Länderspiele als Zankapfel: Weshalb Swiss Ice Hockey eine Reise nach Deutschland nicht absagen will
Am 10. und 11. Februar soll die Schweiz in Füssen zwei Testländerspiele absolvieren. Das sorgt für lautstarke Kritik bei den Klubs – sie fürchten nichts Geringeres als die Lahmlegung der Meisterschaft.
Nicola Berger (NZZ)
Es ist lange her, seitdem die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft letztmals in Erscheinung getreten ist: Am 7. Februar 2020 siegte sie in Olten gegen Deutschland, 2:1 nach Penaltyschiessen. Seither fielen alle Termine der Pandemie zum Opfer, auch die Heim-WM 2020 in Zürich und Lausanne. Nun stehen in zwei Wochen die «Prospect Games» in Füssen auf dem Kalender, zwei Duelle mit Deutschland von sportlich überschaubarem Wert. Auch wenn die Schweiz nicht wie sonst bei den Februar-Zusammenzügen mit Zukunftshoffnungen, sondern mit dem bestmöglichen Aufgebot antreten will. Die Partien dienen nicht zuletzt als Vehikel, um Sponsorenbedürfnisse und TV-Verträge abzugelten. In den letzten Wochen war der Tenor bei Spielern, Trainern und Funktionären deshalb eindeutig: Die Spiele werden abgesagt. Zum einen, weil das Risiko einer Infektion zu gross ist – es würde die ganze Liga lahmlegen, sollten Spieler aus fast allen zwölf Teams betroffen sein.
Play-off-Final erst Mitte Mai?
Und zum anderen, weil der Termindruck aufgrund von zahllosen Spielverschiebungen immer grösser wird. Bereits gibt es ligaintern ein Szenario, bei dem die Meisterschaft erst am 23. Mai endet. Also mitten während der Weltmeisterschaft. Sollte es so weit kommen, stünde der Sport vor einer Zerreissprobe. Die WM ist ein geschützter Termin, es besteht eine Abstellungspflicht für die Klubs. Aber natürlich ist es allen Spielern freigestellt, ein Aufgebot nicht wahrzunehmen. Sie befänden sich in einem moralischen Dilemma: Dem Ruf des Nationaltrainers Patrick Fischer folgen. Oder sich in den Dienst des Klubs stellen, der für den Lohn aufkommt. Noch ist es nicht so weit, erst dürfte das Play-off auf ein Best-of-Three-Format gekürzt werden. Aber auch in Schweden gibt es Gedankenspiele bezüglich eines Saisonendes während der WM.
Es gibt bei Swiss Ice Hockey durchaus ein Verständnis für diese Problematiken. Doch Lars Weibel, der Nationalmannschaftsdirektor, sagt: «Nach heutigem Stand finden diese Spiele in Füssen statt. Auch bei uns ist die finanzielle Situation angespannt, auch wir müssen Verträge erfüllen. Wir waren jetzt ein ganzes Jahr nicht auf dem Eis und müssen eine WM vorbereiten. Denn wenn wir dort nicht parat sind, müssen wir das ja verantworten.» Weibel, früher einst Nationalgoalie, meint damit nicht zuletzt sich selber – es ist ihm noch nicht gelungen, aus dem Schatten seines Vorgängers Raeto Raffainer zu treten. Auch Weibel wird klar sein, dass das nicht die unwiderstehlichste Idee der Weltgeschichte ist: mitten in einer Pandemie im Bus nach Deutschland zu reisen und dort einen Sport mit Körperkontakt auszuüben. Ein CEO eines National-League-Klubs nennt das Vorhaben «einen absoluten Wahnsinn, schon nur die Idee ist absurd.»
Aber es ist nun einmal Weibels Job, die Interessen des Nationalteams zu vertreten. Und die können nicht sein, den Zusammenzug kampflos abzusagen. Weibel sagt, man biete Hand für einen Kompromiss: Das Programm wurde zusammengestrichen, die zwei Partien sind nun für den 10. und 11. Februar geplant.
Was ist zumutbar?
Der Meisterschaftsbetrieb kann in dieser Zeit fortgeführt werden, wobei sich da schon das nächste Problem stellt: Der SC Bern muss nach drei vom Kantonsarzt verordneten Quarantäneperioden so viele Spiele nachholen, dass das Programm in den nächsten Wochen fast unmenschlich ist. Im Kader des SCB gibt es mit Simon Moser, Tristan Scherwey und Vincent Praplan zumindest drei Spieler, die für die WM infrage kommen. Aber eigentlich ist es unzumutbar, sie für die Spiele in Deutschland aufzubieten. «Heikel» nennt Weibel die Thematik, aber er sagt auch: «Die Hoheit über das Aufgebot liegt bei Patrick Fischer. Und die Nationalmannschaft hat Vorrang.»
Swiss Ice Hockey wird die Nominationen für die Länderspiele in dieser Woche verkünden. Sie könnten für weiteren Diskussionsstoff sorgen.
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