mir gar nicht. Ein Team wird zupacken, das ist die Hauptsache.»
SoZ