Das FCZ-Urgestein Marco Schönbächler sagt nach seinem unfreiwilligen Abgang: «Der Entscheid hat mich überrascht»
Marco Schönbächler galt in jungen Jahren als talentiertester Fussballer der Schweiz, er blieb dem FC Zürich immer treu. Nun muss er nach 19 Jahren weichen. Sein Fall wirft Fragen darüber auf, wie der FCZ mit verdienten Spielern umgeht.
Nicola Berger (NZZ)
Einen Steinwurf vom Letzigrund entfernt, gegenüber dem Restaurant Da Con0, haben FCZ-Anhänger ein riesiges Graffiti angebracht, es reicht über die ganze Häuserwand und zeigt FCZ-Ikonen: Karl Grob, Hannu Tihinen, Rashid Yekini. Und über allen thronend: ein ekstatisch jubelnder Marco Schönbächler. Schönbächler, 31, war im FC Zürich kein gewöhnlicher Kaderspieler, sondern: Identifikationsfigur, Blitzableiter, Führungsspieler. Am 30. Juni lief sein Vertrag aus, nach 19 Jahren, seither ist er vertragslos und auf Klubsuche.
Sein Abgang ist brisant, es sagt etwas über einen Verein aus, wie er mit seinen verdienten Spielern umgeht. Dem FCZ war die Sache so unangenehm, dass er bei der Kommunikation alle Register zog: Er gab den Abschied an einem Sonntagabend bekannt, kurz nach dem EM-Auftaktspiel der Schweizer Nationalmannschaft, zu einem Zeitpunkt, zu dem sich das Land und die Journalisten wenig für die Transferaktivitäten in der Super League interessieren. «FC Zürich trennt sich von Marco Schönbächler», das war die Überschrift. Der Präsident Ancillo Canepa kommt ausführlich zu Wort, er betont in extenso, wie sehr er den Abgang bedauere, «lieber Schönbi», schreibt er etwa. Canepa scheint schnell über den Verlust hinweggekommen zu sein – Schönbächler jedenfalls hat die guten Wünsche des Präsidenten für die Zukunft nur in der Medienmitteilung gelesen.
Ein seltsamer Zeitpunkt
An einem Montag Ende Juni sitzt Schönbächler im Café Lochergut und redet darüber, wie es so weit kommen konnte: dass er mit 31 den Klub wechseln wird, unfreiwillig, wo er die Karriere doch dort hat beenden wollen, wo sie einst begann. Es fällt ihm nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, er ist zu wohlerzogen, um in der Öffentlichkeit zu polemisieren. Er sagt: «Der Entscheid hat mich überrascht, weil die Signale lange anders aussahen.» Und dann sagt er: «Ich habe kein Problem damit, dass man mich nicht mehr will. Aber man hätte mir das früher mitteilen können, nicht zwei Tage vor dem Trainingsstart, dann hätte ich Zeit gehabt, einen anderen Klub zu suchen. Die Art und Weise hat geschmerzt.» Und er sagt: «Ich weiss, dass es nicht der Entscheid des Trainers war.»
André Breitenreiter, der neue deutsche Coach, war noch keine Woche im Klub, als der Entscheid kommuniziert wurde. Der Verein hat als Trennungsgrund einen Umbruch angegeben. Der 35 Jahre alte Blerim Dzemaili hingegen hat offenbar eine Zukunft in diesem Kader. Der Sportchef Marinko Jurendic sagt, das sei kein Widerspruch: «Wir müssen das Kader gesamtheitlich planen und können Spieler auf unterschiedlichen Positionen nicht miteinander vergleichen. Wir haben mit Marco sehr offen kommuniziert. Er wusste jederzeit über den aktuellen Stand Bescheid. Seine Verdienste für den FCZ in den vergangenen Jahren sind unbestritten. Für uns geht es darum, die bestmöglichen Entscheide für die Zukunft zu treffen.»
Die Frage ist, was bleibt, nach 19 Jahren im FCZ, von dieser Amour fou, die nun erkaltet ist, einseitig zumindest. Der Offensivspieler spricht von einer «wunderbaren Zeit», er nennt die Titelgewinne als Höhepunkte, die zwei Meistertitel und zwei Cup-Siege, die Zeit mit dem Trainer Lucien Favre. Und auf eine merkwürdige Art und Weise hat ihn jetzt auch dieser Abschied berührt. Schönbächler erhielt unzählige Reaktionen, bei Teilen der Fans ist der Unmut gross. Er sagt: «In den ersten zwei Tagen war es für mich schwierig, zu lesen, was alles geschrieben wurde. Es war fast surreal für mich. Und auch einige Mitspieler glaubten zuerst an einen Witz.»
Bereut er, den Klub nicht selber verlassen zu haben, in den Jahren, bevor er sich immer wieder mit Verletzungen herumschlug? Es gab eine Zeit, da war er ein gefragter Fussballer – Lucien Favre spielte einmal mit dem Gedanken, ihn zu Hertha Berlin zu holen. Es gab Angebote von da und dort, Schönbächler galt als talentiertester Schweizer Fussballer seines Jahrgangs, 2014 debütierte er im Nationalteam. Dann verletzte er sich schwer, der Weg zurück war lang und mühsam. In den letzten zwei Jahren aber war er gesund, die Leistungen waren ansprechend, auch wenn er den Status eines Ergänzungsspielers hatte. Er sagt: «Es war okay, wie ich gespielt habe. Aber die letzte Saison war natürlich nicht die beste, uns fehlte die Konstanz. Wir sind jetzt zweimal Siebenter und einmal Achter geworden. Da ist es schwierig, sich als Spitzenteam zu definieren.» Der letzte Satz ist eine feine Spitze gegen Canepa, der in Interviews zur allgemeinen Erheiterung immer wieder sagte, er habe Mühe, jemanden ernst zu nehmen, der den FCZ nicht als Spitzenteam sehe.
Ein Abenteuer im Ausland?
Die Frage an Schönbächler: Würde er mit dem heutigen Wissen in der Retrospektive anders handeln? Wechseln? Er sagt: «Nein, der FCZ ist mein Klub, Zürich meine Stadt. Daran ändert sich nichts, auch wenn ich meine Karriere nicht hier beenden kann. Ich würde jetzt auch nie zu GC oder zu Basel gehen, das wäre für mich unvorstellbar.» Für fast alles andere ist er offen, für Abenteuer, sei das in der Schweiz oder im Ausland. Er erzählt, dass er mit inzwischen in der Türkei, in Dubai oder den USA engagierten früheren Teamkollegen noch immer in Kontakt stehe. Wäre das reizvoll, eine Destination mit exotischem Flair? Klar, sagt Schönbächler und nippt an seinem Espresso. Etwas anderes sehen, im Herbst der Karriere, warum nicht? Marco Schönbächler weiss, dass er immer nach Zürich zurückkehren kann, in seine Stadt, in der er verewigt ist in den Erinnerungen einer Fan-Generation und als übergrosser, unsterblicher Held, an einer Häuserwand im Kreis 9