Angekommen im Hafen des Glücks
Von Simon Graf. Aktualisiert um 10:14
ZSC-Spielmacher Luca Cunti verzaubert mit 24 die Liga. Dabei ist es noch nicht lang her, dass er mit dem Eishockey aufhören wollte.
Selbst der gute alte Odysseus wurde schon herangezogen, wenn es darum ging, den Weg des Luca Cunti nachzuzeichnen. Doch im Unterschied zur Figur aus der griechischen Mythologie, die erst nach zehnjähriger Irrfahrt den Weg nach Hause fand, ist der Zürcher Spielmacher im vergleichsweise jungen Alter von 24 im Hafen des Glücks angekommen. Schon früh als eines der grössten Talente des Schweizer Eishockeys überhaupt gepriesen, prägt er die Liga in diesem Winter mit seinen Finten, Pässen, Dribblings und Sturmläufen wie kein anderer. Und das Schöne ist: Er lässt alles so wunderbar leicht, so selbstverständlich aussehen.
Doch selbstverständlich ist es nicht, dass er nun da ist, wo er steht. Es ist noch nicht lang her, dass er sich sogar überlegte, dem Eishockey den Rücken zu kehren. Und irgendwie hätte das auch in die Familiengeschichte gepasst. Vater Mario, der heute bei den Veteranen des SC Küsnacht brilliert, hörte auf mit 17. Eigentlich, um einmal das Gipsergeschäft des Vaters zu übernehmen. Doch nachdem er sich in Venedig in einer Schule für Stukkateure weitergebildet hatte, zog er von Arosa an die Goldküste des Zürichsees und machte dort sein eigenes Geschäft auf. «Bereut habe ich es nie», sagt er, der auch ein filigraner Techniker ist. Das grosse Geld war damals noch nicht zu verdienen im Eishockey. Losgelassen habe ihn der Sport aber nie.
Die Erfahrung auf dem Bau, die seine Augen öffnete
Zum bekannten Cunti wurde Pietro, der Jüngste der drei Brüder, der als einziger auf den Sport setzte und mit Arosa und dem SCB zwischen 1980 und 91 viermal Meister wurde. Wenn über Luca geschrieben wird, ist deshalb stets von seinem Onkel die Rede. «Doch es war mein Vater, der mir als Bub beim Chneble alles beigebracht hat», sagt der ZSC-Stürmer. Und er muss schmunzeln, wenn er daran denkt, was alles in die Brüche ging, wenn sie damals im Wohnzimmer dem Puck nachjagten. Doch eben. Mit 21 stand er an einer Weggabelung. Er hatte die Saison mit den SCL Tigers wegen des Pfeiffer-Drüsenfiebers frühzeitig abgebrochen und seine Ziele im Eishockey aus den Augen verloren.
«Es kam alles zusammen, mir ging es gesundheitlich und mental schlecht», blickt er zurück. «Und in solchen Momenten überlegt man sich einiges.» Er brauchte Abstand zum Sport, der ihn bis da so geprägt hatte und ihm so vieles zu versprechen schien. Und so begann er, als er sich im Frühling körperlich wieder besser fühlte, im Gipsergeschäft des Vaters zu arbeiten. Natürlich bestand sein Job nicht darin, Stukkaturen zu erstellen, die wohl anspruchsvollste Arbeit eines Gipsers. «Am Anfang trug ich vor allem Sachen herum», erzählt er. «Irgendwann durfte ich Löcher in der Wand stopfen. Mein Vater beobachtete meine Arbeit sehr kritisch.»
Das Gastspiel auf dem Bau war für ihn eine Erfahrung, die ihm die Augen öffnete. «Ich arbeitete zwei Monate dort. Und danach musste ich sagen: Das ist um einiges härter als alles, was ich bis jetzt gemacht habe. Ich musste morgens um halb sechs aufstehen, um halb sieben begann die Arbeit. Ich bekam einen ziemlichen Respekt vor der Arbeitswelt. Das war pickelhart. Zumal es draussen noch kalt war.» In jener Zeit schnürte er nicht einmal mehr seine Schlittschuhe, doch er begann zu realisieren, wie sehr ihm das Eishockey fehlte. Also rief er Simon Schenk an, den Sportchef des ZSC-Farmteams, und fragte, ob er ihm nochmals eine Chance gebe, ob er das Sommertraining absolvieren und sich für einen Vertrag aufdrängen dürfe.
«Cunti hatte bei uns Altlasten gehabt mit Nachwuchstrainern», erinnert sich Schenk. «Viele hatten mit seinem Ego nicht umgehen können. Aber ich habe lieber einen talentierten Spieler, der charakterlich etwas anders ist als andere, als einen lieben Cheib, dem man noch das Hockeyspielen beibringen muss.» Der Emmentaler, der in der ZSC-Organisation noch heute eine wichtigere Rolle spielt, als viele meinen, wurde zum Mentor Cuntis und gab ihm regelmässig Feedbacks. Und der verlorene Sohn war bei den GCK Lions bald der beste Mann. Trotzdem wurde er in jener Saison nie zum ZSC berufen. Es brauchte mit Bob Hartley einen neuen Trainer, dem egal war, was vorher war, damit er im Herbst 2011 bei den richtigen Lions debütieren durfte.
Der nächste Schweizer Topskorer nach Brunner?
Seitdem jagen sich bei ihm die Erfolge. Er wurde auf Anhieb zu einem wichtigen Spieler bei den Stadtzürchern und 2012 Meister. Im vergangenen Frühjahr errang er bei seiner WM-Premiere die Silbermedaille, in den letzten Monaten ist er bei den ZSC Lions zum Teamleader gereift und hat Aussichten, nach Damien Brunner der nächste Liga-Topskorer mit Schweizer Pass zu werden. Es ist aber nicht so, dass ihm alles zuflog. Unter Schleifer Hartley musste er vieles einstecken, und auch bei dessen Nachfolger Marc Crawford musste er zuerst untendurch, wurde er anfangs nur als 13. Stürmer eingesetzt.
Die beiden Kanadier seien ganz unterschiedlich, stellt Cunti fest: «Hartley forderte einen auf dem Eis immer bis an die Grenzen, aber daneben war er sehr liebenswürdig. Bei Crawford ist es eher das Gegenteil. Er fordert einen mental immer wieder heraus.» Doch Cunti hat einzustecken gelernt. Auch im Spiel. Er trägt den goldenen Helm des ZSC-Topskorers nicht so gern, weil man damit zur Zielscheibe werde. «Früher konnte ich mich noch eher durchschleichen. Jetzt sieht mich jeder. Und der Gegner versucht gezielt, mich aus dem Spiel zu nehmen. Man wird besser gedeckt, bekommt viel mehr Stockschläge. Da muss man selber auch austeilen können. Wenn man nur einsteckt und nie austeilt, macht man sich kaputt.»
Der Eishockey-Schöngeist hat, so scheint es, also auch die weniger schönen Seiten dieses Sports entdeckt. Cunti teilt vermehrt Checks aus, ist sich nicht zu schade, seine Fäuste einzusetzen und sprintet inzwischen im gleichen Tempo zurück wie nach vorn. Doch woher stammt eigentlich seine Leichtfüssigkeit? Die Fortbewegung auf Schlittschuhen habe sich für ihn schon immer natürlich angefühlt, sagt er. Mit zwei oder drei hatte er erstmals Kufen an den Füssen. Und seine Mutter brachte ihn schon früh zum Schlittschuhunterricht in Küsnacht, unter anderem bei Bodo Bockenauer, einem mehrfachen DDR-Meister im Eiskunstlauf.
Das Training ohne Stock und Puck machte Cunti wenig Spass. Doch es zahlte sich aus. «Ich sah schon früh, dass er gute Anlagen hat, sich gut bewegt», sagt Vater Mario. «Eishockey lag ihm besser als Fussball. Im Golf wäre er auch nicht schlecht gewesen. Wenn man polysportiv aufwächst, ist das gut fürs Eishockey. Denn da braucht es alles, die Hände, die Beine, eine gute Koordination.»
Cunti: «Wenn man gedraftet wird, heisst das gar nichts»
Die Geschichte des Luca Cunti zeigt aber auch, dass viel Talent auch hinderlich sein kann. Wenn man bei den Junioren regelmässig fünf, sechs Tore schiesst, ist die Verlockung gross zu glauben, es gehe automatisch so weiter. Als er 2007 als Nummer 75 von Tampa Bay gedraftet wurde, war er an der Zeremonie in Columbus anwesend und sah schon eine grosse NHL-Karriere vor sich. «Wenn man gedraftet wird, heisst das gar nichts», sagt er rückblickend. «Wenn man ein Erstrunder ist, müssen dich die Clubs fast spielen lassen, denn sonst haben sie einen Fehler gemacht. Aber alles andere garantiert dir nichts. Mit 18 war mir das noch nicht bewusst. Damals dachte ich: Jetzt gehe ich mal rüber und schaue, was dort so läuft.»
Die beiden Jahre in Übersee, am College in St. Cloud, Minnesota, in Chicago und Rimouski in der kanadischen Provinz will er als persönliche Erfahrung nicht missen. Was das Eishockey betreffe, hätten sie ihn aber nicht weitergebracht, im Gegenteil. Doch gerade rechtzeitig hat er seinen Weg gefunden, und inzwischen wird er regelmässig von Scouts beobachtet. Doch wenn er NHL hört, verdreht er die Augen. «Ich kann nicht morgen ins Flugzeug sitzen und übermorgen dort spielen. Deshalb beschäftige ich mich auch nicht damit. Ich lebe in der Gegenwart, grüble nicht gross. Das, was ich im Kopf habe, mache ich als Nächstes.» Damit ist er, der schon viel mehr erlebt hat als der normale 24-Jährige, zuletzt sehr gut gefahren.