NHL Draft 2023 – Hochspannung garantiert
Am Donnerstagmorgen um 01:00 Uhr Schweizer Zeit startet der diesjährige NHL Entry Draft. Thomas Roost schildert in seiner Kolumne die verschiedensten Ausgangslagen und wagt zum jungen Russen Matvei Michkov den Blick in die Glaskugel.
In einer Woche findet der diesjährige NHL-Entrydraft statt; mein wiederkehrendes Highlight der NHL-Saison. Die Wochen vor dem Draft sind immer gekennzeichnet durch gezielte Lügen, resp. das Legen von falschen Spuren. Alle Scouts der NHL-Franchises folgen einer «Agenda» und hoffen, durch gezielte Desinformation über bestimmte Talente, dass dadurch vielleicht ein Top-Talent auch noch in der zweiten Hälfte der ersten Runde zu haben sein wird.
Das Jahrzehntetalent Connor Bedard wird von den Chicago Blackhawks als Nr.1-Overall-Pick gedraftet, das steht fest und trotzdem herrscht Hochspannung. Dies aus mindestens zwei Gründen: Matvei Michkov einerseits und der Verteidigerdraft andererseits. Selten wurde derart kontrovers über die geschätzte Draftposition eines Supertalents wie bei Matvei Michkov diskutiert. Selten gab es derart unterschiedliche Meinungen über die besten zur Verfügung stehenden Verteidigertalente. Werden auch Schweizer oder Deutsche Talente gedraftet? Jetzt aber der Reihe nach:
Schweizer mit Aussenseiterchancen
Dies vorneweg: In einer frühen Runde werden weder ein Schweizer noch ein Deutsches Talent gedraftet. Alles andere würde mich doch schon sehr überraschen. Sichere Draftpicks gibt es weder in der Schweiz noch in Deutschland. Am ehesten Hoffnung darf sich der Offensiv-Verteidiger – der auch schon mal als Forward eingesetzt wurde – Rodwin Dionicio machen und dies, obwohl er als «Overager» im Draft bereits einmal übergangen wurde. Bei Deutschland schätze ich die Chance für den Verteidiger Norwin Panocha am höchsten ein und/oder für den «Overage-Adler Mannheim-Goalie» Arno Tiefensee. Ebenfalls irgendwo auf dem Radar der Scouts sind Kevin Bicker und Linus Brandl (Deutschland) sowie Eric Schneller und Attilio Biasca (Schweiz). Hoffnungen können wir immer auch für so genannte Ueberraschungspicks haben, die Hoffnung stirbt zuletzt.
Aus unserem näheren Umfeld sind ganz vielleicht auch Spätrundendrafts für den Oesterreicher Ian Scherzer und den französischen Goalie in Diensten Servette Genfs, Antoine Keller, möglich. Wir dürfen aber auch nicht enttäuscht sein, falls in diesem Jahr die Anzahl Draftees aus der Schweiz und Deutschland einmal mehr sehr, sehr gering ausfallen wird.
Hochspannung betreffend Michkov
Die Scouting-Community ist sich mehr oder weniger einig, dass der Russe Matvei Michkov – wenn er Kanadier wäre – Connor Bedard als Nr.1-Overall-Pick hätte bedrängen können. Im letzten internationalen Turnier, an dem beide gespielt haben (U18-WM Frühling 2021), war Michkov mit Bedard auf Augenhöhe und Michkov wurde zum Turnier MVP gewählt. Die Stats: Frühling 2021 U18 WM: Michkov 7 Spiele 12 Tore + 4 Assists = 16 Punkte / Bedard 7 Spiele 7 Tore + 7 Assists = 14 Punkte). In der Folge gab es kaum mehr internationale Spiele zum Vergleich. Bedard dominierte in der WHL und auf unglaubliche Weise an der U20-WM. Michkov erstaunte mit extrem guten Werten bei den Profis in der KHL und VHL. Michkov hat inzwischen auch bereits einen Vertrag bis 2026 bei SKA St. Petersburg unterschrieben, d.h. diejenige NHL-Franchise, die ihn nächste Woche draften wird, muss sich drei Jahre gedulden, bis er in der NHL aufläuft. Dies mindert seinen Draftwert, denn nicht alle GMs sind bereit, derart lange zu warten, weil sie eh nicht wissen, ob sie in drei Jahren noch immer in Amt und Würden sind. Zudem gibt es auch andere Unsicherheiten (Michkov konnte in den letzten zwei Jahren aufgrund der Sanktionen nicht mehr in internationalen Wettbewerben gescoutet werden). Auch sportlich gibt es latente Fragezeichen: Michkov ist ziemlich klein gewachsen, ist nicht überdurchschnittlich «speedy» und zeigt im Defensivverhalten ohne Puck – trotz jüngsten Fortschritten - Schwächen.
Dies alles führt zu kontroversen Diskussionen und Vorhersagen unter den Draftexperten. Von Nr. 2 overall bis frühe zweite Runde findet sich für Michkov alles in den Vorhersagen. Am wahrscheinlichsten scheint ein Draft in der Region 4-10 overall zu sein. Was zeichnet Michkov aus? Seine Spielintelligenz mit der Scheibe ist unglaublich hoch. Ich habe noch nie ein Hockeytalent gesehen, der im Angriffsdrittel mit dem Puck am Stock derart gefährlich ist. Wenn Michkov die Scheibe in der Offensivzone hat, dann geschehen fast immer gute Dinge, egal ob beim Rush, in der Ecke, entlang der Bande oder in Slotnähe. Michkov kreiert Optionen wie kein anderer, er ist auch sehr mobil, agil mit gutem «Edgework», hat extrem gute Handskills und seine Schussqualität ist hervorragend, sehr «tricky». Zudem wird er ein Ticketseller sein, seine «Michigan»-Goals sind z.B. bereits legendär. Wie gesagt, er hat ein hochentwickeltes Hockeybrain und ich weiss, dass die GMs, die die Möglichkeit haben Michkov zu draften, am Drafttag selbst Schweissausbrüche haben werden, egal ob sie ihn draften oder übergehen.
Das Chancen- und Risikopotenzial bei Michkov ist in beide Richtungen extrem hoch. Wenn er z.B. als Nr. 8 gedraftet wird und er sich in drei Jahren als NHL-Superstar bestätigt, dann werden sich mindestens die GMs auf den Positionen 4-7 sehr unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Umgekehrt: Wählen die Anaheim Ducks, die Columbus Blue Jackets oder die San Jose Sharks mit ihren Picks 2, 3 und 4 Michkov und in drei Jahren sagt Michkov «April, April, die NHL kann mir mal, ich bleibe in St. Petersburg», dann wackelt der Stuhl der GMs bei den Ducks, Blue Jackets oder Sharks.
Ich persönlich würde Michkov als 2nd overall draften und dies mit folgenden Argumenten: Michkov ist vom Talentlevel her gesehen genauso wie Bedard ein Jahrzehntetalent, das Chancenpotenzial für einen Franchiseplayer ist hoch. Mit einem frühen Pick in der ersten Runde würde ich meistens «all in» gehen und das Chancenpotenzial in der Regel höher gewichten als das Risikopotenzial, denn einen sehr guten, soliden Spieler kriege ich, wenn ich die Hausaufgaben gemacht habe, auch noch in der frühen zweiten Runde, aber einen Franchiseplayer finde ich dort nicht mehr (Ausnahmen bestätigen die Regel). Als Ducks, Blue Jackets und Sharks muss ich zudem die realistische Erwartungshaltung für die nächsten 2-3 Jahre in Betracht ziehen und vor allem bei den Sharks ist es unrealistisch, dass sie in dieser kurzen Zeit zum Stanley-Cup-Contender reifen. Darum wäre für mich der Wartezeitfaktor eher vernachlässigbar. Zudem – wenn ich Michkov drafte – werde ich im Gegensatz zu Teams mit Bedard, Fantilli oder Carlsson eher die Chance haben, auch in den nächsten drei Jahren sehr früh draften zu können und es winken hervorragende Spieler an der Spitze der NHL-Drafts 2024, 2025 und 2026. Falls der GM, die Teamowner und die Fans die Geduld für 2-3 Jahre aufbringen, dann ist mit Michkov plus eine sehr frühe Draftposition in den kommenden Jahren eine fantastische Zukunft möglich.
David Reinbacher hoch im Kurs
Der Verteidigerdraft ist nicht minder spannend. Das Pendel der Mehrheitsmeinung schlägt in diesen Tagen in Richtung des Oesterreichers David Reinbacher aus. Er wird mit einer relativen Wahrscheinlichkeit von ca. 60% als erster Verteidiger gedraftet werden. Es gibt aber höchst unterschiedliche Meinungen zum besten Verteidiger in diesem Draft. Reinbacher (ja, viele Scouts tendieren zu ihm), Sandin-Pellikka, der Schwede? Ja, einige Experten setzen auf den smarten, athletischen, aber eher klein gewachsenen Offensivverteidiger. Auch ein anderer Schwede, der Allrounder Willander, wird genannt und die Russen Simashev und Gulyayev finden sich ebenfalls auf der einen und anderen Liste zuoberst im Defenderranking.
Am 28. und 29. Juni ist Hochspannung angesagt und spätestens nach dem ersten «Gasp», dem ersten umstrittenen Pick (wahrscheinlich Michkov), werden die wie immer leidenschaftlichen Diskussionen angeheizt, ich freue mich riesig!
https://www.mysports.ch/de/blog/nhl-dr…nung-garantiert
