Der FCZ muss eine riesige Lücke füllen
Nach nur elf Monaten zieht es den Trainer schon wieder zurück in die Bundesliga – der FCZ dagegen steht vor der grossen Herausforderung, einen passenden Nachfolger zu finden.


Thomas Schifferle, Florian Raz (TA)

Tschüss! André Breitenreiter verabschiedet sich nach nur elf Monaten aus Zürich, nachdem er den FCZ zum 13. Meistertitel geführt hat
Foto: Michael Buholzer (Keystone)
Auf der Seite des FC Zürich tönt es auf den ersten Blick geschäftsmässig: «Stellungnahme zum Abgang von André Breitenreiter.» Bei der TSG Hoffenheim heisst es: «Willkommen, André.»
Am Dienstagnachmittag wird offiziell, was sich seit Sonntag angebahnt hat, als der «Kicker» mit der entsprechenden Meldung an die Öffentlichkeit geplatzt war. Breitenreiter zeigte sich darüber zuerst noch etwas pikiert, es sei noch nichts fix, sagte er. Aber er dementierte nichts. Das war auch so etwas wie eine Bestätigung.
Jetzt ist er also weg, mit einem Vertrag bis zum Sommer 2024 im Kraichgau. Am neuen Ort wird der 48-jährige Hannoveraner mit warmen Worten begrüsst. Alexander Rosen, Direktor Profifussball in Hoffenheim, schwärmt von Breitenreiters «fachlicher Expertise», von seiner «einnehmenden, empathischen Art». Und er schreibt: «Er steht für Teamspirit, Leidenschaft und Kommunikation.»
In Zürich wird der Trainer mit warmen Worten verabschiedet. Da schwingt bei Präsident Ancillo Canepa zum einen das Bedauern mit, diesen Trainer verloren zu haben. Zum anderen auch der Stolz, dass es Breitenreiter zurück in die Bundesliga geschafft hat. Und natürlich die Dankbarkeit für die geleistete Arbeit. Canepa schreibt ihm bereits «Legendenstatus» zu.

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Ancillo Canepa und André Breitenreiter auf Abschiedstour mit dem Pokal.
Foto: Claudio Thoma (freshfocus)
Dass es Breitenreiter in die Bundesliga zurückzieht, früher oder später, das war eigentlich immer klar. Er wollte nochmals da arbeiten, wo er als Spieler und Trainer gross geworden war. Paderborn, Schalke und Hannover hatte er in der deutschen Premiumliga trainiert. Nachdem er im Januar 2019 in Hannover entlassen worden war, zog er sich aus privaten Gründen vom Geschäft zurück. Er erhielt in seiner Auszeit wohl Angebote, aber offenbar keines aus der Bundesliga.
Mit seiner Arbeit beim FCZ hat er sich nun die Tür zurück nach Hause aufgemacht. Er hat nie etwas vorgespielt, als in diesem Frühling die Spekulationen um seine Person aufkamen. Er hat wohl pflichtbewusst auf seinen Vertrag bis 2023 verwiesen, aber er hat auch immer gesagt: «Wer weiss schon, was in ein paar Wochen ist?»
Die Liebe zur Bundesliga
Die ewige Treue auf den FCZ hat er nie geschworen. Einmal sagte er, etwas salopp: «Ich bin kein Quacksalber, der heute das Wappen küsst und sich morgen verpisst.» Den FCZ hat er lieben gelernt, den Club und seine Menschen, Ancillo und Heliane Canepa an erster Stelle. Er bezeichnet sie als «fantastische Menschen».
Aber die Liebe zur Bundesliga geht halt doch noch einmal ein Stück tiefer. In Hoffenheim findet er die Arbeitsbedingungen vor, die er so sehr zu schätzen weiss: Ruhe, Verlässlichkeit, das Gegenteil von Hektik und medialem Druck, wie er es in der Saison 2015/16 bei Schalke erlebte. Ein paar Euro gibt es auch in der Provinz zu verdienen. Gemäss den letzten verfügbaren Zahlen aus dem Geschäftsjahr 2019/20 entlöhnte Hoffenheim sein Personal mit 83 Millionen Euro, nur sieben Clubs gaben sich in der Bundesliga spendabler.
Er gab allen das Gefühl, wichtig zu sein
In Zürich dagegen hinterlässt Breitenreiter eine grosse Lücke, um nicht zu sagen: eine riesige. Er war wie geschnitzt, um den Club mit neuem Leben zu erfüllen und nach drei Jahren des Darbens und Leidens zurück nach ganz oben zu führen. Vom ersten Tag an nahm er die Menschen im Verein mit seiner Art ein, auf sie zuzugehen und ihnen das Gefühl zu geben, wichtig zu sein, «von der Wäschefrau bis zum Materialwart», sagte er gern.
Breitenreiters elf Monate sollen an dieser Stelle nun nicht gleich überhöht werden. Aber ihm ist in dieser recht kurzen Zeit ganz viel gelungen. Er hat verunsicherten Spielern den Glauben an sich selbst zurückgegeben und den Club auf vorzügliche Art repräsentiert. «Er ist ein alter Fuchs», hat Blue-Experte Rolf Fringer Anfang Jahr über ihn gesagt, «als Mannschaft kann man ihn gern haben.»
Wenn der FCZ nun einen Nachfolger verpflichten muss, dann muss er das auch immer im Wissen darum tun, wie gut Breitenreiter kommuniziert hat – nicht nur nach innen, gerade auch nach aussen. Er ist ein Botschafter gewesen. Und natürlich ein Trainer, der die Mannschaft im Griff gehabt hat. Er hat dank der Vorarbeit von Sportchef Marinko Jurendic schnell gemerkt, dass ein 3-4-1-2 für sie massgeschneidert ist. Und er hat nur einmal etwas daran geändert, das ging auch schief, im Cup in Yverdon.
«Wir wünschen André bei Hoffenheim von ganzem Herzen viel Glück und viel Erfolg!», schreibt Canepa, «wir werden auch in Zukunft persönlich und emotional in Verbindung bleiben!» Die Ausrufezeichen machen deutlich, wie wichtig ihm diese Aussagen sind.
Zitat
Bei seiner Suche ist der FCZ gut beraten, nicht jeden Kandidaten mit Breitenreiter zu vergleichen.
Jetzt ist die Frage: Wie weiter beim FCZ? Neun Cheftrainer hat Canepa selbst verpflichtet, seit er im Dezember 2006 die Nachfolge von Sven Hotz angetreten hat. Mit Bernard Challandes wurde er 2009 Meister, mit Urs Fischer einmal Zweiter, mit Rolf Fringer wurde er nicht glücklich, mit Urs Meier, Uli Forte und Ludovic Magnin Cupsieger, mit Sami Hyypiä tat er einen kolossalen Fehlgriff, der mit dem Abstieg endete, mit Massimo Rizzo verspekulierte er sich auch. Breitenreiter war sein Glücksfall, aber nicht nur für ihn, für die ganze Super League.
Der FCZ will ein ambitionierter Spitzenclub sein, der auf die Ausbildung setzt. Er pflegt ein in der Super League recht gängiges Modell. Aber wo findet er diesen Trainer, der das Anforderungsprofil erfüllen kann? Bei seiner Suche ist er gut beraten, nicht jeden Kandidaten mit Breitenreiter zu vergleichen, mit seiner Ausstrahlung und Eloquenz.
Mögliche Kandidaten
An Angeboten aus dem Ausland wird es dem FCZ nicht fehlen. Der Markt, besonders in Deutschland, ist voll mit Trainern, die bei einem solchen Club arbeiten möchten, mit der Perspektive, sich für die Champions League qualifizieren zu können. National ist die Auswahl kleiner.
St. Gallens Peter Zeidler ist von der sprachlichen Gewandtheit und Energie mit Breitenreiter vergleichbar, Mario Frick hat Luzern wiederbelebt, Raphael Wicky ist verfügbar, seit er nicht mehr bei Chicago ist. Ist Bruno Berner, aktueller Trainer der U-19-Nationalmannschaft, allenfalls in Winterthur besser aufgehoben als gleich beim FCZ? Oder noch ein Name, der in der Schweiz allerdings weitgehend unbekannt ist: Thomas Stamm. Muss einer ein Thema sein, der nicht ohne die Fürsprache von Christian Streich in Freiburg die U-23 führt?
«Wir werden auch nächste Saison eine gute Mannschaft haben», sagt Canepa gern. Zur guten Mannschaft gehört ein guter Trainer dazu. Er ist, zusammen mit Sportchef Jurendic, herausgefordert.