ABO+ Dienstag 03. März 2020 21:45
«Das Virus wird über die nächsten Jahre mit uns bleiben»
Erst ein Impfstoff gegen das Coronavirus werde uns die Normalität zurückbringen, sagt der digitale Epidemiologe Marcel Salathé von der ETH Lausanne.
Fast alle in der Schweiz diagnostizierten Corona-Patienten haben sich in Norditalien angesteckt. Dort sind aber nur gut 2000 Fälle insgesamt bekannt. Wie kann das sein?
Man muss sich bewusst sein, dass solche Zahlen immer zu tief liegen. Man sieht nur das, was man messen kann. Und ich weiss nicht, wie es um die Messkapazität in Italien steht. In den USA wurde sehr wenig gemessen, und dann plötzlich, quasi über Nacht, gab es hunderte von Fällen. Die waren natürlich alle schon vorher dort. In Italien ist es vermutlich ähnlich, daher ist die tatsächliche Anzahl der Fälle sicher um einiges höher.
Bislang starben in Italien mehr als 50 Menschen an Covid-19. Wenn man von einer Sterberate von einem halben bis einem Prozent ausgeht, dann müssten aber nicht 2000, sondern zwischen 5000 und 10’000 Fälle Personen infiziert sein.
Davon muss man ausgehen. Selbst wenn ein Land wie Italien jetzt sämtliche Neuansteckungen verhindern könnte, würde es noch mehr Todesfälle geben, weil es unter den Infizierten solche gibt, die daran sterben werden. Es ist aber schon schwierig, aus solchen offiziellen Zahlen Rückschlüsse zu ziehen.
Gilt das generell?
Nicht unbedingt. Wenn man wie im Falle des Iran zuerst von zwei Todesfällen hört, dann kann man schon Rückschlüsse machen. Die Verstorbenen müssen drei bis vier Wochen infiziert gewesen sein, was bedeutet, dass es bereits sehr viele Infizierte geben muss.
Kann man berechnen, wann die Epidemie in Italien ihren Anfang nahm?
Grundsätzlich kann man das schon, vor allem auch dank genomischen Informationen des Virus. In Italien hat man das, so viel ich weiss, noch nicht. In den USA hingegen hat man diese Informationen für den Ausbruch im Staat Washington und daraus konnte man rückschliessen, dass die Übertragung seit etwa sechs Wochen am Laufen ist, ohne dass es jemand bemerkt hat.
Im Tessin gab es dafür bis gestern nur einen Fall, mittlerweile sind es drei. Das scheint eher wenig.
Es ist möglich, dass man noch nicht alle Ansteckungen kennt. Zudem scheint man in der Schweiz die Situation noch nicht überall richtig ernst zu nehmen.
Sie haben den Iran als Problemland erwähnt, ein anderes ist Indonesien, das erst zwei Fälle vermeldet hat.
Ja, was die Anzahl der Fälle betrifft in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen, da werden wir alle noch auf die Welt kommen. Die Gesundheitssysteme in diesen Ländern sind einfach nicht in der Lage, das Ausmass der Epidemie zu messen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich die Zahlen auf sämtlichen Kontinenten massiv erhöhen werden. Alles Andere würde an ein Wunder grenzen.
Umgekehrt hat Singapur die Epidemie ziemlich gut in den Griff bekommen. Was haben sie dort richtig gemacht?
Erstens ist Singapur ein kleines, geografisch abgeschottetes Land, wo man alles gut kontrollieren kann. Zweitens haben sie schnell reagiert. Und drittens hat die Regierung von Anfang an klar kommuniziert. Singapur ist ein Paradebeispiel für Transparenz, alle Fälle lassen sich online einsehen. Davon können wir viel lernen.
Was läuft bei uns nicht gut?
Grundsätzlich müssen wir besser kommunizieren, das gilt für alle, für uns Wissenschaftler und die Behörden. Es braucht jetzt vor allem Leadership, um den Menschen klarzumachen, was auf uns zukommen wird.
Sie selber gehen von einer Sterberate von etwa einem Prozent aus, ihr Kollege Christian Drosten von der Charité in Berlin dagegen spricht von 0,3 bis 0,7 Prozent.
Sollte sich später herausstellen, dass die Sterberate für ein gutes Gesundheitssystem, wie wir es in der Schweiz haben, tatsächlich bei 0,5 Prozent liegt, dann bin ich noch so froh! An der Tatsache ändert das aber nichts, dass dies um rund einen Faktor zehn schlimmer ist als eine Grippe.
Sie machen sich Sorgen?
Ja, aber noch mehr Sorgen als die Sterblichkeit bereiten mir die 20 Prozent schweren bis kritischen Fälle. Nehmen wir mal an, dass sich zehn Prozent der Bevölkerung in der Schweiz mit Sars-CoV-2 infiziert und davon entwickeln fünf Prozent einen kritischen Krankheitsverlauf, das sind dann über 40’000 Menschen. Wir haben aber weniger als 40’000 Spitalbetten. Wenn wir die Epidemie nun einfach ohne Massnahmen durchgehen lassen, führt das zum Kollaps des Gesundheitssystem. Daher müssen wir alle dazu beitragen, dem Virus das Leben so schwer wie möglich zu machen. So entlasten wir das System und gewinnen Zeit, die wir nutzen müssen, um einen Impfstoff oder ein Medikament zu entwickeln. Bis es soweit ist, müssen wir uns auf ein spezielles Jahr einstellen.
China hat die Epidemie offenbar im Griff, die Zahlen der neu Infizierten sinken, der Peak ist überschritten. Kann man schon abschätzen, wann in der Schweiz der Höhepunkt der Epidemie erreicht sein wird?
Hier ist es ganz wichtig zu verstehen, dass der sogenannte Peak in China vollkommen künstlich ist. Das kann man nicht mit der saisonalen Grippe vergleichen, die innert Wochen wieder zurückgeht. Beim Coronavirus ist das überhaupt nicht der Fall. Der beobachtete Rückgang ist die direkte Konsequenz der drastischen Massnahmen, die China ergriffen hat. Sobald sie das lockern, werden die Zahlen wieder hoch gehen. Wir werden ähnliche Dinge machen müssen, wenn wir unser Gesundheitssystem nicht überlasten wollen.
Können Sie schon sagen, was noch auf uns zukommen wird?
Die meisten Epidemiologen gehen davon aus, dass das Virus langfristig bei uns bleiben wird. Sars-CoV-2 wird sich in der menschlichen Population etablieren und über die nächsten Jahre mit uns bleiben. Die Hoffnung ist, dass uns die relativ hohe Sterblichkeit und die vielen nicht milden Verläufe nur jetzt in der ersten Phase beschäftigen. Solange es keinen Impfstoff gibt, muss man schon davon ausgehen, dass sich ein Grossteil der Bevölkerung infiziert.
Ein Impfstoff ist wohl frühestens Mitte 2021 in Sicht. So lange wird uns das Virus also noch beschäftigen?
Da bin ich ein wenig optimistischer. Mich würde es erstaunen, wenn man nicht bis Ende Jahr einen Impfstoff hätte. Dann wäre nächstes Jahr die Situation wieder normal. In den nächsten sechs Monaten müssen wir das Coronavirus aber mit nichtpharmazeutischen Massnahmen managen. Das wird eine Herausforderung!
Werden die jetzt angeordneten Massnahmen also bis in den Herbst aufrechterhalten?
Ja, bis ein Impfstoff kommt. Vielleicht können wir die Dynamik aber abbremsen, weil die Leute jetzt schon zu Hause bleiben und Social Distancing machen. Dementsprechend würde die Epidemie in der Schweiz dann viel langsamer verlaufen, und es brauchte gar keine zusätzlichen drastischen Massnahmen. Das wäre der Idealfall. Aber man sollte sich zumindest psychologisch darauf vorbereiten, dass es ein aussergewöhnliches Jahr wird mit weniger Meetings, weniger Reisen und mehr Homeoffice. Das ist unvermeidbar.
Werden wir langfristig mit Sars-CoV-2 leben müssen wie mit der Grippe? Oder wird das Virus wieder verschwinden wie Sars?
Sars wurde konsequent ausgerottet, weil sämtliche Übertragungsketten unterbrochen wurden. Diesen Luxus haben wir mit Sars-CoV-2 nicht, höchstwahrscheinlich, weil auch milde Fälle infektiös sind. Es ist fast nicht anders denkbar, als dass das Virus über viele, viele Jahre mit uns bleiben wird. Ausser wir finden einen hoch effizienten Impfstoff, wie etwa jener gegen Masern. Sehen Sie auch positive Aspekte der aktuellen Pandemie? Direkt sehe ich nichts Positives. Hätte ich einen Hebel, ich würde ihn sofort umlegen. Indirekt sehe ich aber viele mögliche positive Konsequenzen. Zum einen gibt es eine Verschnaufpause, was die Klimagase betrifft. Dann könnte uns die Erfahrung in die digitale Zukunft kicken, so dass man künftig mehr von zuhause aus arbeitet. In solchen Dingen sehe ich einen potenziellen Lernprozess. Ich mache mir auch grosse Hoffnung, dass das Bewusstsein für Pandemien steigt, und dass man dementsprechend die Systeme anpasst. Wir müssen daraus lernen.