Wurde glaube ich noch nicht gepostet:
Roger Schawinski über Walter Scheibli«Ich sagte spontan: Walti, aus dir mache ich einen Star»
Der Radiopionier bot Walter Scheibli mit Radio 24 die Plattform, um ein Kultreporter zu werden. Vor der Abdankung am Dienstag erinnert sich Roger Schawinski mit einem Schmunzeln.
Simon Graf Publiziert: 16.01.2024, 06:00

Der rasende Reporter: Walter Scheibli wurde mit seiner Passion zur Kultfigur. Foto: Radio 24
Roger Schawinski, wie war Ihre erste Begegnung mit Walter Scheibli?
Zu den Anfangszeiten von Radio 24 stand er einmal plötzlich in meinem Büro an der Limmatstrasse und sagte, er wolle Sportreporter werden. Wir waren ein junges Radio, es bewarben sich vor allem Junge in den Zwanzigern. Dann stand plötzlich dieser ältere, etwas rundliche Herr vor mir und sagte, er sei Vertreter für Kaffeemaschinen und Verpflegungsautomaten für Firmen, aber sein Traum sei es, Radioreporter zu werden. Eigentlich passte er gar nicht zu uns.
Und das sagten Sie ihm?
Nein. Er war mir auf Anhieb sympathisch. Ich nahm in als unglaublich herzlichen, sportbegeisterten Menschen wahr. Er sagte, er habe sich auch bei der SRG beworben, aber da habe man ihn abgelehnt, weil er einen Sprachfehler habe. Ich fand das kein Problem, im Gegenteil.
Im Gegenteil?
Ich suchte immer Persönlichkeiten. Sie müssen nicht perfekt sein, aber sie müssen irgendetwas Spezielles haben. Bei der SRG wollte man die glatte Reportage. Aber ich fand: Gerade mit seinem Sprachfehler fällt er auf. Seine Schwäche kann zu seiner Stärke werden. Ich sagte spontan: «Walti, aus dir mache ich einen Star. Auch wegen deines Sprachfehlers. Der hebt dich von den anderen ab.» Sein Sprachfehler war ja ein S-Fehler. Und jedes Mal, wenn er Zett Ess Cee sagte, kam dieser prominent zum Vorschein.

Roger Schawinski: «Ich sagte spontan: ‹Walti, aus dir mache ich einen Star.›» Foto: Silas Zindel
Scheiblis Sprachfehler wurde zu seinem Markenzeichen, aber auch, dass er parteiisch war. Er versteckte nie, dass er dem ZSC die Daumen drückte.
Genau. Als Lokalradio konnten wir den Sport anders präsentieren als die SRG, aus Zürcher Perspektive. Walter Scheibli musste nicht neutral berichten. Das entsprach ihm. Er war immer fair gegenüber den Gegnern. Aber es war ganz klar, welche Resultate er sich erhoffte. Wann er jubelte und wann er traurig war. Das sorgte für eine ganz andere Tonalität. Er war einzigartig, weil er seine Emotionen offen zeigen konnte. Das durften sie bei der SRG nicht, weil sie für die ganze Schweiz berichteten. Und er reportierte ja auch von FCZ- und GC-Spielen, ebenfalls aus Zürcher Sicht. Aber mit der Zeit wurde das Eishockey immer bedeutender für uns.
Wie wichtig war Scheibli für Radio 24?
Er war einer unserer wichtigsten Reporter, ganz klar. Wenn man es mit heute vergleicht: Gibt es noch vergleichbare Figuren am Radio mit einer solchen Ausstrahlung? Nein. Diese Zeit ist vorbei. Es ist nicht nur so, dass die Persönlichkeiten fehlen. Die Zeiten haben sich auch geändert. Es gibt so viele verschiedene Quellen, Internet, Social Media, man bekommt andauernd Pushmeldungen und kann jeden Hockeymatch am Fernsehen schauen. Für uns nahmen die Sportübertragungen lange eine zentrale Rolle ein. Radio war damals als Informationsmedium viel wichtiger als heute. Und Walti nahm seinen Job sehr ernst, war immer gut vorbereitet. Gerade was die Einleitungen aufs Spiel betraf, war er sehr akribisch. Er schrieb immer einen Text vor.

Er genoss es, gefeiert zu werden: Walter Scheibli im Oktober 2012 im legendären gelben Pullover.
Foto: Andy Mueller (Freshfocus)
Scheibli wurde zu einer Kultfigur im Hallenstadion.
Absolut. So bescheiden Walti war, er genoss es sehr, wie er gefeiert wurde. Wenn das Spiel flau war, riefen die Fans: «Waaaaalter Scheibli.» Und er stand mit seinem gelben Pullover auf und winkte ins Publikum. Das war für ihn das Grösste. Ich sagte zu ihm: «Am Schluss deiner Einschaltung musst du dich immer abmelden mit dem Resultat. Also: ZSC eis, Davos zwei, Walter Scheibli für Radio 24.» Das wurde auch zu einem legendären Spruch.
Der ZSC war in den Achtzigerjahren noch der Underdog, es gab viel zu leiden. Trug das auch bei zum Kult?
Ja. Am Anfang war der ZSC ja noch in der Nationalliga B. Walti musste nach Ajoie reisen und kam um drei Uhr morgens nach Hause. Und wenn der Aufstieg verpasst wurde, litt er. Ich ging auch immer wieder ins Hallenstadion, unter anderem ans legendäre Spiel 1992 im Viertelfinal gegen Lugano, als die Hütte brannte wie nie zuvor und nachher. Alles war voller Rauch, Lugano war der haushohe Favorit. Wir lagen uns alle in den Armen. Eine solche Begeisterung habe ich nie mehr in einem Stadion erlebt.
Als der ZSC 1992 das «Grande Lugano» stürzte.
Youtube
Wie gut passte Scheibli ins junge Team von Radio 24?
Tipptopp, das war kein Problem. An der Weihnachtsfeier nahm er mit seinem breiten Lachen und seiner Herzlichkeit alle für sich ein. Alle mochten ihn. Später kam dann ja auch sein Sohn dazu, Walter J. Auch er war ein herzensguter Mensch und machte bei uns jahrelang Reportagen. Ich pflegte Kontakt mit der ganzen Familie, auch mit Frau Margrit. Wir hatten auch eine eigene Fussballmannschaft bei Radio 24, sein Sohn spielte mit. Und Walter Scheibli kam immer an die Spiele und feuerte uns an. Es war sehr familiär.
Stand Walter Scheibli nicht im Tor? Er hatte ja von einer Goaliekarriere in Frankreich geträumt und einst drei Nationalliga-A-Spiele bestritten.
Nein, nicht mehr. Aber er hat uns erzählt von seinen glorreichen Zeiten. Ich wunderte mich immer, weil er eigentlich so klein war. Was nicht optimal ist für einen Goalie. Er war ja nicht grösser als 1,70 Meter.
Bei der Fusion des ZSC mit der GC-Eishockeysektion kämpften Sie zusammen mit Scheibli für das Kürzel ZSC. Letztlich blieb es.
Ja, aber wir mussten in den sauren Apfel beissen und das Lions akzeptieren. Doch es wurde nie wichtig. Noch keiner hat ZSC Lions gerufen. Wir machten Sondersendungen, es war Aufruhr in der Stadt. Als es auf der Kippe stand, ging ich zu Walter Frey und sagte: «Das könnt ihr nicht tun! Der Clubname ist heilig.» Seine Frau sagte zu ihm: «Dann gib ihm doch den Club, Walti.» Ich bin total erschrocken und sagte: «Nein, bitte nicht! Ich habe nicht so viel Geld.» (lacht)
Wann haben Sie Walter Scheibli das letzte Mal gesehen?
Ich rief ihn vor ein, zwei Jahren einmal an. Aber er hörte mich nicht mehr so gut und schrie in den Hörer. Kurz vor seinem Tod rief mich einer seiner Verwandten an und sagte: «Ich war gerade in der Klinik bei Walti. Er ist zwar nicht mehr so präsent. Aber kann sich immer noch erinnern an die Zeit bei Radio 24 und hat von dir geredet. Könntest du ihn nicht einmal besuchen?» Ich sagte: «Ja klar.» Wir machten aus, dass wir ihn im neuen Jahr besuchen würden. Drei Tage später starb Walti.
ZSC Lions: Roger Schawinski über Radioreporter Walter Scheibli | Tages-Anzeiger (tagesanzeiger.ch)