Ein bisschen Churchill, ein bisschen Historie: Der Titelhalter EV Zug hat seinen Optimismus im Play-off-Final nicht verloren
Die Zuger Protagonisten sind bestrebt, als erstes Team im Schweizer Eishockey in einer Finalserie einen 0:3-Rückstand zu drehen. Inspiration findet der Klub auch in Winston Churchill – einem Mann, der so gar nicht zu diesem Verein passt.
Seit ein paar Tagen wird der Zuger Trainer Dan Tangnes von einem Journalisten eigentlich bei jeder Gelegenheit gefragt, ob er nach dem Vorbild von Winston Churchill eine epische Rede gehalten habe. Tangnes, 43, ist ein belesener Mann und hat vor einigen Monaten nach der Lektüre einer Biografie über den früheren britischen Staatsmann gesagt, dieser fasziniere ihn
Tangnes hat seine grosse, epische Rede zur Lage des EV Zug nach eigener Aussage bisher nicht gehalten, und er scheint das auch nicht zu planen. Die rührige Ansprache des wortgewandten Trainers, der die Seinen mit einem feurigen Pep-Talk zum Sieg redet, ist eine Legendenbildung aus Sportfilmen.
Aber zur Inspiration taugt Churchill schon, wenngleich er sich für den EVZ nur bedingt zur Idealisierung eignet: Da der den Lastern des Lebens zugewandte Churchill, dort die Zuger Asketen, in deren Trainingszentrum Alkohol strikt verboten ist. Doch Churchill hat so viele grosse Sätze gesagt, dass ihm die Produzenten dieser eigenartigen Toilettenkalender zu ewigem Dank verpflichtet sind. Etwa: «Die Geschichte wird freundlich zu mir sein, denn ich beabsichtige, sie zu schreiben.»
Es gibt im Profisport ja kaum etwas Kniffligeres, als in den Play-offs einen 0:3-Serienrückstand zu drehen, eine monumentale Aufgabe, die sich dem EVZ seit Samstagabend stellt. In der seit 1946 existierenden Basketballliga NBA gab es ein solches Comeback noch nie. Die NHL, die erstmals 1919 eine Best-of-Seven-Serie austrug, erlebte es in ihrer Geschichte vier Mal. In der National League geschah es ebenfalls vier Mal und noch nie in einer Finalserie.
Jüngst erstarkte der HC Davos vor wenigen Wochen gegen Rapperswil-Jona und schaffte es in den Halbfinal. Der Zuger Trainer Dan Tangnes übertreibt deshalb nicht, wenn er sagt: «Wenn wir das schaffen, können wir Geschichte schreiben.» Und dafür sorgen, dass Zug noch für etwas anderes steht als für Kirschspezialitäten und dafür, sich als Steueroase für umstrittene Unternehmen anzudienen.
Die Abhängigkeit des ZSC vom ersten Sturm
Am Montag, beim 4:1-Sieg im Hallenstadion, machte der EVZ den ersten Schritt. Der Auftritt war nicht weniger als eine Demonstration der Stärke, Zug betätigte sich im Hallenstadion als Partycrasher, fügte dem ZSC nach neun Siegen in Folge wieder eine Niederlage zu und hätte auch deutlicher gewinnen können: Das Schussverhältnis lautete 39:21 zugunsten der Gäste. Es nährte das in Zuger Kreisen mantrahaft wiederholte Narrativ, dass der ZSC keine Übermacht darstelle. «Wir waren auch in den drei Spielen zuvor nicht das schlechtere Team. Und dieses Mal waren wir klar die bessere Mannschaft», sagte Tangnes.
Der Coach formierte seine Linien neu, die Massnahme fruchtete sofort: Auf einen Schlag gelangen gleich viele Treffer wie in den drei Spielen zuvor zusammen. «Wenn wir so aggressiv spielen und so viel Druck machen, wird es für Zürich schwierig», resümierte der Zuger Nationalstürmer Dario Simion. Es war auch eine Kampfansage.
Der EVZ wirkte balancierter als der ZSC, dessen Abhängigkeit vom ersten Block um Denis Malgin und Sven Andrighetto sehr gross ist. Die ZSC-Linien 3 und 4 mit den Centern Justin Sigrist und Reto Schäppi entfalteten im Final bisher eine offensive Wirkung, die gegen null tendiert.
Der Angreifer Chris Baltisberger sagt es so: «Wir haben momentan eine Linie, die bei numerischem Gleichstand Tore erzielt. Natürlich sind wir bestrebt, das zu ändern.» Und er sagt auch: «Wir werden mit einer anderen Einstellung in das fünfte Spiel steigen. Auswärtsspiele lagen uns in diesen Play-offs bisher gut.» Nach einer Niederlage nach Verlängerung in Biel hat der ZSC in der Fremde fünf Mal in Folge gewonnen.
Die Erinnerungen an 2001 und die «Schande von Lugano»
Die Zürcher geben sich betont gelassen, sie halten noch immer fast alle Trümpfe in der Hand – und wissen sehr genau, dass jedes noch so subtile Anzeichen für Nervosität dem Gegner Auftrieb gibt.
Als der Vorhang nach dem vierten Vergleich gefallen war, sagte Dan Tangnes: «Es geht darum, unsere Gewinnchancen Stück um Stück zu verbessern.» Das ist gelungen: Ein 1:3 ist immer wieder einmal gedreht worden, auch in der Schweiz im Play-off-Final, niemand weiss das besser als der ZSC: 2001 gegen Lugano und 2012 versus Bern.
Bei der spektakulären Wende von 2001 war die Stimmung so aufgeladen, dass der ZSC im Hallenstadion Schokoladenherzen verteilen liess, um die Gemüter zu beruhigen. In der Resega war es in der Belle mit der Versöhnlichkeit vorbei. Nachdem der Schwede Morgan Samuelsson den ZSC um den Captain Mark Streit und den Torhüter Ari Sulander in der Verlängerung zum Sieg geschossen hatte, kam es zur «Schande von Lugano». Die erbosten Tifosi warfen alles, was nicht niet- und nagelfest war, aufs Eis, die Pokalübergabe musste im kleinen Kreis in der Kabine stattfinden.
Die Wildwest-Zeiten im Schweizer Eishockey sind lange vorbei, gerade in Zug, dem Austragungsort von Spiel 5 vom Mittwoch, sind sie undenkbar: Der Klub hat für Gästefans vor längerem so rigoros-schikanöse Regeln eingeführt, dass die aktiven Fanszenen die Bossard-Arena unisono boykottieren.
Geladen wird die Atmosphäre auch so sein, der Zuger Stürmer Yannick Zehnder sagt, der EVZ habe im Hallenstadion auch Kraft aus der Sehnsucht geschöpft, die Serie nach Hause zu bringen. «Wir wollten noch einmal mit unserer blauen Wand im Rücken spielen», sagte der 24-jährige Zehnder, der zu den Aktivposten im Zuger Kollektiv gehört.
«Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist, vielleicht, das Ende des Anfangs», hat Churchill einmal gesagt. Wenn sie sich in Zug diese Beharrlichkeit anzueignen vermögen, könnte die Finalserie ihren Schlusspunkt erst am Wochenende finden.