Mullers Schicksal in Spielerhänden
Der Kanadaschweizer ist nur noch ZSC-Trainer auf Zeit. Das ist nicht nur sein Fehler. Von Simon Graf
Blick in eine ungewisse Zukunft: Morgen Freitag gegen die SCL Tigers steht Colin Muller noch an der ZSC-Bande – zum letzten Mal?
Das Wichtigste vorweg: Colin Muller ist noch ZSC-Trainer. Dass das Management nach dem 1:4 gegen Bern fast einen Tag Zeit brauchte, bis es bestätigte, dass er morgen Freitag gegen die SCL Tigers nochmals an der Bande stehen darf, verheisst für ihn aber nichts Gutes. Konkret: Der Kanadaschweizer ist nur noch ZSC-Trainer auf Zeit. Wenn sich die Lage ab morgen nicht dramatisch bessert, lautet die Frage nicht, ob er gehen muss. Sondern, wann er ersetzt wird.
Bei einer weiteren Niederlage wäre wahrscheinlich schon am Sonntag gegen den HCD ein neuer Mann da. Und der würde wohl Bengt-Ake Gustafsson heissen. Der Schwede, der schon im letzten Winter in der engeren Auswahl stand, ist immer noch frei, tourt derzeit durch die Schweiz und betont, bereit zu sein für eine neue Herausforderung.
Die Parallelen zu 2005/06
Der verpatzte Zürcher Saisonstart erinnert an die Krisensaison 2005/06, als man ebenfalls zahlreiche Transfers getätigt hatte und die Mannschaft je länger, desto tiefer im spielerischen Chaos versank. Auch damals, auf den Einzug ins neue Hallenstadion hin, hatte man sich zwei neue, prominente Verteidiger (Blindenbacher, Forster) geleistet, die von den hohen Erwartungen überfordert wurden. Und die Besserung, die man sich allein kraft der Qualität des Kaders erhoffte, stellte sich partout nicht ein.
Jener Winter endete in Runde 2 des Playouts gegen Fribourg, wo Nothelfer Hnat Domenichelli und der vierte Trainer (Beat Lautenschlager) den Ligaerhalt sicherstellten. Damals warteten die ZSC Lions zu lange mit dem Wechsel an der Bande. Sie gewährten dem entnervten Christian Weber ein Timeout in Florida und liessen das Team interimistisch von Henryk Gruth führen. Und als dann im Dezember mit Juhani Tamminen endlich ein neuer Coach kam, war dieser mit seinem Hokuspokus und seinen Plänen A bis C der Falsche, um die Wende zum Guten zu bewirken.
Auch der Goodwill ist gefährdet
Der Klub brauchte danach eineinhalb Jahre, um sich von jener traumatischen Saison zu erholen. Und es ist Harold Kreis, dem letzten Zürcher Meistertrainer, hoch anzurechnen, wie er die Mannschaft mit seiner besonnenen Art wieder auf Kurs brachte. Die ZSC-Führung und das Team können sich nicht erlauben, dass der Klub wieder so tief sinkt wie damals. Denn das hätte nicht nur sportliche Konsequenzen, damit würde auch viel Goodwill verspielt. Und den braucht der Verein, der 2015 in ein eigenes Stadion einziehen möchte.
Auf der schiefen Bahn sind die ZSC Lions seit Ende November 2009. Sie verloren seitdem 27 von 43 Spielen, und nach dem Wechsel von Sean Simpson zu Colin Muller hat sich die Lage noch akzentuiert: Von elf Saisonspielen gewannen die Zürcher bisher gerade mal eines in 60 Minuten. Das Problem hat sich verlagert: Im letzten Winter schossen sie zwar noch aus allen Lagen Toren aber liessen die defensive Stabilität vermissen. Jetzt bringen sie kaum mehr Tore zustande.
Eine spielerische Linie ist bei ihnen nicht zu erkennen. Es scheint alles auf Zufall oder der Inspiration jedes Einzelnen aufzubauen. Und die ist momentan nicht besonders ausgeprägt. Zudem wirkt die Mannschaft, die eigentlich zu den schnellsten in der Liga zählen sollte, eigenartig stumpf. Das liege nicht an physischen Mängeln, versichert Captain Mathias Seger. Man habe das Sommertraining durchaus mit der nötigen Ernsthaftigkeit betrieben. Doch im Moment sei die Verunsicherung einfach so gross, dass man zu viel nachdenke und so immer einen Schritt zu spät komme.
Dass Muller, der in der Vorbereitung praktisch immer mit den gleichen Sturmreihen spielen liess, inzwischen in jedem Match neue Kombinationen ausprobiert, trägt nicht zur Stabilität bei. Oder zur Bildung von Automatismen.
Den Trainer zum Alleinschuldigen zu erküren, wäre indes verfehlt. Muller hat durchaus seine Qualitäten. Er ist menschlich, fachlich versiert und mit ganzem Herzen dabei. Vielleicht sogar zu sehr. Anstatt die Ruhe zu bewahren, verfiel er nach den ersten Niederlagen in einen Aktionismus in Worten und Taten. Dazu kam, dass ihm das Team und das Management mit ihrer Passivität nicht geholfen haben.
Keine Hilfe von den Spielern
Von den Spielern scheinen, das legt der verschlafene Start gegen den SCB nahe, viele den Ernst der Lage noch nichtbegriffen zu haben. Und während Ambri mit Eric Landry, Lugano mit Chris Bourque und Servette mit Dan Fritsche in der letzten Woche ihre Offensiven verstärkten, wartet ZSC-Sportchef Edgar Salis ab. Obschon noch keiner seiner Transfers bislang ein Erfolg ist, sich bei Cory Murphy sogar abzeichnet, dass er eine der grössten Enttäuschungen der vergangenen Jahre ist.
Die Entlassung Mullers nach nicht einmal einem Monat wäre auch eine Niederlage für Salis. Er hatte gedacht, die Mannschaft sei stabil und reif genug für einen Trainer wie den Kanadaschweizer, der auf Selbstverantwortung setzt. Am Freitag und vielleicht Sonntag spielt das Team nun um die Zukunft Mullers. Wenn es versagt, wird es bekommen, was es verdient: einen autoritären Trainer, der den Spielern klare Schranken setzt.