Posts by Ouimet

    Usem Tagi:


    Der kleine Löwe will unbekümmert sein

    Am Samstag beginnt das Abenteuer für den Club, der 37 Jahre zweitklassig war und der grosse Aussenseiter in der Super League ist. Ausgerechnet Alex Frei kommt mit Basel zu Besuch.


    Der Moment hat schon fast etwas Ergriffenes, als Andreas Mösli das Wort ergreift. Im kleinen Presseraum, den es auf der Schützenwiese zwar schon lange gibt, der aber nie wirklich benutzt worden ist, steht er da und sagt in die Runde: «Das ist historisch. Es ist die erste Pressekonferenz, seit ich hier bin.»


    Zwanzig Jahre ist Mösli jetzt beim FC Winterthur, der frühere Punkrocker und Journalist. In dieser Zeit hat er dem Club ein Gesicht gegeben (Stichwort: «Friede. Freiheit. Fussball») und ist selbst zum Gesicht geworden. Die Haare des 57-Jährigen sind kürzer und grauer geworden, er will kürzertreten und sich nur noch um die Kommunikation des Vereins kümmern. Ganz so wenig ist das nicht, weil vieles neu ist. Statt der gewünschten 60 arbeitet er weiterhin 100 Prozent.


    «Wir sind dann mal oben!» hat der Club zum Motto gemacht, nachdem er sich am 21. Mai mit einem Sieg in Kriens den Aufstieg gesichert hatte. Und weil er mal oben ist, feiert er an diesem Mittwochnachmittag eine Premiere und richtet eine Pressekonferenz aus. Mösli hat dafür Sportchef Oliver Kaiser aufgeboten, den neuen Trainer Bruno Berner und Captain Granit Lekaj.


    Das Stadion mit einer Seele

    Auf einem Nebenplatz trainieren Junioren, Handwerker sind im Stadion unterwegs, um es den Bedürfnissen der Super League anzupassen. Zwei hohe Türme stehen neu neben der Haupttribüne, damit die Kameras für den VAR ihren Platz haben. Sie sind klobig, passen nicht zum Bild der Schützenwiese und behindern zum Teil die Sicht der Zuschauer auf den Platz.


    Wenigstens ist alles andere noch da, die Bierkurve, die Sirupkurve, der Salon Erika, Gagarin, die alte Matchuhr, die Stehplätze, die Libero-Bar – all das eben, was diesen Ort ausmacht. Als Mösli beim FCW als Geschäftsführer einstieg, hiess es noch: «Ach, die Schützi! So eine Katastrophe! Alles fällt auseinander!» Inzwischen sagt er: «Solche alten Stadien haben eine Seele.»


    Wenn der FCW am Samstag gegen den FC Basel in die neue Saison geht, sind die 8400 verfügbaren Plätze ausverkauft. Die 8400 reichen für einen stimmungsvollen Rahmen, weil hier alles kompakt ist. Oder wie es Bruno Berner sagt: «Das Stadion hat fast einen englischen Touch.»


    Mösli geht davon aus, dass die Heimspiele bis in den Winter ausverkauft sein werden. Die Leute wollen halt einmal auch andere Gegner sehen, nicht immer nur Thun, Wil oder Stade Lausanne-Ouchy. Mit dem Reiz des Neuen ist auch die Herausforderung verbunden, sich auf ungewohntem Gelände zu behaupten. Der FCW ist kein Spitzenclub mehr, sondern der erste Anwärter auf Platz 10.


    Oliver Kaiser, der Sportchef, mag mit solchen Prognosen nichts anfangen, er sei kein Fan davon, sagt er. Lieber will er darauf setzen, dass sie alle ihre Arbeit richtig machen. Damit sie am Ende vielleicht sagen können, die Experten oder Journalisten hätten sich geirrt. Kaiser gibt den Optimisten: «Ich bin felsenfest überzeugt, dass wir eine gute Rolle spielen.»


    Berner tut sich weniger schwer mit den düsteren Erwartungen, was die sportliche Zukunft bringen wird. «Letzte Saison war der FCW national die Nummer elf», hält er fest, «jetzt fangen wir auf Platz 10 an.» Nur heisst das lange nicht, dass sie gleich die weisse Fahne schwenken. Sie wollen sich Spieltag für Spieltag «ufechräsme», so sagt er das, langsam nach oben klettern.


    Lekaj endlich am Ziel

    Die Euphorie ist gross um den Verein, seit er im Frühjahr angefangen hat, an der Rückkehr in die höchste Liga zu arbeiten. 37 Jahre war er weg von der Spitze gewesen, lange 37 Jahre für den Club aus einer Stadt, die zwar im Schatten von Zürich steht, aber immerhin die sechstgrösste des Landes ist. Jetzt sagt Captain Lekaj: «Ein Traum ist in Erfüllung gegangen.» Das gilt gerade für ihn, weil ihm dieser Club so viel bedeutet und gar zu einer Heimat geworden ist.


    32 ist der stämmige Innenverteidiger inzwischen. 337 Spiele hat er in der Challenge League bestritten, was die zweithöchste Zahl in dieser Liga ist. Am Samstag kann er endlich in die Super League eintauchen. Und das erst noch gegen den Trainer, dem er das zu einem wesentlichen Teil zu verdanken hat. Alex Frei kehrt mit Basel auf die Schützi zurück, wo er ein halbes Jahr der Trainer war, der mit seiner Siegermentalität und Geradlinigkeit voranging.


    «Mir ist egal, wer auf der anderen Seite Trainer ist», wirft Lekaj ein. Grösser scheint seine Vorfreude auf das Wiedersehen mit Davide Callà zu sein, Callà sei ein Captain gewesen, wie er nie einen sonst gehabt habe, sagt er, «er war komplett. Schade, dass er ging.» Callà folgte Frei im Sommer als Assistent nach Basel.


    Den Wunschkandidaten für die Nachfolge Freis hatte Kaiser schnell auserkoren. Berner ist für ihn gar der «perfekte Trainer». Was der 44-jährige Glattbrugger mitbringt, ist recht viel. Da ist die fachliche Expertise, seine auch als TV-Analytiker gezeigten kommunikativen Stärken, seine Erfahrungen als Spieler in der Bundesliga und der Premier League wie auch als Trainer beim SC Kriens. Dass er als bodenständig gilt, hilft in einem Umfeld wie in Winterthur, um Akzeptanz zu gewinnen.


    Vier Jahre trainierte er die Krienser, bis 2021. Zuerst stieg er mit ihnen auf, dann hielt er sie drei Saisons lang trotz sehr bescheidener Mittel in der Challenge League. Beim FCW ist nun alles ein, zwei Nummern grösser, das ändert jedoch nichts daran, dass er finanziell der Kleine ist in der Super League.


    Mit einem Budget von 11 Millionen Franken liegt er weit hinter der Konkurrenz, die 1. Mannschaft kostet weniger als die Hälfte davon. Neun Spieler sind abgegeben worden, unter ihnen Roberto Alves, der feine Spielmacher, und Sayfallah Ltaief, als Flügelstürmer die Entdeckung der letzten Rückrunde. Alves zog es in die polnische Provinz, Ltaief nach Basel. Fünf Spieler sind neu, zum Beispiel der weit gereiste Florian Kamberi für den Sturm und von Sion Timothy Fayulu fürs Tor. Kaiser selbst ist zufrieden mit seiner Arbeit. «Wir haben uns verstärkt», sagt er, «da bin ich sicher.»


    24 Stunden überlegte sich Berner, ob er die Arbeit als U-19-Trainer beim Schweizer Verband aufgeben und nach Winterthur wechseln will. So lange? Seine Frau habe schon noch etwas dazu zu sagen gehabt, sagt er mit einem breiten Lachen. Was ihn am neuen Arbeitsplatz reizt, ist die «Gesamtkonstellation». Ein Punkt sticht dabei heraus: «Ich kann so richtig unbekümmert an die Aufgabe herangehen.»


    Das Versprechen Berners

    Die Erwartungen sind an anderen Standorten zum Teil viel grösser, gerade in Basel, Bern und Zürich, auch in Lugano, Genf oder St. Gallen. Das kann dem FCW helfen, mit der Enttäuschung von Niederlagen umzugehen, der Rückhalt bei den Fans kann dabei ebenso ein entscheidender Faktor sein. Der Trainer will Niederlagen vorbeugen, indem er von seinen Spielern fordert, dass sie «nicht mit gebückter Haltung» auftreten: «Wir gehen raus und getrauen uns etwas. Wir wollen etwas wagen.»


    Das vertikale Spiel hat es ihm angetan, der schnelle Pass in die Tiefe. Gleichzeitig weiss er, dass seine Mannschaft Druckphasen aushalten und überstehen muss, mehr als in der Vergangenheit. Mit Blick auf Lekaj, der zwei Stühle neben ihm sitzt, sagt er darum: «Granit, als Verteidiger kannst du dich freuen. Da kannst du dich so richtig, richtig auszeichnen.»


    Der Löwe ist das Wappentier des FCW. Im Gang, der von den Kabinen auf den Platz hinausführt, ist das Licht düster. An die Wände sind zwei grosse Köpfe von Löwen gesprüht. Sie blecken ihre Zähne. Als wollten sie den Gegner das Fürchten lehren und die Schützenwiese zu einer kleinen Festung machen.

    Usem Tagi;


    «Ich bedaure nichts»

    Die spektakuläre Niederlage im Playoff-Final gegen Zug beschäftigt den Schweden noch immer. Er blickt aber zuversichtlich in die Zukunft – erst recht dank des neuen Stadions.


    Es ist bald zwei Monate her, dass der Playoff-Final mit dem Meistertitel des EV Zug geendet hat. Tut das immer noch weh?

    Nicht mehr so sehr wie gleich danach. Wenn du in diesem Sport arbeitest, musst du akzeptieren können, dass der Unterschied zwischen Gold und Silber manchmal nur minim ist. Ich stand als schwedischer Nationalcoach zweimal auf der anderen Seite, 2017 und 2018 gewannen wir den WM-Final im Penaltyschiessen. Ich bin trotzdem stolz auf meine Jungs bei den ZSC Lions, auf den Effort, den sie in der zweiten Saisonhälfte geleistet haben. Leider konnten wir das letzte Spiel nicht gewinnen.

    Sie führten im Final 3:0 und gaben die Serie noch aus der Hand. Was fehlte?

    Mit dem vierten Spiel war ich nicht happy. Aber danach haben wir alles reingeworfen und wurden einfach nicht belohnt. In Spiel 6 hatten wir im Mitteldrittel 17:1 Schüsse, aber der Puck ging nicht rein. Das Glück, das wir zu Beginn der Serie gehabt hatten, hatte uns verlassen. Aber der EV Zug ist ein würdiger Sieger, er gewann ja auch die Regular Season.

    Was würden Sie im Nachhinein anders machen nach der 3:0-Führung?

    Wir trafen unsere Entscheidungen mit den Informationen, die wir damals hatten. Darüber zu spekulieren, ob es anders herausgekommen wäre, wenn wir anders entschieden hätten, ist nicht meine Sache. Ich bedaure nichts. Wenn man als Coach zurückblickt und sich überlegt, was alles hätte sein können, führt man kein glückliches Leben. Aber natürlich müssen wir aus dem Final unsere Lehren ziehen. Das hätten wir aber auch getan, wenn wir gewonnen hätten.

    In den letzten vier Spielen schossen die ZSC Lions nur noch drei Tore. Wieso stockte die Offensive derart?

    Uns fehlten die Tore der hinteren Linien. Schon während des ganzen Playoffs. Aber wir dachten, dass wir dank der Magie zwischen Malgin, Andrighetto und Hollenstein trotzdem durchkommen könnten. Leider schafften wir es nicht ganz. Und zuletzt waren auch einige Schlüsselspieler stark angeschlagen.


    Es war eine turbulente Reise im Playoff. Fast wären die ZSC Lions im Viertelfinal gegen Biel gescheitert. Wären Sie dann jetzt noch ZSC-Trainer?

    Das müssen Sie das Management fragen, nicht mich. Es geht nicht um mich, sondern ums Team. Ich unternehme einfach alles, um den Erfolg zu ermöglichen.

    Im NHL-Playoff fielen viel mehr Tore als im Schweizer Playoff. Wie erklären Sie sich das?

    Sie haben in der NHL einen guten Job gemacht, alle Behinderungen zu eliminieren. Da sind sie konsequent. Und in der NHL spielen die weltbesten Stürmer, die haben schon noch mehr Power.

    «Die Schweizer spielten ein positives Eishockey. Schade, scheiterten sie im Viertelfinal. Das ist immer die grosse Hürde.»

    Verfolgten Sie die WM in Finnland?

    Ja, natürlich. Die Schweizer gefielen mir sehr gut, sie spielten ein positives Eishockey. Schade, scheiterten sie im Viertelfinal. Das ist immer die grosse Hürde an einer WM. Wenn du die übersprungen hast, fällt der Druck ab, dann spielst du um Medaillen. Und das ist für alle Nationen schon einmal ein Erfolg. Auch Schweden hat seit 2018 keinen Viertelfinal mehr gewonnen.


    Mit Dean Kukan, Mikko Lehtonen und Lucas Wallmark verpflichteten die ZSC Lions drei Spieler, die an der WM gute Rollen spielten. Dazu Goalie Simon Hrubec. Wie schätzen Sie das Team nächste Saison ein?

    Mit Hrubec haben wir Kovar ersetzt. Er ist ein sehr, sehr guter Goalie. Lehtonen ist der beste Offensivverteidiger ausserhalb der NHL. Kukan ist ein äusserst stabiler Verteidiger und kann ebenfalls punkten. Wallmark hat auf jeder Stufe geliefert, er ist ein sehr smarter Spieler. Wir haben sehr gute Puzzleteile hinzugefügt, keine Frage.

    Was passiert mit Denis Malgin? Hatten Sie gemischte Gefühle, als er gross aufspielte an der WM und so NHL-Interesse auf sich zog?

    Gemischte Gefühle? Überhaupt nicht! Ich finde es wunderbar, dass er so gut gespielt hat. Ich unterhielt mich nach der WM auch noch mit Patrick Fischer über ihn. Wenn Malgin den Schritt zurück in die NHL macht, freue ich mich für ihn. Er ist ein exzellenter Spieler.

    Ist das Team der ZSC Lions auf nächste Saison hin nominell noch besser geworden?

    Ich denke schon. Aber alle sind mit der Erhöhung auf sechs Ausländer besser geworden, nicht nur wir.

    «Ich verstehe, dass man die Schweizer gern schützen möchte. Aber sechs Ausländer – das könnte sie auch stimulieren.»

    Ist die Erhöhung von vier auf sechs Ausländer eine gute Idee?

    Ich verstehe, dass man Schweizer Spieler gern schützen möchte. Es gibt für sie weniger Plätze. Aber ich glaube, das könnte die Schweizer auch stimulieren. Ich bin es nicht, der diese Entscheidungen fällt. Aber für uns Coaches heisst das, dass wir mehr Wettbewerb um die Plätze haben.

    Was bedeuten wird, dass junge Schweizer Spieler noch weniger Eiszeit erhalten.

    Eiszeit erhält man nicht, man muss sie sich verdienen. Ein paar Junge haben bei uns den nächsten Schritt gemacht. Sigrist hat sich etabliert, Sopa und Noah Meier schaffen es hoffentlich auch. Und wir haben in den Jahrgängen 2003 bis 2005 einige grosse Talente. Aber sie müssen ihre Arbeit machen, sich zuerst in der Swiss League beweisen, bevor sie in die National League kommen. Einige haben diese Geduld nicht. In Zürich sind die Erwartungen hoch, wir müssen ein Topteam sein. Viele Spieler in der Liga stammen von uns, diese Organisation macht einen exzellenten Job in der Ausbildung der Jungen. Aber nicht alle können bei uns spielen.

    Welchen Effekt hat die neue Swiss-Life-Arena, in welche die ZSC Lions im Oktober einziehen?

    Es wird eine unglaubliche Arena, die beste in Europa, um Eishockey zu spielen. Uns erwartet ein hartes Programm mit zuerst eineinhalb Monaten nur Auswärtsspielen. Aber diese Challenge nehmen wir gern an für dieses wunderbare Stadion.

    Wie sehen Ihre persönlichen Ziele aus? Liebäugeln Sie noch mit der NHL?

    Mein Plan ist, das absolut Beste für die ZSC Lions zu tun, damit wir nächste Saison gewinnen können. Ich glaube, in diesen drei Jahren gezeigt zu haben, dass ich mit vollem Herzen hier bin. Inzwischen bin ich einer der dienstältesten Coaches in der Liga. Meine Familie liebt es hier, ich liebe es und nehme meine Aufgabe sehr ernst. Ich werde Part dieser Organisation sein, solange man mich hier möchte.

    Us de NZZ;

    Winterthur schwankt nach dem Aufstieg zwischen Euphorie und Wachstumsschmerz: «Es ist nicht alles super, nur weil die Liga so heisst»

    Mehr Polizisten und teure Kameras: was der Aufstieg des FC Winterthur in die Super League kostet.

    Als sich im Frühling so langsam abzuzeichnen begann, dass der FC Winterthur nach 37 Jahren wieder erstklassig sein könnte, begannen die Fans sich Sorgen zu machen. «Erstklassig, zweitklassig», lautete seit Jahren der Slogan des Klubs. Was sollte daraus werden? Die Super League, sie war den Winterthurern suspekt. Die Band Arsenal Stefanini sang:


    «Ich zeig de Mittelfinger allne Funktionär mit Stumpe

    Ich bruch kei riichi Seck und au kei gwaltbereiti Tschumpel

    Morddrohige und Füüscht, hey de Schiri isch min Kumpel


    Teilig i Sektore, . . . aber de Sekt isch schön perlig

    Ich will nöd id Superleague»


    Nun wollen die Fans offenbar doch sehen, was da passiert in dieser Super League: 4100 Saisonabonnemente hat der FC Winterthur schon verkauft. Und es hätten noch viel mehr sein können. Der Klub musste den Verkauf der Abos stoppen. Sonst hätte es keine Plätze mehr gehabt für Personen, die Einzeltickets für die Spiele haben möchten.

    Platz gibt es im Stadion künftig weniger als bisher. In der Challenge League durften 9400 Fans ins Stadion, in der Super League werden es wohl 1000 weniger sein. Grund dafür sind Sicherheitsvorschriften von Liga und Behörden. «Es ist nicht alles super, nur weil die Liga so heisst», schreibt der FC Winterthur auf seiner Website. Der Aufstieg bedeutet für den Klub Abschied von liebgewonnenen Traditionen und höhere Kosten.

    Der wohl grösste Kulturschock für die Fans des FC Winterthur dürfte die Sektorentrennung sein. Die Regeln der Super League schreiben vor, dass das Stadion in vier geschlossene Sektoren eingeteilt wird. Das heisst: Es braucht vier separate Eingänge, vier Catering-Ecken, vier Toilettenanlagen und unzählige Gitter. Und das wird teuer.

    Dazu kommen weitere Investitionen: Drehkreuze an den Eingängen, Kameras für die Videoüberwachung, stärkeres Flutlicht und zusätzliche Medienplätze.


    Vor allem die Installation der Kameras für den Video-Schiedsrichterassistenten ist in Winterthur eine Hürde: In anderen Stadien werden die Kameras ans Tribünendach gehängt, in Winterthur geht das nicht. Deshalb müssen eigens zwei Türme auf Strafraumhöhe gebaut werden.

    90 Prozent der Kosten für den Umbau trägt die Stadt. Denn ihr gehört das Stadion. Der Winterthurer Stadtrat und das Parlament haben kürzlich 1,5 Millionen Franken für den Umbau bewilligt. Und das ist noch längst nicht alles, was Winterthur im Zusammenhang mit dem Aufstieg ausgeben wird.

    Am Montag teilte die Stadt mit, dass das Polizeikorps im Hinblick auf die Heimspiele in der Super League ausgebaut wird. «Um sichere Spiele zu gewährleisten, braucht die Stadtpolizei mehr Personal und mehr Einsatzmittel», sagt Katrin Cometta, Vorsteherin Departement Sicherheit und Umwelt. 12,7 neue Stellen wurden bewilligt. Das kostet jedes Jahr 1,6 Millionen Franken – viel, bedenkt man, dass es lediglich um 18 Tage pro Jahr geht, an denen in Winterthur Super League gespielt wird.

    Cometta sagt dazu: «Die Polizisten sind länger als 90 Minuten im Einsatz.» Dazu gehören die Vorbereitung des Einsatzes, Arbeiten im Hintergrund und Ermittlungen, falls etwas passieren sollte. So habe etwa die Stadtpolizei Zürich nach Super-League-Spielen schon mehrfach ermitteln müssen, weil Fussballfans Pyrotechnik abgefeuert hätten.

    Und es wird noch teurer für die Stadt: Zu den Umbau- und den Personalkosten kommt eine einmalige Investition in polizeiliches Einsatzmaterial in der Höhe von 795 000 Franken. «Die Winterthurer Polizei muss in der Lage sein, Fans zu trennen und zu intervenieren, falls es einmal nicht friedlich ist. Dafür braucht sie unter anderem Ausrüstung und Absperrgitter», sagt Cometta. Grundsätzlich sei man in Winterthur aber zuversichtlich: «Wir haben eine friedliche Fankultur.»

    Auch auf den Klub kommen Mehrkosten zu. Sie sollen unter anderem durch mehr TV-Einnahmen und eine Erhöhung der Ticketpreise gedeckt werden. Ein Stehplatz auf der Schützenwiese kostete bisher 18 Franken. Jetzt sind es 25. Die Sorge der Band Arsenal Stefanini ist also nicht ganz unberechtigt, wenn sie singt:

    «Ou nei, s bewegt mich nüt me

    Tüüri Tickets und kei gueti Lüüt me»

    Um die guten Leute muss sich die Band aber kaum sorgen. Denn die Winterthurer wären nicht die Winterthurer, hätten sie nicht noch einen Weg gefunden, ein paar hundert Fans mehr ins Stadion zu bringen: Der Klub hat die Plätze im Gästesektor reduziert, um die Heimsektoren auszubauen.



    Vorbereitungsspiele:


    Datum / ZeitBegegnungSpielort
    FR 12.08.22 / 19:30ZSC Lions – GCK LionsReinach/AG
    FR 19.08.22 / 19:45ZSC Lions – Düsseldorfer EGKunsteisbahn Oerlikon
    DI 23.08.22 / 20:00ZSC Lions – KooKooYverdon-les-Bains
    DO 25.08.22 / 17:00Fischtown Pinguins Bremerhaven – ZSC LionsYverdon-les-Bains
    FR 26.08.22 / 17:00ZSC Lions – Grizzlys WolfsburgYverdon-les-Bains

    Was bringt das Playoff? Das sagen jene, die es ausprobiert haben

    Das Frauen-Team des FCZ holte auf dramatische Weise den Titel. Genau richtig so – oder schlicht unfair?

    Die einen hatten es befürchtet, die anderen genau darauf gehofft, am Schluss ist es tatsächlich so weit. Der Nachmittag vom Pfingstmontag ist langsam vorbei, der Abend bricht an – und der Playoff-Final zwischen Servette und dem FC Zürich geht ins Penaltyschiessen. Die Schweizer Meisterschaft, eine ganze Saison, muss also in einer Art Glücksspiel entschieden werden.

    «Irgendwie fühlt es sich an wie ein Cupsieg», sagt die spätere Gewinnerin Fabienne Humm, kurz nachdem sie vom Feiern mit den Fans zurückgekehrt ist. Die Medaille hängt um den Hals, sie ist golden, das Womens-Super-League-Logo erinnert daran, dass es doch um die Schweizer Meisterschaft ging. «Der heutige Tag war beste Werbung für den Modus», sagt hingegen Tatjana Haenni

    Die Direktorin des Ressorts Frauenfussball beim Schweizerischen Fussballverband meint damit nicht das Spiel an sich, das nach dem umstrittenen Platzverweis gegen Servettes Torschützin Michèle Schnider wild und ab dem noch umstritteneren Penalty für den FCZ in der 80. Minute richtig dramatisch wurde. Sie spricht von der medialen Abdeckung, schwärmt davon, dass noch nie so viele Medienschaffende bei einem Meisterschaftsspiel vor Ort waren.

    Hingegen ist es gut möglich, dass sie sich beim SFV mehr als 2642 Fans erhofft hatten. Der Austragungsort hat nicht geholfen, Lausanne gilt nicht als Epizentrum des Fussballs, bei den Frauen sowieso nicht. Lange hofften sie beim Verband, dass der St.-Jakob-Park zur Verfügung stehen würde, nach der Absage aus Basel wenige Wochen vor dem Final musste eine neue Spielstätte her. Zum Vorteil der Servettiennes, sie hatten eine Art Heimspiel. Beim FCZ jedoch kam nicht wie schon beim Cupfinal im Letzigrund die Südkurve – ein paar Mitglieder bildeten immerhin ein Südkürvli, das seine Schweizer Meisterinnen nach Marie-Therese Höbingers Siegtreffer frenetisch feierte.

    Auch für Grings war es skurril

    Zwar versteht Haenni den Genfer Frust, schliesslich war Servette Qualifikationssieger, führte im Final lange, wurde dann bei Entscheiden der Schiedsrichterin zumindest nicht bevorteilt. «Sie haben uns nicht gewinnen lassen», schimpfte Marta Peiró danach und fand auch zum Modus generell deutliche Worte: «Ich komme aus einem Fussballland wie Spanien, da wäre es undenkbar, die Liga in einem einzigen Finalspiel zu entscheiden. Die Liga sollte ein Wettbewerb der Beständigkeit sein.» Ihr Trainer Eric Sévérac kürt sein Team zum «Meister der Herzen», während sein Zürcher Pendant Inka Grings bei SRF zugibt: «Der Playoff-Modus kam uns klar zugute, das muss man ehrlicherweise sagen. Es ist skurril, in einem Final Meister zu werden.»

    Ein abschliessendes Urteil zum Modus habe sie aber noch nicht gefällt – im Gegensatz zu ihrem Chef. «Eine Meisterschaft im Penaltyschiessen zu entscheiden, ist schon nicht das, was man als sportlich erachten kann», sagt Ancillo Canepa. Trotz der goldenen Medaille um den Hals bleibt er bei seiner Haltung, die er schon bei den Männern vertritt. Für den FCZ-Präsidenten lag es auch am Alles-oder-nichts-Charakter dieser Partie, dass diese ungewohnt gehässig war.

    Die Titelentscheidung ist für Haenni aber nur ein Kapitel der ganzen Geschichte. Vier Spiele weniger müssen die Fussballerinnen austragen, die Mittwochspartien fallen weg, sofern nicht ein Spiel nachgeholt werden muss. Für all diejenigen, die am Donnerstag früh zur Arbeit, zur Schule oder zum Studium müssen, ist das zumindest kein Nachteil. Ausserdem ist da noch die Perspektivenfrage. Teams wie GC, Basel oder St. Gallen hatten in der Winterpause schon einen grossen Rückstand zur Tabellenspitze, aber auch ein ruhiges Polster zu den Abstiegsplätzen. «Was haben die dann noch für Aussichten fürs zweite halbe Jahr?», fragt Haenni rhetorisch. Sie findet: «Wer so viel Zeit und Energie investiert, sollte auch einen Anreiz erhalten.»

    Die Chance auf Überraschungen

    Der Playoff-Modus sei auch für nominell schwächere Teams eine Chance, doch noch einen Überraschungserfolg erzielen zu können. Wie YB, das im Viertelfinal gegen den FCZ zumindest für eine kurze Zeit an der Sensation schnuppern durfte, zwischenzeitlich führte und das Hinspiel nur 1:2 verlor. Im Rückspiel gingen die Bernerinnen dann aber 0:7 unter. Sandra Betschart jedenfalls, General Manager bei den YB-Frauen, befürwortet das aktuelle Format: «Der Frauenfussball in der Schweiz benötigt derzeit ausserordentliche Massnahmen, damit die öffentliche Wahrnehmung weiter gestärkt und die Liga als Produkt besser verkauft werden kann.» Für die 67-fache Nationalspielerin war der Final der beste Beleg dafür: «Das Spiel war ein Highlight der beiden besten Teams der Saison.» Ähnlich tönt es bei Luzern-Captain Melanie Müller: «Ich finde den Modus grundsätzlich gut, aber er ist noch nicht so durchdacht.»

    Zwar meint sie damit, dass sie in den Platzierungsspielen gerne noch mehr Aussichten gehabt hätte, als mit YB um den 6. Rang zu spielen, doch da ist auch noch die Sache mit den Gelben Karten. Vor dem Playoff wurden diese nicht gelöscht, sodass Servettes Spielmacherin Sandy Maendly den Final wegen einer Gelbsperre verpasste. Auf kommende Saison werde das geändert, verspricht Haenni, ab dann müsste eine Spielerin schon in jedem Playoff-Spiel verwarnt werden, um im Final gesperrt zu sein. Für Maendly kommt diese Regelung zu spät – sie beendet nach der EM im Sommer ihre Karriere.

    3.03 million Finns 🇫🇮 watched the 2022 IIHF World Championship gold medal game on TV on Sunday, with and average viewership of 2.35 million in a country of 5.5 million.


    At its peak, over 90% of the televisions that were on in the country were tuned into the game.

    Aus der NZZ a/S


    Kann ein Fussballverein zu viel Erfolg haben?
    Der FC Winterthur, bisher Klub der sympathischen Verlierer, ist in die Super League aufgestiegen. Die Euphorie ist gross. Doch alte Fans fragen sich, ob es überhaupt noch schöner werden kann. Beobachtungen eines Zaungasts. Von Linus Schöpfer

    Als der Aufstieg feststand, die Stadt eine Freinacht ausrief und sich Tausende zur grossen Feier versammelten, brach für manchen alten Winti-Fan eine Welt zusammen. «Jetzt haben wir den Salat», mailte einer danach.

    Ich wohne erst seit kurzem in der Stadt. Wie man einen Winterthurer erschreckt, lernte ich allerdings schon früh: indem man ihm sagt, sein Verein steige bald in die Super League auf. Dann sah ich irritierte Augen und hörte stammelnde Ausreden. Das Restprogramm sei tückisch, ein wichtiger Spieler verletzt, solche Sachen.

    Der Klub war lange zweitklassig. Verständlich, dass die Einheimischen nicht zu früh hoffen wollten, dachte ich. Aber das war nur die halbe Wahrheit.

    Die Bilanz der Stadt Winterthur der letzten hundert Jahre: eher so mittel. Die Industrie zerfiel, derweil man mit dem Sulzer-Hochhaus den höchsten Sanierungsfall der Schweiz hochzog. Erst leerten sich die Fabriken der Unternehmer, dann die Kassen der Politiker. Die Nachbarstadt Zürich, mit der man sich einst hatte messen wollen, ist längst enteilt.

    Arroganz wäre da lächerlich – also versucht man es eben mit Freundlichkeit. Und so entstehen Soziotope wie die Schützenwiese gleich neben dem Sulzer-Hochhaus. Auf dem Gelände kicken Kindergärtler neben den Profis, Schülerinnen werfen sich Frisbees zu, und Rentner machen auf ihrem Spaziergang halt, um dem Training ein bisschen zuzuschauen. Irgendwo stürzt sich Torwarttrainer Stephan Lehmann – ehemaliger Nati-Goalie, 58 Jahre alt, der FC Winterthur hat ihn aus der Arbeitslosigkeit geholt – ins Gewühl und kickt mit.

    Die Rückrunde war lange ein purer Spass, die Mannschaft spielte famos nach vorne, ist gespickt mit Zauberfüsschen und Dribblern. Dazu kam ein sehr ambitionierter Coach, der selbst nach Siegen aussah, als sei ihm ein Konfi­brot auf den Fuss gefallen. Bald war klar: Es wäre eine Tragödie, würde diese Mannschaft nicht aufsteigen. Wann, wenn nicht jetzt?

    Als der Aufstieg näher rückte, begann es unter den Fans zu rumoren. Die lokale Band Arsenal Stefanini veröffentlichte einen Song. Titel: «Super League». Refrain: «Ich will nöd id Super League.»

    Dann geschah, was Hiesige erwartet hatten. Der Klub verfiel in eine Starre, schien von einem bösen ägyptischen Fluch befallen. Plötzlich konnte er nicht mehr gewinnen. Während des Spiels gegen Thun – ein weiteres quälendes Remis – fragte ich mich, wie man es hier aushalten soll. Wer war schlimmer dran: Der Winti-Fan, der seit Jahrzehnten durch diese Tortur ging? Oder der Sünder in Dantes siebtem Höllenkreis, der zu einem Strauch verdorrt und von Vögeln gepickt wird? So sei es immer schon gewesen, sagte man mir. Ich wunderte mich über den gelassenen Ton.

    Schliesslich klappte es doch. Die Mannschaft war schlicht zu gut, und Vaduz wehrte sich am letzten Spieltag gegen den Tabellenführer aus Aarau, als ginge es um den Thron des Fürsten.

    Also brach der Erfolg über Winterthur herein. Für viele wurde ein Traum, für andere aber ein Albtraum wahr. Denn auf der Schützenwiese tummelt sich eine Spezies, die der gängigen Vorstellung von Leistung und Erfolg misstrauisch gegenübersteht und Behaglichkeit aus Prinzip stärker gewichtet als Ambition. Charaktere, über die Sven Regener Romane schreiben könnte: mittelbekannte Künstler, findige Tüftlerinnen, angegraute Jeansjackenträger, störrische Altpunks, Philosophen an der Biertheke. Sie sind es, die aus dem grauen Nati-B-Klub mit Liebe, Zeit und Witz ein alternatives Projekt gemacht haben.

    So befindet sich in einer Stadionecke eine kleine Kunstgalerie, der «Salon Erika». Zu ihren Objekten zählen ein grossflächiges Heiligenbild, eigentümliche Porträts früherer Spieler oder auch künstliche Enten. Die gegenwärtige Ausstellung trägt den Titel «Fuck Tactics», zu sehen gibt es verbeulte Taktiktafeln. Manchmal möchte sich ein Fan hier bloss rasch einen Schnaps abholen – und bleibt dann verdutzt vor den Exponaten stehen. Hinter der Salonbar hängt das Cover von «Bicycle Race» von Queen: kein Loblied auf Gewinner wie das gerne gegrölte «We Are The Champions», sondern ein Song für Aussteiger.

    Im Salon sieht man den Aufstieg kritisch. Lieber hätte man, es bliebe wie bisher: bekannte Gesichter im Stadion, kurze Schlange vor dem Wurststand und ab und zu Gratis-Prosecco für alle – auch für die Gästefans. Das Team soll oben mitspielen, aber eben nicht ganz oben. «Ideal wäre es, wenn wir in der Challenge League blieben und den Schweizer Cup gewännen», meint einer.

    Ob das nicht unfair und auch ziemlich elitär sei, den FC Winterthur so für sich behalten zu wollen, frage ich. «Es ist unfair von den anderen, die jetzt auch hierherkommen und uns die Stimmung kaputt machen», sagt ein anderer und lacht. Zugegeben, fügt er an, seine Haltung sei etwas paradox. Aber er frage sich halt, ob das ständige Streben nach Erfolg und Wachstum tatsächlich sinnvoll sei. Sein Kollege gibt zu bedenken, ob die Kultur im Stadion noch dieselbe sei, wenn der FCW dann wieder runterkommen, wieder absteigen müsse. «Ich habe meine Zweifel.»

    Andreas Mösli war einmal Punk, Trotzkist und spielte in der Band Swinging Zombies. Heute gehört er zur Geschäftsleitung eines Super-League-Klubs. Mösli steht vor dem Salon Erika und diskutiert über die Frage, ob echte Zufriedenheit ohne Erfolg möglich ist. «Ich glaube nicht, dass das geht ... für einen Fussballklub jedenfalls geht das nicht. Da kommst du sofort in die Abwärtsspirale. Da bleiben dir die guten Spieler und die Sponsoren weg.»

    Mösli gehört zu den Hardcore-Fans, deren Ideen zur Rettung des Klubs vor zwanzig Jahren beitrugen. Er erfand den Kindersektor «Sirupkurve» und den Slogan «Erstklassig zweiklassig», der zum Leitspruch jener wurde, die sich auf der Schützi einrichteten. Ein Problem, das gebe er zu, sei die Sektorentrennung, die sein Klub nun vornehmen müsse. Dass man künftig nicht mehr frei durchs Stadion streunen könne. Dass Bereiche wie der Salon Erika, die Sirupkurve oder die Fanbar nicht mehr so leicht zugänglich seien. «Aber der Salon muss doch nicht weg deswegen!»

    Einer im Salon sagt, dass ihm der Erfolg auf dem Rasen egal sei: «Wichtig ist, was im Salon passiert.» Das sei eben eine andere Priorisierung, erwidert Mösli. «Damit habe ich kein Problem, auch wenn ich sie falsch finde. Unser Kerngeschäft ist der Fussball. Ansonsten sollen sich bei uns möglichst viele Leute zu Hause fühlen.»

    Dann holt Mösli aus: Wer die Werte des Vereins – Toleranz, Vielfalt, Rücksicht auf sozial Schwächere – akzeptiere, sei willkommen. Egal, welcher Art und welchen Alters man sei. Mösli deutet mit dem Zeigefinger von Sektor zu Sektor: Die Schützenwiese sei wie der Kreislauf des Lebens. «Als Kind bist du in der Sirupkurve, dann kommst du in die Bierkurve, dann bist du auf der grossen Tribüne, dann kannst du nicht mehr richtig stehen und wechselst hinüber zu den Sitzplätzen, und dann ...» – Möslis Zeigefinger deutet auf die Treppe, die zum Stadion hinausführt – «... dann machst du den Abgang.»

    Okay, interessant, aber was ist mit der Super League? «Die schauen wir uns jetzt mal an. Wir sind da ganz offen.»

    Möslis spezieller Klub steigt nun eine Stufe höher in der Geldpyramide. An deren Spitze stehen Milliardäre wie der Emir von Katar oder Roman Abramowitsch, die um jeden Preis die Champions League gewinnen, sich so Anerkennung und Teilhabe an einer Gemeinschaft kaufen wollen.

    Etwas, das sie auch billiger haben könnten. Ein Stehplatz auf der Schützenwiese kostete bisher 18 Franken. Und nächste Saison kostet er halt ein paar Franken mehr.

    Eishockey-WM 2026 findet in der Schweiz statt

    Heute, 12:37 Uhr

    • Die Schweiz erhält am IIHF-Kongress in Tampere den Zuschlag für die Eishockey-WM 2026.
    • Der einzige Mitwerber Kasachstan zog sich vor der Entscheidung zurück.
    • Damit sollen die Titelkämpfe erstmals wieder seit 2009 und zum insgesamt 11. Mal in der Schweiz stattfinden.
    • Schon im Mai 2020 wären Zürich und Lausanne Co-Gastgeber gewesen, damals musste das Turnier aber wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden.

    Freu mi uf de FC Winti! Us de NZZ:

    «I’ll be fine tonight»: Der FC Winterthur ist nach 37 Jahren zurück in der Super League, der Aufstieg ist das Produkt eines kunstvollen Spagats zwischen Punk und Moderne

    Der FC Winterthur bereichert ab der neuen Saison die Super League, womöglich ohne den Trainer Alex Frei, der vor dem Abschied stehen soll. Eine Annäherung an einen faszinierend subversiven Fussballklub – und die Menschen, die ihn dazu gemacht haben.


    Hasu Langhart sitzt an einem Freitag im Mai auf der Schützenwiese, im Stadion des FC Winterthur. Hinter ihm die Libero-Bar, sein Reich. Es erklingt Punkrock, ein Hit der Bouncing Souls. Langhart vernichtet eine American-Spirit-Zigarette nach der anderen und sagt: «Früher haben wir oft verloren. War auch cool, es hat irgendwie zu Winti gepasst.»

    Langhart ist der Sänger der Peacocks, einer Schweizer Punk-Institution. Und als Wirt der Libero-Bar ist er eines der Originale, die den FC Winterthur zu dem machen, was er ist: ein schützenswertes Kulturgut, das sich im modernen Fussball eine bemerkenswerte Eigenständigkeit bewahrt hat, eine Oase der Stehrampenromantik quasi. Wenn der FC Winterthur zu Hause spielt, kocht Langhart für das Team. Später gibt er Shots, Jameson und Jägermeister heraus – und manchmal ein Gratisbier für die Stammkundschaft.


    Es ist kein Vergleich mit den anderen Stadien im bezahlten Fussball, in denen man als Besucher schon beim ersten Schluck schlechte Laune bekommt, weil einem für acht Franken abgestandener Schund verkauft wird. Der FC Winterthur bewegt sich weit weg von Systemgastronomie und anderen Schrecklichkeiten, die einem auf jeden Rappen Profit getrimmte Fussballklubs antun. Die Authentizität des FCW wird ab dem Sommer in der Super League zu bewundern sein; am vergangenen Samstag schaffte der Klub nach 37 Jahren die Rückkehr in die höchste Spielklasse.

    Das Engagement der Familie Keller

    Der Aufstieg hat viele Väter. Aber er wäre ohne die Familie Keller nicht möglich gewesen. Der Patron Hannes W. Keller begann den Klub einst zu sponsern, weil er in der Stadt Verbündete für den Kampf gegen eine Antenne des Mobilfunkanbieters Orange suchte, die auf dem Areal seiner Firma für Druckmesstechnik hätte aufgestellt werden sollen. Keller dachte: Sponsor des lokalen Fussballteams werden, das könnte helfen.


    Den Rechtsstreit um die Antenne gewann er – und nebenbei verliebte er sich in diesen Klub, in das Stadion und die Menschen. Er bewahrte den FCW 2001 vor dem Konkurs und wurde Alleinbesitzer. Sein Unternehmen schiesst seither jährlich eine Million Franken ein. Es tritt als Trikotsponsor auf, obwohl Mike Keller, einer der Söhne Hannes Kellers und seit 2019 Präsident des FC Winterthur, sagt: «Wir verkaufen deswegen kein einziges zusätzliches Produkt, unser Geschäft besteht aus 95 Prozent Export. Es ist ein soziales Engagement.»

    Als der Vater sich 2015 aus gesundheitlichen Gründen zurückzog, gab er seinen Söhnen Mike und Tobias den Auftrag, neue Klubeigentümer zu finden – auch, weil das Familienoberhaupt es ihnen nicht recht zutraute, sein Vermächtnis weiterzuführen. Die Brüder führten zwei Jahre lang Gespräche, sie empfingen Investoren aus den USA, aus Asien – und kamen zum Schluss, dass sie den Verein nicht abgeben werden. «Wir gelangten zur Überzeugung, dass wir nicht nur den Klub verkaufen würden. Sondern auch seine Seele und in gewisser Weise unsere Ideale», sagt Mike Keller. Gerade er brachte das nicht übers Herz. Er ist mit dem FCW seit vielen Jahren verbunden und erlebte in den 1980er Jahren noch die goldene Zeit in der Nationalliga A.
    Statt den Klub abzustossen, modernisierten die Söhne ihn. Sie verpassten ihm neue Strukturen und führten etwas ein, was es unter dem Vater nicht gegeben hatte: eine Leistungskultur. Hannes W. Keller hatte das Credo «Erstklassig zweitklassig» geprägt und gelebt. Einem Aufstieg stand er skeptisch gegenüber, Loyalität gegenüber Menschen, die er mochte, war ihm wichtiger als Resultate; an Trainern hielt er tendenziell zu lange fest. Er verzichtete auf einen Sportchef und liess den befreundeten Spielervermittler Wolfgang Vöge über Transfers entscheiden. Mike Keller sagt: «Für die Zeit hat das alles seine Berechtigung gehabt. Aber wir wollten nicht mehr eine geschützte Werkstatt sein, sondern Ambitionen haben.»


    Einer, der den Wandel mitgemacht hat, ist Davide Callà. Callà, 37, war während Jahren einer der besseren Fussballer der Super League, er spielte für den FC Basel und GC, ehe er die Karriere im FCW ausklingen liess, in seiner Stadt, heute ist er Assistenztrainer. Callà sagt: «Ich hatte teilweise das Gefühl, dass das F in FCW für Fun und nicht für Fussball steht.»

    Sinnbildlich für den Wandel steht der Entscheid vom letzten Dezember, als der Klub auf Platz 2 den Trainer Ralf Loose entliess und ihn durch Alex Frei ersetzte. Der Präsident Keller sagt: «Unser Vater hätte das nie getan. Aber für uns war es der richtige Entscheid, wir brauchten neue Impulse.» Doch was geschieht, wenn Alex Frei den Verein nun nach nur einem halben Jahr verlässt? Laut Medienberichten steht er kurz vor der Rückkehr zum FC Basel.

    Eine Fussballstadt erwacht

    Über das Potenzial des FC Winterthur herrschte eigentlich seit langem Konsens. Er hat auffallend viele hervorragende Fussballer hervorgebracht, alleine in den letzten Jahren die Nationalspieler Manuel Akanji, Remo Freuler, Admir Mehmedi und Steven Zuber.

    Der Winterthurer René Weiler, ein weit gereister Coach, der inzwischen den japanischen Rekordmeister Kashima Antlers betreut, arbeitete kurz nach der Jahrtausendwende als Sportchef im FCW. Er sagt: «Winterthur hatte immer alle Ansätze zur Fussballstadt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Klub erwacht.»



    Das Erweckungserlebnis liess auf sich warten, das macht jetzt den rauschhaften Frühling noch intensiver. Die Zuschauerzahlen in den letzten Monaten waren hoch, manchmal kamen 9000 Menschen, der Klub ist inzwischen der grösste Abnehmer der lokalen Haldengut-Brauerei.

    Die Stimmung hat oft etwas von einem Volksfest, aber nicht auf diese tumbe Ballermann-Art, sondern im sehr eigenen Winti-Groove. Vor dem Salon Erika, der Kunstgalerie innerhalb der Fankurve, spielen in der Halbzeit manchmal Bands. Es passt zur Attitüde dieser Stadt, zu ihrem rauen Charme. Sie war schon immer ein Rückzugsort für jene, die sich im mondänen Zürich nicht zurechtfanden.


    Winterthur ist davon geprägt, jahrzehntelang ein Industriestandort gewesen zu sein. Ein Wahrzeichen der Stadt ist das ehemalige Sulzer-Hochhaus direkt neben dem Stadion, das lange leer stand und temporär von linken Gruppierungen besetzt wurde. Inzwischen aber ist Winterthur eine Kultur- und Studentenstadt – und ein Ort, von dem Andreas Mösli sagt, dass er seine Identität suche. Mösli ist seit zwei Jahrzehnten der Geschäftsführer des FCW. «Winterthur ist die sechstgrösste Stadt der Schweiz, wird aber immer noch als Provinz verkannt. Die Stadt wartet auf etwas, das sie selbstbewusst sein lässt.» Der FCW, das ist seine Hoffnung, soll dieses Vehikel sein.

    Der schiefe Vergleich mit dem FC St. Pauli

    Es ist schwierig, einen Klub stärker zu prägen, als Mösli das getan hat. Vieles, was den FC Winterthur heute ausmacht, sein subversiver Geist, ist ihm zu verdanken, dem ehemaligen Punk und früheren Journalisten. Der FCW wird gerne als der «FC St. Pauli der Schweiz» bezeichnet, auch der Assistenzcoach Callà bemüht diesen Vergleich.


    Und natürlich gibt es Parallelen: die betont linke, antifaschistische Fan-Szene. Der Umstand, dass der Klub soziale Verantwortung übernimmt, regelmässig Spendenaktionen veranstaltet und an Spieltagen auch Menschen am Rand der Gesellschaft beschäftigt. Die Töne von Hell's Bells vor dem Anpfiff, so wie am Millerntor, dem Stadion von St. Pauli.

    Aber die Klubs trennen Welten. Der FC St. Pauli setzt pro Jahr mehr als 50 Millionen Euro um und taugt längst nicht mehr zum Hort für verklärte Fussballromantik, er ist Teil einer Millionenmaschinerie geworden. Im FCW beträgt das Budget knapp sechs Millionen Franken. Und anders als in St. Pauli ist in Winterthur noch niemand auf die Idee gekommen, Duschmittel mit dem Klublogo zu verkaufen.

    Die Frage wird sein, wie viel von seiner Magie sich der FCW wird erhalten können, in der Super League, der Liga des Establishments, mit ihren Regeln, Konventionen und ihrer ausgeprägten Humorlosigkeit. Der FCW muss sein Budget um einige Millionen erhöhen und sein Stadion nachrüsten, es gibt einen wahnsinnig langen Katalog mit Auflagen.

    Mittelfristig müsste dort, wo heute die Sirup- und die Bierkurve stehen, die Herzkammer dieses Klubs, eine Tribüne in den Himmel gezogen werden. Die Alleinstellungsmerkmale wie der Salon Erika und die noch immer von Hand betriebene, entzückende Stadionuhr müssten dann weichen – obwohl beide Institutionen eigentlich von der Unesco als Weltkulturerbe unter Denkmalschutz gestellt gehörten. Andreas Mösli sagt: «Natürlich wird es weniger romantisch. Dafür realistischer. Romantik ist vor allem Kopfsache, jetzt passiert aber wirklich etwas.»

    Vielleicht ist es auch unnötig, sich darum zu sorgen, ob der FC Winterthur seinen rebellischen Geist konservieren kann. Denn in letzter Konsequenz sind es immer noch die Menschen, die diesen Verein zu dem machen, was er ist. Der Sänger und Stadionwirt Langhart sagt, es werde den Klub bereichern, dass «jetzt mal etwas passiert». Frischer Wind sei eine gute Sache. «Wir machen das hier jetzt seit 20 Jahren. Es ist nicht gut, wenn man immer nur von der Nostalgie lebt.»


    Mit den Peacocks hat er einmal den Song «Gimme More» geschrieben, es ist ihr wahrscheinlich grösster Hit. «Gimme more, more, more / Yeah I want more / And I'll be fine tonight», singt Langhart dort. Die Liedzeilen passen gut zum FC Winterthur im Mai 2022. Nach Jahren im Dornröschenschlaf darf es jetzt gerne ein bisschen mehr sein, ein neues Abenteuer. Es wird schon alles gut.

    Zu Fuss nach Hause: FCW-Fans lösen Wettschuld ein

    Zwei Fans des FC Winterthur hatten geschworen, im Fall des Aufstiegs von Kriens 73 Kilometer nach Winterthur zu laufen. Sie hielten Wort – zumindest fast.


    Es ist das Fussballwunder des Wochenendes. In der letzten Runde springt der FC Winterthur durch ein 5:0 in Kriens noch auf Platz 1 der Challenge League und steigt in die Super League auf. Die FCW-Fans und Radio-Stadtfilter-Fussballkommentatoren Toni Gassmann und Roland Hofmann hatten im Vorfeld geschworen, im Fall eines Aufstiegs ihrer Mannschaft von Kriens nach Winterthur zu laufen – 73 Kilometer.

    «Wir wünschen ihnen gute Schuhsohlen», hatten ihnen die Kolleginnen und Kollegen von der Radio-Stadtfilter-Redaktion am Samstagabend noch mit auf den Weg gegeben.

    Herr Gassmann, haben Sie bis Winterthur durchgehalten?

    Leider nicht ganz. Wir mussten nach gut 45 Kilometer und 11 Stunden Marsch aufgeben – schweren Herzens. Um zehn Uhr am Sonntag haben wir in Adliswil die Sihltalbahn genommen.

    Was ist passiert?

    Wir waren am Ende unserer Kräfte. Den Albis hinunter musste ich rückwärts gehen, meine Hüfte und das Aussenband am Knie schmerzten zu fest. Es ging nicht mehr. Vor uns wären noch knapp 30 Kilometer gelegen, zuerst durch Zürich hindurch, dann den Rosengarten hinauf Richtung Schwamendingen. Wir wären auf insgesamt 19 Stunden Marschzeit gekommen. Da musst du aufpassen, weil die Konzentration nachlässt und du vor lauter Erschöpfung umkippen und dich verletzen könntest. Da haben wir gesagt: Das wars.


    Wie sind Sie auf die Idee für diesen Monster-Marsch gekommen?

    Nach dem 1:1 des FCW in Wil war uns klar geworden: Jetzt müssen wir etwas unternehmen. Falls der Aufstieg doch noch zustande kommt, zahlen wir dem Universum oder wem auch immer etwas zurück.

    Alles sprach für Aarau. Haben Sie persönlich an den Direktaufstieg des FCW geglaubt?

    Ja. Immerhin hat Aarau in dieser Saison schon einmal gegen Vaduz verloren. Und im Fussball bin ich stets ein bisschen abergläubisch. Ich dachte an meine erste Fussballsaison 1968. Damals wurde der FC Zürich Meister wie jetzt. Und Lugano wurde Cupsieger wie jetzt. Und der FCW stieg damals in die Nationalliga A auf. Ich dachte: Es kann wieder passieren.


    Und dann schafft es der FCW tatsächlich, die Fans sind im Freudentaumel. Sie aber müssen sich auf einen 73-Kilometer-Marsch aufmachen. Haben Sie die Wette nicht bereut?

    Nein. Es war ja eine Art Versprechen. Wir wollten etwas zurückzahlen, auch aus Respekt gegenüber der Mannschaft. Der FCW hat alles gegeben, jetzt waren wir als Fussballkommentatoren mal an der Reihe. Roland Hofmann hat es so gesagt: Zuerst muss man liefern, bevor man Spieler kritisiert, etwa wegen fehlender Laufbereitschaft. Das hat mir der Marsch auch gezeigt: Es braucht etwas mehr Demut vor der Leistung der Spieler, denn wir haben ja nicht bis Winterthur durchgehalten.

    Wo sind Sie durchgewandert?

    Wir nahmen wo immer möglich die Direttissima, teils auf Wanderwegen, teils der Strasse nach. Wir rechneten mit einer Marschzeit von rund 17 Stunden. Zuerst ging es durch Luzern hindurch, dann Richtung Cham, weiter über Rifferswil und schliesslich über den Albis. Die Sicht von dort auf den Zürichsee war eindrücklich. Dann ging es – eben nicht mehr so locker – hinunter nach Adliswil.

    Gabs auf der Strecke Durchhänger?

    Ich hatte schon kurz nach Luzern, bei Gisikon, zu beissen. Doch danach ging es erstaunlich gut weiter. Wir marschierten ohne grössere Pausen, zuerst mit 5 Kilometern pro Stunde, später noch mit 3. Vor dem Spiel hatten wir in weiser Voraussicht viel Teigwaren gegessen und Getränke eingekauft. Unterwegs füllten wir unsere Wasserflaschen an Brunnen wieder auf.

    Was bleibt Ihnen vom Marsch durch die Nacht?

    Es tat zuerst einmal gut, die Dramatik dieses Fussballabends zu verarbeiten. Wir redeten viel, gingen das Spiel nochmals durch, das hatte etwas Reinigendes. Ein spezielles Erlebnis gab es am Stadtrand von Luzern. Dort hatten Verkehrskadetten die Autos gestoppt, damit der Konvoi mit den FCW-Fanbussen durchfahren konnte. Die Fans erkannten uns und winkten uns aus den Cars zu.

    Und wie erholen Sie sich jetzt?

    Duschen, Magnesiumtabletten nehmen, Muskeln mit Massageöl einreiben. Geschlafen habe ich bisher nicht, ich bin am Sonntagnachmittag noch im Letzigrund als Kommentator im Einsatz. Am Abend gehe ich früh ins Bett. Am Montagmorgen stehe ich wieder vor den Schülerinnen und Schülern.

    Toni Gassmann (63) ist Lehrer für technisches Gestalten an einer Sekundarschule in Winterthur und kommentiert in der Freizeit Fussballspiele für Radio Stadtfilter.


    Wenn Alex Frei den Fussball-Gott anruft

    Mit dem FCW kehrt ein spezieller Club in die Super League zurück – Baumeister für diesen Erfolg gibt es einige, angefangen beim Trainer. Das Problem ist nur, dass er nun nach Basel wechselt.


    Alex Frei tigert herum. Er ist angespannt, wohl bis in die letzte Faser. Mit dem Spiel seines FC Winterthur in Kriens hat das nichts zu tun. Das ist längst entschieden, der FCW führt inzwischen 5:0. Der Barrageplatz ist damit gesichert, «damit haben wir vor diesem Match auch gerechnet», sagt Präsident Mike Keller tief in der Nacht, als er im Fanzug zurück nach Winterthur sitzt, «und alles andere haben wir dem Schicksal überlassen». Alles andere, das ist das Spiel des FC Aarau gegen Vaduz. Wenn er nicht verliert, ist er der Aufsteiger. Aber er liegt 1:2 zurück gegen edelmütig kämpfende Vaduzer, für die Tunahan Cicek zweimal getroffen hat, Cicek, der frühere Winterthurer. Dem FCA spielen die Nerven den ganzen Abend über einen Streich, er verliert schliesslich, und weil Schaffhausen gleichzeitig in Lausanne gewinnt, fällt er vom 1. auf den 3. Platz zurück. Sein Scheitern ist total. Als in Aarau das Spiel fertig ist, kurz nach 22 Uhr, braucht Frei nicht mehr herumzutigern. Der FCW hat Aarau dank der besseren Tordifferenz noch am letzten Abend einer spannungsgeladenen Challenge-League-Saison abgefangen, das Ergebnis heisst: Aufstieg, zurück in der höchsten Liga nach 37 Jahren Absenz. Weil das so ist und er einen so grossen Anteil daran hat, brechen die Gefühle aus Frei heraus. Er beginnt zu weinen und jeden zu umarmen, der ihm über den Weg läuft. Bald einmal ist Keller an der Reihe, und auch Keller hat Tränen in den Augen. Es sind starke Bilder, gerade von Frei, der mit solchen Emotionen sonst sparsam umgeht. Im ersten Interview sagt Frei: «Ich habe den Spielern immer gesagt: Der Fussball ist zu 95 Prozent gerecht und zu 5 Prozent ungerecht. Heute haben wir die 95 Prozent erlebt. Heute haben wir den Fussball-Gott erlebt. Das ist kein Glück. Der FCW ist verdient aufgestiegen.» Der entscheidende Wandel Im Winter erst ist der 42-jährige Frei als Trainer nach Winterthur gekommen, als Nachfolger des eher genügsamen Ralf Loose. Die Lager unter den Fans sind in dem Moment geteilt: Passt das überhaupt, Frei und der FCW, der Ehrgeizige und dieser Club, der seine Wohligkeit schon fast kultiviert hat? Die einen sagen Ja, das tue dem Club gut, die anderen sehen seine Zielstrebigkeit als Hindernis. Dass Frei polarisiert, überrascht nicht weiter. Das hat er als Spieler immer getan. Aber Winterthur und Frei passen zusammen, und Frei, noch immer und für sehr lange Rekordtorschütze der Nationalmannschaft, sorgt für das, was auf der Schützenwiese so lange in letzter Konsequenz gefehlt hat. Das bedingungslose Erfolgsdenken hält Einzug, «von der Wohlfühloase zur Leistungskultur», beschreibt Keller den Wandel.

    Auch mit Frei gibt es kleine Rückschläge, zum Beispiel das 1:3 in Lausanne nach einem eher peinlichen Auftritt, zuletzt die vier Unentschieden in Serie. Alles in allem aber hat der FCW eine neue Stabilität. Er bricht nicht wirklich ein, als es ihm einmal nicht läuft, er schafft vielmehr die Bestätigung, dass er, anders als so oft in früheren Jahren, dem Druck standhalten kann. In der Rückrunde holt nur Schaffhausen mehr Punkte, und am Ende ist er bereit, das auszuschöpfen, was in ihm steckt.

    Frei würdigt alle für ihre Arbeit: zuerst die Spieler («Sie haben den grössten Anteil»), dann Sportchef Oliver Kaiser («Er hat ein Gefühl, wie man eine Mannschaft zusammenstellt»), den Präsidenten («Er interessiert sich, aber nicht penetrant»). Nur zwei vergisst er in der Aufzählung: Andreas Mösli und sich selbst.

    Quote
    Der Vergleich mit St. Pauli ist leicht abgegriffen, falsch ist er dennoch nicht. Der FCW steht dank Andreas Mösli für eine genuss- und stimmungsvolle Heimat.

    Im Fall von Mösli muss es an der Aufregung liegen, denn keiner verkörpert diesen Verein mehr als der frühere Journalist und Rock-Musiker. In zwanzig Jahren hat er es als Geschäftsführer geschafft, dem Club ein Gesicht zu geben, ihn sogar zu einer Marke zu machen. Der Vergleich mit St. Pauli ist leicht abgegriffen, falsch ist er dennoch nicht, weil der FCW für etwas steht, was vielerorts selten geworden ist: für eine genuss- und stimmungsvolle Heimat, in der man sich wohlfühlen kann. Die Zuschauerzahlen und der Aufmarsch vor der Libero-Bar für die dritte Halbzeit belegen das eindrücklich.

    Mösli hat bei seiner Arbeit die Hilfe von Hannes W. Keller gehabt, das ist der Vater von Mike und Tobias, denen der Club heute gehört. HWK pflegte als Präsident genüsslich das Bild des Kauzes. Der Erfolg war ihm nicht das Wichtigste, damit trug ausgerechnet er, der als Unternehmer ein Erfolgsmensch war, zu der auf der Schützenwiese verbreiteten Genügsamkeit bei. Was ihm allerdings keiner absprechen konnte: Dank seines Geldes ist der FCW vom serbelnden zum höchst soliden Challenge-League-Club geworden. Den Triumph vom Samstag hat er nicht mitbekommen, er nimmt nicht mehr viel wahr vom Leben.


    Und jetzt zum FCB

    Der andere, den Frei in seiner Würdigung nicht erwähnt hat, das ist eben er selbst. «Fragen Sie die Spieler», sagt er gerne, wenn es um die eigene Beurteilung seines Anteils am Erfolg geht, das macht er auch im Moment des Triumphes. Er mag nicht über sich reden, dabei ist er einer, der in Winterthur mit seinem Arbeitsethos überzeugt hat. Dass er in diesem Frühjahr einmal sagt, das Prestige sei ihm nicht mehr so wichtig, ist wohl eher ein Satz für die Galerie. Der Ehrgeiz steckt tief in ihm drin.

    Vom FC Basel, seinem wirklichen Herzensverein, liegt ihm seit ein paar Tagen ein Vertrag vor. Frage darum an Frei nach dem Spiel: Wie sieht die Zukunft aus? Antwort: «Die Zukunft ist das Stadthaus.» Da gibt es zwar keinen Balkon, aber eine ausladende Treppe, da stellen sich die Helden nach ihrer Rückkehr aus Kriens auf und lassen sich von einer riesigen Menge bejubeln. So wie Frei kann man ein Thema auch umdribbeln. Keller sagt: «Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass dieser Wechsel für ihn zu früh wäre. Ein besseres Umfeld als bei uns kann er nicht haben.»

    Frei aber hat kein Gehör für den gut gemeinten Ratschlag. Noch während der Siegesfeier macht er gegenüber der Mannschaft deutlich, dass er bereits wieder weiterzieht. «Es ist recht klar geworden, dass er nicht bleibt», sagt Granit Lekaj, als Captain einer der Wortführer der Mannschaft. Er hat Verständnis, dass Frei nun das Angebot aus Basel annimmt. Wenn man diese Chance bekomme, müsse man sie auch annehmen, sagt er.

    Der Abgang des Trainers mag die Freude in Winterthur trüben. Das ändert an einem nichts: an der Wahrnehmung von Keller, was dieser Erfolg für den FCW bedeutet: «Er macht uns stolz und extrem dankbar.»