Thomas Roost über die Gefahren und die Risiken
Import-Spieler-Überflutung: Eine Provinzposse aus der Schweiz
Der aktuelle Streit in der Schweizer Eishockeyszene wird von sämtlichen mir bekannten ausländischen Hockeyexperten als typische Schweizer Provinzposse kommentiert, welche die Vorurteile über uns im hockeytechnischen Ausland als etwas rückständiges, knorriges, konservatives Bergvolk zementiert.
Selten hat eine Eishockeydiskussion in unserem Land derart hohe Wellen geschlagen wie die aktuelle über die Anzahl erlaubter Importspieler. Das vorliegende Resultat finde ich nicht gut, es wird nicht die erhoffte Wirkung auf die Spielersaläre entwickeln und für junge Schweizer Spieler ist das Erreichen einer Hauptrolle auf unserer grossen Bühne des Theaters erschwert.
Die Emotionalität, die Schärfe und die totalitären Schuldzuweisungen in dieser Diskussion erinnern an die unsäglichen Wortmeldungen von Möchtegern-Epidemiologen, Impfverweigerern, Virologen mit gefährlichem Halbwissen und populistischen Vertretern der Extremparteien. Dies ist nicht angezeigt, denn der «Streitwert» dieser Auseinandersetzung ist weit geringer als vielerorts vermutet wird. Ich empfehle dringend, aufgrund der Hiobsbotschaften betreffend die Juniorenentwicklung nicht in Depression zu verfallen und ebenso dringend ist meine Empfehlung in Richtung der «Säckelmeister» bei den Proficlubs in der National League, sich nicht in den Teppichetagen-Budgets schöne Lohnerhöhungen zu bewilligen, weil die Lohnsumme auf dem Eis zu sinken verspricht. Die wahre Gefahr dieser unschönen Diskussionskultur, respektive Diskussionsverweigerungskultur, sind andere möglichen Folgen als das Nichterreichen der Payroll-Senkungen und der Verlust an Qualität der sportlichen Leistungen unserer Nationalteams, doch dazu später.
Zuerst zu den vielerorts antizipierten Folgen Payroll-Senkung, Qualitätsverlust in der Nachwuchsförderung, Zuschauerschwund.
Nein, die Gesamtausgaben für Spielersaläre werden nicht sinken, aber der jetzt schon beträchtliche Graben zwischen den budgetstarken und budgetschwächeren Teams wird noch grösser und dies wird zu einer noch unausgeglicheneren Liga führen als bereits jetzt. Langnau und Ambri werden auch in Zukunft in aller Regel von unter dem Strich grüssen und Teams wie Zug, Zürich, Lausanne und irgendwann dann auch wieder Bern und Lugano werden die Regularseason als Testspielaufgalopp für die Playoffs geniessen können. Wenns nicht so läuft wie es soll, dann wird an der Importspielerfront geklotzt denn die Versuchung, sich in diesem riesigen Spielermarkt zu bedienen ist verlockend und die Irrtumstoleranz ist ja neu unbeschränkt (die Clubs dürfen neu so viele Importspieler lizenzieren wie sie wollen), d.h. es braucht künftig noch weniger Sportkompetenz aber dafür noch mehr «Kohle» um kompetitiv zu sein, resp. um Importspieler-Einkaufsirrtümer korrigieren zu können.
Allfällige Strafzahlungen in den Solidaritätsfonds bezahlen die reichen Clubs aus der Portokasse, das kennen wir aus dem Baseball. Den Qualitätsverlust für die Juniorenförderung sehe ich auch nur bedingt. Dies tönt als vorauseilende Erklärung für ausbleibenden Erfolg an den Junioren-WMs und bei den Drafts. Vergessen wir nicht: Der jetzt immer augenscheinlichere, schleichende Niedergang unserer Juniorenqualität – positiv interpretiert darf maximal auch von einer Stagnation gesprochen werden – fällt in eine Zeit, in der wir im Gegensatz zu den Deutschen die Importspielerregelung exakt so definiert haben wie wir glauben, erfolgreicher zu sein. Umgekehrt fällt das deutsche «Juniorenwunder» der letzten Jahre, mit den zahlreichen Erstrundenpicks, genauso in diese Zeit in der wir glaubten, dass wir betreffend Talentförderung vieles richtig und die Deutschen vieles falsch machen.
Zuschauerrückgang: Da bin ich nicht so sicher, Corona wird da vermutlich den grösseren Einfluss haben als die Importspielerdiskussion. D.h. ich erwarte für die nahe Zukunft einen Rückgang bei den Zuschauerzahlen im Stadion, davor höhere TV-Einschaltquoten, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ich glaube, die Fans werden zurückkehren, evtl. werden es teilweise andere sein als heute. Zudem habe ich nie ganz verstanden, wie die eindrücklichen Fan-Voten zu diesem Thema zustande gekommen sind. Wurden da «nur» Stimmen von jugendlichen Hardcorefans gezählt oder haben auch die zahlreichen «nur Zuschauer» die nicht im Fanblock stehen mitgestimmt? Ich kann mir vorstellen, dass es doch eine grössere schweigende Mehrheit gibt, denen diese Diskussion mehr oder weniger egal ist. Dass die Spieler dem Ansinnen der Importspieler-Öffnung nicht zugestimmt haben ist ja wohl logisch, dies darf nicht überbewertet werden. Kein normaler Baustellenarbeiter würde den Schweizer Lohnschutzartikel im EU-Vertrag kippen wollen.
Die Gefahren:
Die aktuell latente Gefahr ist eine Art «Bürgerkrieg» in unserer Eishockey-Community. Es wird nicht mehr miteinander gesprochen, es gilt das Recht des Stärkeren und das «Big Picture», das langfristige Wohlergehen des Schweizer Eishockeys steht nicht mehr im Fokus. Selbstverständlich bilden sich dadurch bei den Schwächeren Widerstände, Kampfbereitschaft, Kreativität und Solidarität.
Denken wir mal in folgenden Szenarien: Was passiert, wenn sich die Swiss League plötzlich mit innovativen, kreativen Ideen als ernst zu nehmende Konkurrenz zur abgehobenen, selbstgefälligen National League etabliert, z.B. mit einem authentischen, lokalpatriotischen Produkt? Was passiert, wenn sich beispielsweise Schwenningen, Feldkirch, Grenoble und Milano für diese Liga bewerben? Was passiert, wenn sich plötzlich die ZSC Lions für dieses Produkt interessieren? Was passiert, wenn der SIHF z.B. beschliesst, für Weltmeisterschaften und Olympische Spiele nur noch Schweizer Spieler die entweder im Ausland (NHL, AHL, skandinavische Liga etc.) oder in der Swiss League tätig sind zu nominieren? Was passiert, wenn dereinst ein Swiss League Club einen besseren Sponsorenvertrag abzuschliessen vermag als ein mittelmässiger National League Club? Dies mögen aus Nationalleague-Obrigkeit betrachtet alles unrealistische Hirngespinste sein, aber Hochmut kommt immer vor dem Fall.
Schlusswort:
Das Tragische an dieser ganzen Geschichte ist, dass sich die Schweizer Hockeyszene selbst zerfleischt und dies ohne jegliche Not. Die National League spaltet sich von der Swiss League ab und will auch mit dem SIHF, dem Hockeyverband, nur noch so wenig wie möglich zu tun haben. Auch die Fanclubszene wird mehr oder weniger unbeachtet gelassen. Grabenkämpfe zwischen den Ligen, Spielern, Fans und irgendwann auch Sponsoren sind an der Tagesordnung. Gewinner wird die Spielergewerkschaft sein. Sie wird gestärkt und wenn sie dies geschickt ausschlachtet, dann wird diese Organisation mittel- bis langfristig vermutlich nicht ähnlich mächtig wie in der NHL, aber doch stark genug, um die National League Teambesitzer empfindlich zu ärgern. Ich glaube kaum, dass dies im Interesse der National League-Oberen liegt.
Die NHL Team-Besitzer haben vor der Erstarkung der NHLPA (Spielergewerkschaft), ähnlich ignorant und eigennützig kutschiert, wie sich jetzt ansatzweise auch das Gebaren der National League zeigt. Es braucht die Einsicht aller (National League, Swiss League, Fans, Sponsoren und Spielergewerkschaft), dass sich unsere Eishockey-Community nur dann weiter prosperierend entwickeln kann, wenn alle endlich zur Einsicht kommen, dass der «Feind» nicht innerhalb sondern ausserhalb zu finden ist. Die Gegner unserer grossartigen realen, analogen Eishockeyparty sind andere Sportarten sowie E-Sports und weitere Trendszenen für die Freizeit.
Dies mein «Wort zum Sonntag», in der vielleicht naiven Hoffnung auf einen baldigen Burgfrieden.