EISHOCKEY-TRAINERDer «ewige Ralph» ist schon 61 – na und?
Ralph Krueger steht in Buffalo vor seiner zweiten NHL-Saison. Die erstaunliche Geschichte eines Trainers, der eigentlich ein Politiker ist.
Trainer? Gewiss Ralph Krueger ist Cheftrainer der Buffalo Sabres in der NHL, der wichtigsten Hockeyliga der Welt und mit einem Jahresgehalt von 3,9 Millionen Dollar einer der bestverdienenden seiner Branche. Doch er ist viel mehr. Trainer brauchen Erfolge, um ihre Position zu sichern. Noch viel wichtiger als Siege ist deshalb Macht. Macht, um kritische Situationen zu überstehen. Kein anderer ist ein so guter Machtpolitiker wie Ralph Krueger. Seine Branchenkollegen kennen kaum den Namen von Niccolo Machiavelli. Er aber hat die Werke des grossen italienischen Staats-Philosophen, Politikers und Schriftstellers verinnerlicht. Ralph Krueger lebt, was der grosse Machiavelli vor mehr als 500 Jahren lehrte. Und so gelingt es ihm, gute Beziehungen in Macht umzuschmieden. Sein jüngstes Meisterstück: Buffalo hat im Frühjahr die Playoffs verpasst. Aber nicht Trainer Ralph Krueger wird gefeuert. So wie es sonst allerorten der Brauch ist. Sondern General Manager Jason Botterill.
Bei den Entscheidungen mitreden
Der Trainer bleibt im Amt, sein Chef muss gehen: das kommt eigentlich gar nie vor. Und zeigt, wie gut Ralph Krueger seine Macht in Buffalo gefestigt hat. Er ist sozusagen General Manager und Coach. Was er natürlich weit von sich weist. «Nein, das will ich nicht.» Aber er gibt immerhin zu: «Meine Beziehung zur Besitzerfamilie, zu Kim und Terry Pegula ist enger geworden. Wir hatten viel Zeit, um unsere Situation zu analysieren. Es ist klar, dass ich in dieser Konstellation nun stärkeren Einfluss auf die Entscheidungen habe.»
Bei den Entscheidungen mitreden: davon träumen alle Trainer der Welt und kaum einem ist es vergönnt, es zu tun. Ralph Krueger sagt: «Ich versuche herauszufinden, was für das Team das Beste ist und wenn wir dann eine klare Vision haben, dann möchte ich, dass sehr schnell entschieden wird.» Als Coach oder als geschäftsführender Präsident ist der direkte Zugang zu den Besitzern hilfreich. «Ich kenne das aus Southampton: die Nähe zur Besitzerin machte es möglich, unkompliziert zu entscheiden und sehr schnell die Kultur zu ändern. Aber ich will nur der Headcoach sein. Das ist meine Rolle und ich habe den Job in Buffalo ja gerade deshalb angenommen, weil ich in Southampton die Nähe zum Sport vermisst habe.»
Arbeiten auf dem Eis, aber alle Macht: erst so wird der Trainer fast unentlassbar. So war es damals in der Position als eidgenössischer Nationaltrainer. Er stand Verbandspräsident Werner Kohler so nahe, dass es ihm gelang, im Sommer 2000 einen Sechsjahresvertrag (!) auszuhandeln. Heute gibt Ralph Krueger zu, dass er ohne diesen Vertrag nach der Enttäuschung beim Olympischen Turnier von 2002 in Salt Lake City (in den Gruppenspielen ausgeschieden) gefeuert worden wäre.
Das Rücken in die Mitte des Machtzentrum
Ralph Krueger sagt über seine heutige Position in Buffalo: «Es ist einfach so dass ich vom Rand mehr zur Mitte gerückt bin.» Es ist der Satz, der uns das Phänomen Ralph Krueger erklärt: Er kommt zu einer Organisation und dann rückt er in die Mitte, ins Machtzentrum vor. Damals beim Verband, heute in Buffalo. Nur so ist diese «ewige Karriere» möglich geworden. Nur ein einziges Mal ist er bis heute nicht bis ins Zentrum der Macht gelangt. In Edmonton. Und dort ist er als Cheftrainer auch zum bisher einzigen Mal gefeuert worden. «In Edmonton war ich sehr weit weg von den Entscheidungsprozessen. Ich passte nicht zur Klubkultur. Wir waren nicht gleicher Meinung und ich hätte mich ändern müssen, um zu bleiben.»
Der in Winnipeg geborene Sohn deutscher Einwanderer betritt 1997 als Nationaltrainer in der Schweiz ins Rampenlicht und seither prägt er das Eishockey. Und als er zwischendurch mal nicht auf der Hockey-Bühne steht, hat er einen grossen Auftritt in der Premier League, der wichtigsten Fussball-Liga der Welt. Als geschäftsführender Präsident des FC Southampton. 1998 löst er mit dem WM-Halbfinal eine Welle der Hockeybegeisterung aus, als es im täglichen Leben kein Internet gibt, SMS-Botschaften als futuristisches Kommunikationsmittel und die Swissair als fliegende Bank gelten. Und heute steht Ralph Krueger immer noch an der Bande. Diese gefühlte Ewigkeit im gleichen Amt haben im Hockey sonst nur noch NHL-General Gery Bettman, der Ajoie-Vorsitzende Patrick Hauert, ZSC-Präsident Walter Frey, SCB-General Marc Lüthi und IIHF-Präsident René Fasel.
Lieber Trainer statt Mitbesitzer
Erstaunlich an dieser Karriere, dass der in der Schweiz eingebürgerte deutsch-kanadische Doppelbürger immer noch auf dem Eis steht und sich nicht in die Chefetagen verabschiedet hat. Denn dort findet er sich ebenso gut zurecht wie bei der täglichen Arbeit mit den Spielern. Er ist auch schon als Referent für Führungsfragen beim WEF aufgetreten. Und tatsächlich hatte er eine Offerte, um ganz oben anzukommen: bei den Teambesitzern: «Ja, diese Möglichkeit hatte ich. Eine Gruppe von amerikanischen Investoren wollte in der Premier League ein Team kaufen und ich sollte Präsident und Mitbesitzer werden. Aber ich habe über die Jahre gelernt, dass ich ein Lehrer, also ein Coach bin. Nach dem Ende meiner Spielerkarriere wollte ich in Texas Manager eines Golfklubs werden und ich bin getestet worden. Dabei kam heraus, dass ich am besten für den Job eines Golflehrers geeignet wäre.» Und so hat er die Chance nicht genutzt, Teambesitzer in der wichtigsten Liga der Welt zu werden und in die Teppichetagen aufzusteigen. «Ich habe mit meiner Familie die verschiedenen Möglichkeiten besprochen und auch meine Kinder und meine Frau haben gesagt: Du bist ein Headcoach. Geh nach Buffalo.»
«Ich konnte fast nicht fassen, was ich sah»
Ralph Krueger kennt den Fussball aus der Premier League und das Eishockey aus der NHL auf höchster Ebene. Seine Beurteilung der Entwicklung des Eishockeys seit seiner Zeit als Nationaltrainer (bis 2010) bis heute: «Das Eishockey hat sich seither in atemberaubender Art und Weise entwickelt. Keine andere Mannschaftsportart hat eine vergleichbare Entwicklung hinter sich. Als ich in Buffalo zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder ein Eistraining leitete, konnte ich fast nicht fassen, was ich sah: dieses Tempo, diese Präzision, diese Intensität! Es war für mich fast so, als sei ich Zuschauer eines unfassbaren Geschehens. Kein anderer Mannschaftsport kommt an die Qualität des Eishockeys heran.»
Seine wichtigste Erfahrung aus dem Fussball-Business sei der Umgang mit ganz grossen Spielerpersönlichkeiten. «Sie verlangen so viel. Sie wollen auf alles eine Antwort. Wenn Du keine Antwort hast, dann verlierst du die Spieler. Du gibst einen Weg vor, auf dem Eis, im Spiel, im Training, neben dem Eis in den Pausen. Aber du musst von deinem Weg absolut überzeug sein. Sonst folgen dir die Spieler auf diesem Weg nicht.»
Hat er je einmal keine Antwort gewusst? «Eine gute Frage. Ich möchte immer eine Antwort geben, egal was die Frage ist. Auch aus Respekt vor dem Fragesteller. Sicher hat es Situationen gegeben, in denen ich noch nicht das Wissen hatte, um eine Antwort zu finden. Aber ich bin weit weg davon, allwissend zu sein. Ich habe immer die Antwort mit dem Wissen gegeben, das ich im Moment hatte. Ich höre zu, wenn Spieler etwas sagen. Ich versuche, ein Trainer zu sein, der Lösungen bringt. Wenn ich die Lösung nicht gleich hatte, habe ich eine Auszeit genommen.» Ralph Krueger gilt als Gross- und Hexenmeister der Kommunikation.
Aber er ist in den sozialen Medien nicht präsent: «So ist es. Ich rede lieber offen mit den Spielern. So kann ich Energie auftanken. Über soziale Medien ist das nicht möglich.» Wenn er etwas für die Öffentlichkeit zu sagen habe, dann tue er das über die klassischen Medien. «Das ist eine viel grössere Herausforderung, die ich nicht missen möchte. Es ist ja langweilig, wenn es keinen Widerspruch gibt und wenn ich nicht überzeugend auftreten muss. Der Verzicht auf soziale Medien spart sehr viel Zeit, die ich sinnvoller nutzen kann. Im Laufe dieses Sommers haben sich in Buffalo auch einige unserer Spieler ganz aus den sozialen Medien ausgeklinkt und sind froh darüber.»