Fussball-Nationalteam
Einmal mehr will ein Star gehätschelt werden.
Von René Staubli
Besuch am Krankenbett
Ottmar Hitzfeld eilte als Erster ans Krankenbett von Alex Frei. «Komm Alex, versuch, dich zu beruhigen, versuch, ein, zwei Nächte zu schlafen, dann sieht die Welt schon wieder anders aus», ermunterte er seinen Star. Kaum war er aus dem Zimmer, schlüpfte Basels Trainer Thorsten Fink
hinein. Wie der Alex, der sich für sein Land den Arsch aufreisse, von den Fans behandelt werde, sei furchtbar ungerecht, klagte er nach der Visite. Hitzfeld will die Seelenmassage in den nächsten Tagen fortsetzen. Er hat Angst, dass Frei zurücktritt, weil ihn die Fans bei der Auswechslung im Spiel gegen Wales ausgepfiffen hatten.
Pflegebedürftig war nach dem Wales-Match auch der junge Valentin Stocker, obwohl er zwei Tore erzielt hatte. Bevor die Kamera lief, bat er den Reporter des Schweizer Fernsehens, am Schluss noch etwas ganz Persönliches sagen zu dürfen. Er durfte und beklagte sich, dass TV-Moderator Hüppi im «Sportpanorama» gemutmasst hatte, Hitzfeld stelle ihn gegen Wales womöglich gar nicht auf.
Schweizer Fussballer leiden gern an ihrer labilen Psyche. Im Mai 2008 wurde Marco Streller in St. Gallen ausgepfiffen, worauf er mit dem Rücktritt aus der Nationalmannschaft drohte. Man hätschelte ihn, bis er wieder auf die Beine kam. Das Hauptthema war nicht die unmittelbar bevorstehende EM, sondern Streller. Derzeit fragen sich alle, warum Frei trotz seiner Meriten ausgepfiffen wird. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Er war an der WM in Südafrika mehr beleidigte Leberwurst als Captain und erweist sich seither als Mimose. Von einem Captain erwartet man, dass er am Tag nach einem solchen Vorfall hinsteht und sagt: «Leute, die Pfiffe haben mir wehgetan, aber wir haben
ein Ziel und ziehen alle am selben Strick. Ich bin weiterhin dabei.» Doch Frei lässt sich lieber bitten. Mit der Folge, dass nun seine Befindlichkeit das Hauptthema ist und nicht die arg gefährdete EM-Teilnahme.
Wirklich professionelle Fussballer geniessen in vollen Stadien den Jubel, wenn sie Erfolg haben. Und wenn sie ihre hohen Saläre abholen, ist ihnen bewusst: Ein Teil davon ist Schmerzensgeld. Sie legen sich deshalb nicht einfach hin, wenn es mal wehtut.