Weils heute ja schon einmal ein Thema war...
(läck de Redhead, Wältklass jedesmal wenni es Bild vo dem gsehne
)
Das Team Canada und sein Verhaltenskodex am Spengler-Cup
Aus eigenem Verschulden hat der kanadische Eishockeyverband das schlechteste Jahr seines Bestehens hinter sich. Nach zwei Niederlagen zum Auftakt droht am Spengler-Cup die nächste Enttäuschung.
Nicola Berger, Davos 28.12.2022, 16.30 Uhr

Cody Eakin, der bei den SCL Tigers angestellte Stürmer des Team Canada.
Melanie Duchene / Keystone
Erst vier Tage vor dem Turnierstart hat das Team Canada sein Kader für den Spengler-Cup bekanntgegeben. Der kanadische Eishockeyverband hat in diesen Tagen und Wochen gerade andere Sorgen als ein Schauturnier in den Schweizer Bergen. Der Skandal um geheime Kassen und Schadenersatzzahlungen für Opfer sexuellen Missbrauchs hat Hockey Canada kräftig durchgeschüttelt – unter anderem ist der gesamte Vorstand ausgewechselt worden. Im Sommer wurde bekannt, dass der Verband seit 1989 7,6 Millionen Dollar bezahlt hat, um in 21 Missbrauchsfällen einen aussergerichtlichen Vergleich zu erzielen.
In Davos kursiert das Gerücht, das Aufgebot habe nicht zuletzt deshalb so lange auf sich warten lassen, weil die Spieler einiges hätten unterschreiben müssen, einen Verhaltenskodex beispielsweise. Es scheint, als sei das nötig. Und dass die neue Verbandsführung nach all den Übergriffen und Fehltritten der letzten Dezennien nichts dem Zufall überlassen will.
Nachfrage bei Cody Eakin, einem bei den SCL Tigers beschäftigten Stürmer mit langer NHL-Vergangenheit. Eakin, 31, verzieht ein bisschen das Gesicht, er wolle sich dazu lieber nicht äussern. Nur so viel: «Es ist manchmal ganz gut, ein paar Grundsätze aufzufrischen. Sich Dinge, die man eigentlich schon lange weiss, wieder zu vergegenwärtigen.»
Jake Virtanen ist der prominente Abwesende beim Spengler-Cup
Hinter Eakin spitzt die mitgereiste Medienverantwortliche des Verbandes die Ohren. Und bevor Shane Doan, am Spengler-Cup der General Manager der Kanadier, zum Gespräch erscheint, wird er von ihr zur Seite genommen und gebrieft. Es soll ja niemand etwas Falsches sagen.
Doan, 46, ist eine NHL-Ikone, er hat die Liga als Captain und Gesicht der Phoenix Coyotes lange mitgeprägt. Heute besitzt er mit den Kamloops Blazers ein erfolgreiches Juniorenteam und hilft bei Hockey Canada in verschiedenen Rollen immer mal wieder aus.
Er tue das gerne, sagt er und kramt in Erinnerungen: Die Olympischen Spiele 1988 in Calgary hätten ihn stark beeinflusst. Seine Familie habe sich damals kein Ticket für die Spiele Kanadas kaufen können. Aber für ein Spiel von Polen gegen die Schweiz habe es gereicht. Seit da habe er ein Flair für internationales Hockey, für die Schweiz.
Doan ist ein jovialer Gesprächspartner, ein paar Minuten nach Spielschluss deutlich besser gestimmt als zuvor bei der 1:2-Niederlage gegen den HC Davos, wo er sich auf der Medientribüne lautstark über Zweiminutenstrafen («What a terrible call!») enerviert hatte.
Mithilfe von Andrew Ebbett, dem mit den hiesigen Begebenheiten besser vertrauten Sportchef des SC Bern, hat Doan die kanadische Mannschaft zusammengestellt. Sie speist sich wie immer vor allem aus in der Schweiz beschäftigten Spielern. Aber es gibt einen prominenten Abwesenden: Jake Virtanen.
Virtanen, 26, gehörte noch 2020 bei den Vancouver Canucks zu den hoffnungsvollsten jungen Spielern in der NHL. Heute ist er im EHC Visp beschäftigt, in der Swiss League, einer Liga, für die er sportlich völlig überqualifiziert ist. Virtanen wurde in British Columbia wegen eines sexuellen Übergriffs angeklagt, im Juli wurde er von einer Jury freigesprochen.
Man muss nicht zwingend über einen Hochschulabschluss verfügen, um zum Schluss zu kommen, dass Virtanen aufgrund dieses Vorfalls nicht dabei ist, Freispruch hin oder her. Doan sagt, es sei einfach so, dass man sich auf Spieler konzentriert habe, die in der National League engagiert seien. 2019, an der letzten Austragung des Spengler-Cups vor der Pandemie, hatten die Verantwortlichen die Liga-Zugehörigkeit noch weniger eng gesehen – mit Eric Faille von Kloten und dem Oltner Dion Knelsen waren zwei Swiss-League-Spieler aufgeboten worden.

2007/08 Teamkollegen im EV Zug, nun Trainer des Team Canada: Josh Holden (links) und Travis Green.
Melanie Duchene / Keystone
Der Schwachpunkt des kanadischen Teams in Davos ist allerdings nicht der Angriff, sondern die Defensive. Fünf der acht Verteidiger haben noch nie auf dem grösseren europäischen Eisfeld gespielt, und bei den Torhütern herrscht nicht zum ersten Mal am Spengler-Cup ein Notstand: Weil das Equipment für den in der drittklassigen East Coast Hockey League engagierten Michael DiPietro nicht rechtzeitig eingetroffen ist, musste am Dienstag Connor Hughes aushelfen, der Goalie von Gottéron, der in diesem Monat sein Debüt in der Schweizer Nationalmannschaft gegeben hat.
Hughes hat ähnlich schnell die Seiten gewechselt wie der Coach Travis Green. Green war noch im November als Berater dem Schweizer Nationaltrainer Patrick Fischer zur Seite gestanden, nun betreut er das kanadische Team. Green, 52, bestritt 2007/08 seine letzte Saison als Profi im EV Zug an der Seite Fischers, als Coach trainierte er zuletzt Vancouver und Virtanen. Es ist gut möglich, dass man ihn bald regelmässig in der Schweiz sieht: Green ist bei mehreren National-League-Klubs im Gespräch.
Kanada droht im Männer-Eishockey 2022 eine finale Enttäuschung
So kommt es, dass das Jahr 2022 für die Kanadier im Männer-Eishockey sportlich eine finale Enttäuschung bereithalten könnte, nach dem Ausscheiden im Viertelfinal an den Olympischen Spielen in Peking und dem verlorenen WM-Final gegen Finnland in Tampere. Das Team Canada ist mit 16 Titeln Spengler-Cup-Rekordsieger, seit 2011 stand die Auswahl stets mindestens im Halbfinal.
Nach zwei Niederlagen zum Auftakt, 2:3 gegen Sparta Prag und 1:2 gegen den HC Davos, könnte das Turnier für den Favoriten nun aber bereits am Donnerstagnachmittag zu Ende sein. So weit will der General Manager Shane Doan nicht denken. Er sagt: «Wir brauchen jetzt einfach drei Siege in Folge. Und ich glaube, es trifft nach wie vor niemand gerne auf uns. Kanada ist in Entscheidungsspielen immer stark.»
Ein paar Siege und freundliche Schlagzeilen kämen dem erfolgsverwöhnten Rekordweltmeister nach dem denkwürdigsten Jahr seines Bestehens bestimmt gelegen.