Azevedo? Tönt nicht nach Kanadier
Wegen des Sports hat er seine Muttersprache verlernt
Nur wenig erinnert bei Justin Azevedo an eine normale Eishockeykarriere. Die ZSC Lions haben mit dem Center dennoch nicht bloss einen Exoten verpflichtet.

Kristian Kapp
Publiziert heute um 06:00 Uhr

Das neue Zuhause nach sieben Jahren Kasan: Justin Azavedo in Oerlikon in der Trainingshalle der ZSC Lions.
Foto: Dominique Meienberg
Am Ende waren sieben Jahre vielleicht doch eine Ewigkeit. Sieben Jahre lang in der russischen KHL-Meisterschaft als Nordamerikaner. In einer Stadt, die weder Moskau noch St. Petersburg heisst und darum auf kaum einer Wunschliste von Eishockeyspielern aus der Ferne steht. Justin Azevedo aber war sieben Jahre in Kasan. Und so sehr es ihm dort gefiel, war die Zeit für einen Abgang wohl auch darum reif, weil für ein kanadisches Ehepaar mit Kindern im Alter von eins, drei und fünf Jahren in Russland nicht alles nur noch leichtfiel.
Doch beginnen wir Azevedos Story von vorne, sein Transfer nach Zürich zu den ZSC Lions ist das bislang letzte Kapitel im bewegten Leben des 33-Jährigen aus der kanadischen Provinz Ontario. Azevedo? Tönt nicht nach Kanadier. Seine Eltern waren noch Kinder, fünf- und achtjährig, als ihre Familien ihre Dörfer auf den Azoren verliessen und nach Kanada auswanderten. Und, welch schöne Geschichte, sie wurden Jahre später in Nordamerika ein Ehepaar. Auch nicht alltäglich ist ein einigermassen bekannter Eishockeyprofi mit portugiesischen Wurzeln. Azevedo selbst kriegt trotz Bedenkzeit keine Handvoll hin, kann immerhin zwei NHL-Superstars nennen: «Drew Doughty und John Tavares. Mehr kommen mir nicht in den Sinn…»
Es gab in jener Gegend nur noch Eishockey
Von einem Sohn von Portugiesen würde man erwarten, dass er Fussball spielt, so viel Klischee darf sein. Und tatsächlich war das auch so, «ich war sogar gut», sagt Azevedo. Aber wer nicht nur in Kanada aufwächst, sondern auch noch in einem Städtchen wie West Lorne in einer eishockeyverrückten Umgebung nicht unweit von Toronto und Detroit, der jagt irgendwann dem Puck nach.
Das Eishockey verdrängte nicht nur den Fussball aus Azevedos Leben, sondern auch seine Muttersprache. Die Sprachlektionen am Samstag wichen Spielen und Trainings. «Eigentlich schade», sagt Azevedo. Er habe kürzlich ein Video aus seiner jüngsten Kindheit gesehen, das sein Vater aufgenommen hatte, und gedacht: «Wie gut und fliessend ich damals doch Portugiesisch sprach.»
Azevedos Talent fürs Eishockey war früh erkennbar. Es finden sich Artikel, in denen es heisst, man habe den Mittelstürmer in seiner Geburtsstadt den «Magier von West Lorne» bezeichnet. Was allerdings falsch ist, wie Azevedo betont: «Das war der Spitzname eines früheren Spielers aus der gleichen Gegend.»
Nichtsdestotrotz machte er schon mit 16 als überdurchschnittlich guter Skorer auf höchster Juniorenstufe Kanadas gegen bis zu fünf Jahre ältere Gegner auf sich aufmerksam. Beim NHL-Draft wurde er dennoch übergangen, einmal, zweimal. Erst mit 20 Jahren, bei der letzten Chance, zogen ihn die Los Angeles Kings in der 6. Runde. Azevedo war beim dritten Mal nicht mehr vor Ort beim Draft in Ottawa, die frohe Kunde erreichte ihn auf dem Golfplatz via Telefonanruf.

Russischer Meister und Auszeichnung zum wertvollsten Playoff-Spieler: Justin Azevedo, im Jersey von Ak Bars (Schneeleopard) Kasan, wird von Tatarstans Präsident Rustam Minnikhanov geehrt.
Foto: Yegor Aleyev (Getty Images)
Azevedo kennt den Grund für die Skepsis der NHL-Clubs, er macht keinen Hehl daraus: die Grösse. Er ist mit 170 cm ein sehr kleiner Eishockeyspieler. Wie sehr dies hinderlich sein würde beim Streben nach dem NHL-Traum, würde er indes erst in den folgenden Jahren erfahren. Vier Saisons lang mühte er sich im AHL-Farmteam ab, gehörte regelmässig zu den besten Skorern und erhielt dennoch nicht eine einzige Chance auf einen Einsatz in einem NHL-Spiel.
10 Jahre zu früh geboren?
Es war die goldene Zeit der Los Angeles Kings (mit Verteidiger Drew Doughty) mit zwei Stanley-Cup-Triumphen, «es war unglaublich schwierig, in dieses Kader zu kommen», erinnert sich Azevedo. Wie kaum ein anderes Team standen die Kings zu jener Zeit zudem für physisches Eishockey. Azevedo war also so richtig am falschen Ort zur falschen Zeit.
Das Eishockey hat sich zuletzt verändert, immer häufiger finden sich auch kleine Spieler in der NHL. Wurde er 10 Jahre zu früh geboren? Azevedo lacht zwar, ein wenig Bitterkeit klingt aber mit in seiner Stimme, wenn er verneint und mit einem Anflug von Trotz auch sagt, dass seine 1 Meter 70 ihn nie wie ein Geist verfolgt hätten. «Im Gegenteil: Ich nutzte sie stets als Motivation, um beweisen zu können, dass Grösse keine Rolle spielt.»
Nach vier Jahren Farmteam kam ihm ein Angebot aus Europa dennoch wie gerufen. Er besprach sich mit seiner Freundin Andrea. «Wir sagten uns: Das machen wir! Ein wenig in der Welt herumkommen», erzählt Azevedo. Dass ihm da viel mehr bevorstehen würde, ahnte er nicht. Nach je einem Jahr in Finnland und Tschechien landete er in Kasan, diesem Schmelztiegel der Kulturen und Religionen in Tatarstan, wo prächtige Moscheen und Kirchen nebeneinanderstehen.
Dieser Mix war auch im Team zu spüren: «Ich spielte mit Muslimen und Russisch-Orthodoxen in einem Team», sagt Azevedo. Speziell sei das gewesen, ja, «und eigentlich recht cool». Wenn Kasan in Umfragen auch schon mal als lebenswerteste Stadt Russlands auftaucht, notabene vor Moskau und St. Petersburg, dann wird Azevedo kaum widersprechen. Mal verlängerte er den Vertrag um eine Saison, mal um zwei, «ich machte mir da nie gross Gedanken, ich ging mit dem Flow», sagt er. So vergingen sieben Jahre, nur zwei russische Mitspieler waren immer auch da, das ist in der von regen Transfergeschäften geprägten KHL nichts Besonderes.
Fast alles stimmte – dennoch wurde dieses eine Gefühl immer stärker
Die Familie Azevedo erhielt in dieser Zeit Zuwachs. Justin und Andrea hatten mittlerweile geheiratet, sie wurden zunächst Eltern von Tochter Harlow, dann von Sohn Kai, die beiden bekamen im März dieses Jahres mit Madden einen kleinen Bruder. Das unbeschwerte und abenteuerliche Leben der Kanadier in Russland wurde herausfordernder, vor allem für Andrea, erzählt Azevedo: «Ich war oft neun bis zehn Tage auf Roadtrips mit dem Team, sie war dann jeweils allein mit den Kindern.»

«Ein neues Kapitel, ein neuer Ort, ein neuer Lifestyle, eine neue Liga»: Justin Azevedo in Oerlikon bei den ZSC Lions.
Foto: Dominique Meienberg
Alle drei Kinder kamen in Kanada zur Welt, nach den Geburten von Harlow und Kai kam Andrea mit ihnen so bald wie möglich zurück nach Kasan, mit Madden verzichteten sie darauf, Justin verbrachte die ganze letzte Saison allein in Russland. Auch wenn im Beruf fast alles stimmte, der KHL-Titel mit Kasan 2018, die Auszeichnung zum besten Playoff-Spieler, die vielen Skorerpunkte, das Leben als Fan-Liebling, der selbst in fremden Städten für Selfies und Autogramme angehalten wurde: Das Gefühl, dass sieben Jahre genug sind, war immer stärker geworden – und siegte am Ende. «Auch, weil die Kinder bald in die Schule kommen», sagt Azevedo.
Und so unterschrieb er letzten Frühling für zwei Jahre bei den ZSC Lions, seine Familie weilt seit Mitte August auch in Zürich. «Es ist ein neues Kapitel», sagt Azevedo, «ein neuer Ort, ein neuer Lifestyle, eine neue Liga.» Das letzte Kapitel in der bewegten Karriere des Stürmers? Man mag es nicht glauben.