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Die Eishockey-Legende der Woche: Chad Silver, der fröhliche Lausbub, dessen Herz plötzlich zu schlagen aufhörte
Am 3. Dezember jährte sich Silvers Todestag zum 23. Mal. Sein Tod mit nur 29 Jahren war ein Schock für die Eishockey-Schweiz. Der Kanadaschweizer hinterliess viele Anekdoten – und ist bei den Fans bis heute unvergessen.
Ulrich Pickel
Tragische Vorfälle gab es in den vergangenen Jahrzehnten einige. Der Lugano-Verteidiger Pat Schafhauser prallte im Dezember 1995 nach einem Zweikampf kopfvoran in die Bande und ist seither an den Rollstuhl gefesselt. Im März 2013 widerfuhr dem Oltner Abwehrspieler Ronny Keller dasselbe Schicksal. Auch er stürzte nach einem Rencontre kopfvoran in die Bande, auch er sitzt seither im Rollstuhl und ist querschnittgelähmt.
Aber bei aller Tragik dieser beiden Fälle: Was Chad Silver am 3. Dezember 1998 widerfuhr, ist der traurige Tiefpunkt. An diesem Tag wurde der Kanadaschweizer tot in seinem Bett aufgefunden. Ein paar Teamkollegen hatten ihn am Morgen in seiner Wohnung unweit des Zürcher Hallenstadions aufgesucht, weil er nicht im Training erschienen war, der Trainer Kent Ruhnke war auch dabei. Schockiert sahen sie Silvers leblosen Körper, er war an einem Herzinfarkt gestorben.
Für den Zürcher Teamarzt Gery Büsser war dies der schlimmste Moment seiner Laufbahn als Sportmediziner. Silvers plötzlicher Tod gab auch international zu reden, zumal nie restlos aufgeklärt werden konnte, wieso es so weit hatte kommen können. Kurz zuvor war Silver noch eingehend getestet worden, wie Büsser sagt – nichts hatte auf ein Herzversagen hingedeutet.
Bewusstlos in Davos
Unvergessen sind die Bilder von Silvers letztem Match, es war ein Auswärtsspiel der ZSC Lions in Davos. Silver hatte ein Tor geschossen. Nach einem Check fiel er zu Boden, auf den TV-Bildern ist gut zu sehen, dass er für einen Augenblick das Bewusstsein verloren zu haben schien. Doch er spielte weiter und verspürte am Tag danach im Training keine Probleme. Und doch war er einen Tag später tot. Ob und wie weit hängt dieser Vorfall in Davos mit dem Ableben zusammen? Auch das konnte nie abschliessend festgestellt werden.

Chad Silver nach dem Zusammenprall in Davos, bis heute weiss man nicht, ob dies der Grund für sein plötzliches Ableben ist.
Arno Balzarini / Keystone
Mit Chad Silver verlor das Schweizer Eishockey mehr als nur einen Spieler. Er war ein Globetrotter. Mit 19 Jahren verliess er seine kanadische Heimat und landete beim HC Sierre. Wie so viele andere hatte er den Vorteil genutzt, dass er als Kanadaschweizer keine Ausländerlizenz benötigte, obwohl er zuvor nie auf den hiesigen Eisfeldern gestanden hatte.
Nach zwei Saisons mit einem Aufstieg in die Nationalliga A wechselte er vom Wallis nach Freiburg. Es waren Gottérons glorreiche Zeiten mit Slawa Bykow und Andrej Chomutow, Silver tat sich als kaltblütiger Vorbereiter und Vollstrecker hervor, das Team stand drei Mal im Play-off-Final, gewann aber nie. In diese Zeit fallen auch seine drei Länderspiele mit der Schweizer Nationalmannschaft. Auf die vier Jahre in Freiburg folgten zwei Saisons in Zug und eine in Herisau, ehe er 1998 nach Zürich weiterzog.
Als Spieler war er das Gegenteil eines grossen Künstlers, auf Kufen wirkte er hölzern. Bob Mongrain, ein Teamkollege beim HC Sierre, beschrieb Silver und dessen Laufstil einmal anschaulich gegenüber den «Freiburger Nachrichten»: «Er lief Schlittschuh wie eine Ente, die Knie beide nach innen, und sah aus wie ein Jugendlicher, der zu schnell aus seinen Kleidern gewachsen ist.»
Barbecue im Wohnzimmer
Silvers Stärke bestand darin, dass er sich seiner Limiten stets bewusst war. Also konzentrierte er sich auf seine Stärke: Er wusste, wo das Tor stand. In der Zone unmittelbar vor dem gegnerischen Gehäuse war der grossgewachsene Stürmer kaum aufzuhalten, sein Markenzeichen waren die sogenannten dreckigen Tore: Ablenker, Abstauber, über die Linie gedrückte Pucks. In dieser Disziplin war er einer der Besten seiner Zeit. Darüber hinaus war er ein aufopferungsvoller Kämpfer, was ihn zu einem Publikumsliebling machte.
Wo auch immer der Mensch Silver war, hinterliess er Anekdoten. Silver war ein Original, er nahm das Leben von der leichten und heiteren Seite. Dass er Parkbussen regelrecht sammelte, störte ihn überhaupt nicht. Er genoss das Leben als fröhlicher Junggeselle, keine Party, die er je vermisst hätte oder an der er kein gerngesehener Gast gewesen wäre. Die Stadt Zürich mit ihrem reichhaltigen Nachtleben gefiel ihm ganz besonders.
Aus Herisau ist eine Anekdote bekannt, die typisch für Silver war. Er wohnte in einer vom Klub gemieteten Wohnung, auf dem Balkon stand ein Gasgrill. Einmal lud Silver seine Teamkollegen zum Barbecue ein, es war im Winter mitten in der Saison. Weil es ihm draussen zu kalt war, stellte er den Grill kurzerhand ins Wohnzimmer und brutzelte die Steaks dort – als er das Appenzellerland verliess, soll mehr als die übliche Wohnungsreinigung nach einem Mieterwechsel nötig gewesen sein. Silver hatte eine lausbubenhafte und gutherzige Art, richtig böse sein konnte ihm niemand.

Chad Silvers Statue vor dem Hallenstadion. Sie wird im nächsten Jahr zusammen mit den ZSC Lions von Oerlikon nach Altstetten umziehen.
Alessandro Della Bella / Keystone
An der Abdankungsfeier in der Zürcher Pauluskirche beim Irchelpark nahmen über tausend Personen teil, unter ihnen Silvers Eltern und die gefühlt halbe Nationalliga. Die Tränen flossen buchstäblich in Strömen. «Sly», wie er genannt wurde, erhielt vor dem Hallenstadion eine Bronzestatue im modern-abstrakten Stil, die wie die ZSC Lions im nächsten Jahr nach Altstetten umziehen wird.
Auch bei den Fans bleibt er unvergessen. Am letzten Freitag, Silvers 23. Todestag, entrollten sie während des Spiels gegen den EHC Biel ein Spruchband mit dem Slogan: «Das wird für immer dis Dihei si.» Und als die 23. Spielminute begann, verstummten die Gesänge, die Zuschauer erhoben sich im Gedenken an den Stürmer mit der Nummer 23 und applaudierten.