Was bliibt vo dere WM?
Für mich:
- viel defensive Schiisfuessball
- die schlächtischt Schwiizer Nati sit langem
- Vollpfostenpublikum
De Schifferle vom Tagi isch dune gsi, er gsehts eso:
Von Thomas Schifferle, Johannesburg
Spanien – Champion einer zwiespältigen WM
Sie spielten nicht so, als wären sie wirklich die Besten der Welt. Am Ende aber besiegten sie Holland: Durch einen Treffer von Iniesta in der 116. Minute gewannen die Spanier zwei Jahre nach der Europameisterschaft auch ihre erste Weltmeisterschaft. 84 490 Zuschauer sahen in Johannes burg kein Spiel, das finalwürdig war, dafür waren die Holländer zu sehr nur auf Zerstörung aus. Den Spaniern war das schliesslich egal.
So symptomatisch endete eine WM, die sportlich alles andere als denkwür dig war. Viele Spiele erstickten in Taktik und Vorsicht, in der Angst vor dem Verlieren, in der Unfähigkeit, selbst aktiv zu sein.
Es gab zu wenige Mannschaften wie Spanien, wie Deutschland, wie Hol land, die mit Talent gesegnet waren, um ein Spiel bestimmen zu können. Es gab zu viele wie die Schweiz, denen es an spielerischer Klasse fehlte und die darum auf das bauten, was ein Trainer seinen Spielern auf dem Reissbrett vorgeben kann: auf die Organisation, aufs Verteidigen, Zerstören. Den Rest sollte das Glück richten. Es gab zu viele wie Italien, England, Brasilien, jene aus grossen Nationen, deren Auftritt in Ent täuschungen endeten. Frankreich lebte ohnehin in einer eigenen Welt, wo es ausser Dekadenz nichts gab.
Natürlich, die neuen Deutschen verblüfften, weil sie England und Argentinien spielerisch vorführten. Diego Maradona füllte seine Coaching zone mit Leidenschaft aus. Xavi spielen zu sehen, war ein Ereignis. Carles Puyols Kopfball im Halbfinal stand für den beispielhaften Willen, alles für den Sieg zu tun. Thomas Müller, die Entde ckung des Turniers überhaupt, brachte die Portion Unbeschwertheit ein, die so sehr fehlte, und als er nach dem Spiel vor laufenden Kameras fragte, ob er seine Omas grüssen dürfe, bewies er, dass er mit seinen 20 Jahren vom Fussballgeschäft noch unverdorben ist. Und die Schiedsrichter waren längst nicht so schlecht, wie sie nach einer kurzen heftigen Serie gravierender Fehlurteile gemacht wurden. Das bleibt sportlich in Erinnerung nach 64 Spie len. Es ist wenig, bedenklich wenig.
Südafrika war ein guter Gastgeber, freundlich, entspannt, voller Hingabe. Er verlor sich organisatorisch nicht im Chaos. Er genoss es, sich um Gäste kümmern zu können, die sich so be nahmen, wie sich Gäste normalerweise zu verhalten haben. Und ja, es jubelte sich nach diesen 30 Tagen gleich selbst zu, wie es die Zeitung «The Star» frei nach Obama tat: «Yes, South Africa can.» – «Wir können es»: Diese paar Worte brachten mehr als nur die Erleichterung darüber zum Ausdruck, dass Südafrika nicht versagt hat, eini ges mehr. Sie stehen für den Stolz, den grossen Test vor den Augen der ganzen Welt bestanden zu haben. Sie waren erfüllt von neuem Selbstvertrauen. Von Zukunftshoffnung.
Aber sie haben wenig mit der Realität zu tun, nichts mit den Problemen, die an der Südspitze des Schwarzen Kontinents den Alltag eines 50Millio nenVolkes zur Last machen. Für die WM wurde sozusagen eine künstliche Welt geschaffen, «eine weisse Mond basis», wie der Autor Rian Malan es zornig nannte. Hier lief alles, hier gab es alles, hier gab es Zehntausende von Polizisten, die glauben machten, es gebe auf einmal keine Kriminalität mehr. Hier liess sich dem Luxus frönen, Geld verschwenden und sorgenlos eine Party feiern, die den südafrikanischen Staat rund 55 Milliarden Franken kostete.
Heute zieht der Weltfussballverband Fifa mit seinem Turnier weiter, nimmt eine Milliarde Dollar an Gewinn mit und lässt ein Land hinter sich, das unverändert zerrissen ist, gezeichnet von den Spuren der Apartheid, ge lähmt von offiziell 23 Prozent Arbeits losigkeit. Die Fifa mag sich darin gefal len, dass sie in Südafrika das Förde rungsprogramm «Football for Hope» geschaffen hat. Es ist ein Feigenblatt, höchstens.
Zehn Fussballstadien, milliarden teure Prunkbauten, hochgezogen neben Bretterbuden, stehen für den Traum auf ein besseres Leben. Sie können nicht mehr sein als ein Symbol für unerfüllte Sehnsüchte. Die Sorgen in diesem Land sind zu gross, zu erdrückend, als dass ein einmonatiger Besuch von Fussballern nachhaltig etwas ändern könnte. An der Armut, am Mangel an Bildung, Arbeitsplätzen, Wohnungen. An Leben wie jenem von Patricia, die in einer Kapstadter Township weiterhin jeden Tag wäh rend 15 Stunden Schafsköpfe ausko chen muss, um irgendwie zu überle ben. Am Leben jener Zeitungsverkäu fer, die sich mitten in einem Johannes burger Luxusviertel im Kampf um einen Standplatz mit faustgrossen Steinen bewerfen. Südafrika wird Südafrika bleiben.
Südafrika ist stolz, den grossen Test der Fussball-WM vor den Augen der ganzen Welt bestanden zu haben.