Die stille Revolution im ZSC-Tor: wie sich der dreifache Meister Lukas Flüeler selber demontiert
Seit vier Partien ohne Sieg: Die ZSC Lions sind derzeit mit Verunsicherung konfrontiert. Dies geht auch auf den 32-jährigen Stammtorhüter Flüeler zurück: Paraden und Siege gelingen ihm weniger denn je. Seine Position gerät immer mehr in Gefahr.
Ulrich Pickel14.03.2021, 14.57 Uhr
Sie machen einen angeschlagenen Eindruck, die ZSC Lions. Seit dem Jahreswechsel dümpeln sie eher schlecht als recht vor sich hin. Inmitten dieser schwierigen Phase fand der erste Saisonhöhepunkt statt, der Cup-Final gegen den SC Bern Ende Februar. Das Spiel war eine Zäsur. 2:5 ging es verloren. Es hat den Zürchern einen Knacks versetzt. In ihrem Selbstverständnis sind sie eine Mannschaft, die bereit ist, wenn es um die Wurst geht. Der verunglückte Cup-Auftritt hat ihnen gezeigt, wie weit sie von ihrem Idealzustand weg sind.
Wo sind Flüelers Siege?
«Dieses Spiel war sicher ein gewisser Schock für uns, das spüren wir immer noch», sagt Lukas Flüeler. Tatsächlich ist der langjährige Lions-Goalie nicht der geringste Grund, warum nun Selbstzweifel die Runde machen. Seine angestammte Position als Nummer 1 hat sich mittlerweile so weit relativiert, dass da und dort bereits davon gesprochen wird, der Trainer Rikard Grönborg demontiere den dreifachen Meister. Auch im Cup-Final war er Ersatz. Flüeler gibt zu: «Das war eine der grössten Enttäuschungen meiner Karriere. Aber klar: Solche Spiele muss man sich auch verdienen.» Flüeler weiss, dass er kaum mehr Argumente auf seiner Seite hat.
Es ist eine Art stille Revolution, die sich im Zürcher Tor abspielt. Schon bei Saisonbeginn zeichnete sich ab, dass der aus Freiburg gekommene Ludovic Waeber mehr als eine Nebenrolle spielen wird. Etwa die Hälfte aller Spiele solle er bestreiten, sagten der Sportchef Sven Leuenberger und der Trainer im Herbst. Und jetzt sieht es so aus, als habe Waeber Flüeler nicht nur eingeholt, sondern ziehe an ihm vorbei. Still ist die Revolution deshalb, weil die Betroffenen das Thema nicht ausbreiten wollen. Flüeler ist der Nachfolger von Ari Sulander. Er schaffte es, sich zu etablieren und aus dessen übergrossem Schatten zu treten. Der 32-Jährige hat sich verdient gemacht, das zählt sehr viel bei den ZSC Lions, nicht zuletzt beim Präsidenten Walter Frey. Niemand will Flüeler weh tun.
Weit mehr aber als bei Sulander wird Flüelers Karriere regelmässig von Verletzungen begleitet. Auch in dieser Saison blieb er nicht verschont. Im Februar fehlte er ein paar Spiele. Davor hatte er sich mit dem Coronavirus infiziert. Waeber füllte die Lücke. Er hat die besseren Statistiken, am meisten aber fällt ins Gewicht, dass der ZSC kaum noch gewinnt, wenn Flüeler im Tor steht: Aus den sechzehn Spielen, bei denen er von Beginn weg dabei war, resultierten nur fünf Siege. Zuletzt spielte Flüeler am Samstag. Was zur Revanche für die Cup-Schmach hätte werden sollen, geriet erneut zum Debakel. Die Zürcher unterlagen dem SCB abermals 2:5, Flüeler war nie der nötige Rückhalt. Der Trainer hat es gar nicht nötig, Flüeler zu demontieren. Dieser übernimmt das gleich selbst.
Zur Situation im Tor sagt Grönborg seit Monaten schon: «Wir lassen jenen Goalie spielen, von dem wir glauben, dass er uns die grössere Chance auf den Sieg verspricht.» Was Flüeler widerfährt, sind die Mechanismen des Profisports: Nur die Leistung zählt. Der Cup-Final solle ein Weckruf sein, sagt Flüeler. «Diese Enttäuschung muss ich jetzt nutzen, um im Hinblick auf die Play-offs so etwas nicht noch einmal zu erleben. Ich muss mir das Vertrauen zurückerobern. Ich muss einfach mehr Spiele gewinnen.» Doch die Zeit läuft ihm immer mehr davon, die Qualifikation dauert nur noch acht Runden.
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Ludovic Waeber macht Flüeler die Position im Lions-Tor streitig. Er ist acht Jahre jünger und hat die beste Zeit noch vor sich.
Trotz allem ist die Entwicklung auf der Zürcher Goalie-Position auch erstaunlich. Bei Rikard Grönborg haben es jüngere, unerfahrenere Spieler weit weniger leicht, als dies etwa noch bei Marc Crawford der Fall gewesen war. Im Tor aber, auf der wichtigsten Position, wagt sich der konservative Grönborg weit vor, wenn er mehrheitlich Waeber spielen lässt. Dieser ist mit seinen 24 Jahren noch weit weg vom Zenit seiner Karriere, er ist acht Jahre jünger als Flüeler und hat weder bei den Junioren noch bei den Profis einen grossen Titel gewonnen.
Mittelmass statt grosse Klasse
Grönborg hat im Grunde gar keine Wahl, und dies ist eine alles andere als optimale Konstellation. Mit Leistungen wie am Samstag lässt Flüeler seine Mannschaft im Stich. Waeber ist ehrgeizig und enorm fleissig, er hat Potenzial, aber noch nicht die Konstanz eines Topgoalies. Keiner der beiden ist so stark, dass er Spiele beinahe im Alleingang gewinnen kann. Die individuelle Klasse eines Leonardo Genoni vom EVZ ist für beide ausser Reichweite. Genoni, den ehemaligen Lions-Junior, hätten die Zürcher in den letzten Jahren mehr als einmal ins Hallenstadion lotsen können. Sie hielten an Flüeler fest.
Nun heisst die Realität Mittelmass, und das bringt die Mannschaft nicht weiter. Seit vier Spielen sind die ZSC Lions ohne Sieg. Verunsicherung greift nach Gegentoren schnell um sich, der Trainer versucht, dem Personal wieder Ruhe und Geduld beizubringen. In den Trainings zögen alle hervorragend mit, sagt er. Nur mit der Umsetzung im Spiel hapert es. In solch fragilen Zeiten wären die Big Saves des Goalies gefragter denn je.
Wie soll es im Zürcher Tor weitergehen, vor allem im Hinblick auf die Play-offs? Grönborg sagt: «Das werden die Goalies entscheiden. Wir haben zwei Leute, die um den Job konkurrieren. Lassen wir sie das unter sich ausmachen.» Das bedeutet letztlich: Lukas Flüeler läuft akut Gefahr, wieder den Kürzeren zu ziehen. Noch vor einem halben Jahr hätte man das für einen schlechten Scherz gehalten.