Wer Meister werden will, muss zuerst
an den ZSC Lions vorbei
Weiter mit Rikard Grönborg, neu mit Sven Andrighetto – die Stadtzürcher scheinen zum Saisonstart bereit. Und sie unterstreichen ihr Selbstverständnis als Spitzenklub.
Ulrich Pickel (NZZ)
Dem Trainer Rikard Grönborg ist noch immer anzumerken, wie es ihn wurmt, dass die letzte Saison nach der Qualifikation abgebrochen wurde. Er wiederholt noch immer den Satz, den er schon vor einem halben Jahr, kurz nach der Absage der Play-offs, aussprach: «Unsere Formkurve stimmte, wir gewannen sechs der letzten sieben Spiele in der Qualifikation.» Die Zürcher schienen bereit für den Griff nach dem Meistertitel. Das abrupte Saisonende kam für alle unerwartet, wurde aber nicht überall gleich empfunden. Während der unter den Strich gerutschte SC Bern erleichtert war, dass er dem Play-out entging, herrschte in Zürich Enttäuschung. Das Coronavirus hatte dem Qualifikationssieger einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Erinnerung an den Frühling fühlt sich seltsam leer an, etwa so, als sei man um den Titel gebracht worden.
Schlüsselfigur Grönborg
Was ist in dieser Saison von den Zürchern zu erwarten? Viel deutet auf eine eindeutigere Antwort als vor einem Jahr hin, als die nach dem Absturz der Saison 2018/19 verunsicherten Spieler nicht wussten, wo sie standen. Grönborg war zudem neu in der Schweiz und erstmals in seiner Karriere als Trainer einer Profi-Klubmannschaft tätig. Heute ist alles einfacher. Der 52-Jährige lebte sich nach vielen Jahren als Schwedens Nationalcoach ohne Anlaufschwierigkeiten im Kluballtag ein und kennt Liga, Gegner, Schiedsrichter und alle Eigenheiten des Schweizer Eishockeys. Somit sollte er seinen erfolgreichen Weg nahtlos weiterführen können. «Die Spieler wissen, was sie erwartet, wir konnten die Saisonvorbereitung auf einem anderen Niveau beginnen als vor einem Jahr», sagt er.
Es war wie ein Paukenschlag, als mitten im Juli Grönborgs vorzeitige Vertragsverlängerung um zwei Jahre bekanntwurde. Selbst der Sportchef Sven Leuenberger war überrascht, denn die Initiative war von Grönborg ausgegangen. Dem Schweden mit US-Pass gefällt es in der Schweiz und, was nicht minder ins Gewicht fällt, seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern auch. An Grönborgs Ambitionen, dereinst in der NHL Fuss zu fassen, ändert die Verlängerung nichts, doch sie zeigt, dass er diesen Schritt mit Bedacht und ohne Eile vollziehen will. Für ihn sind die ZSC Lions die ideale Plattform, um sich weiterzuempfehlen. «Sie sind die beste Eishockeyorganisation Europas», sagt er.
Für Aufsehen sorgten die Zürcher auch noch anderweitig. Kaum war offiziell, dass der letztjährige Liga-Topskorer Pius Suter wie erwartet in die NHL wechselt (Chicago Blackhawks), verkündete der Stadtklub schon den Königstransfer dieses Sommers: Sven Andrighetto, der einstige ZSC-Junior, kehrt nach Jahren in Nordamerika und einem Abstecher nach Russland mit einem Fünfjahresvertrag in die Heimat zurück. Vom pfeilschnellen Flügel, mit 27 Jahren im besten Alter, darf einiges erwartet werden. Mitten in einer Zeit, in der sich das Eishockey im Krisenmodus befindet und da und dort auch der Ruf nach staatlicher Unterstützung laut wird, sorgte der teure Zuzug natürlich auch für ein paar Polemiken. Schweizer Spieler vom Rendement eines Sven Andrighetto kommen nur selten auf den Markt, wer sich einen solchen leisten kann, muss immer mit Neid rechnen. Und darum geht es vor allem bei diesen Zwischentönen. Denn mit oder ohne Coronavirus, die ZSC Lions stehen zu ihrer Rolle als Spitzenklub und haben nur konsequent gehandelt. Als privater Betrieb sind sie selber für ihr Wohl verantwortlich und haben seit ihrem Bestehen noch immer bewiesen, dass sie dieser Verantwortung auch gerecht werden.
Darüber hinaus gibt es weniger personelle Wechsel als vor einem Jahr. Das hochkarätige Ausländerquartett mit Garrett Roe, Fredrik Pettersson, Marcus Krüger und Maxim Noreau ist unverändert. Die Lions dürften diese Saison gemäss neuer Regelung sogar fünf Ausländer pro Spiel einsetzen, weil sie mit Suter einen Spieler aus einem laufendem Vertrag an die NHL verloren. Doch weil Andrighetto ein valabler Ersatz ist, verzichtet der Klub zumindest einstweilen auf diese Möglichkeit. Man mag von dieser Regelung halten, was man will. Fakt ist, dass sie nun einmal beschlossen wurde – und vermutlich nicht über die Dauer dieser Saison hinaus gelten wird. Sollten die Ligareformen, über die im Hintergrund diskutiert wird, zu einem Resultat führen, dürfte es abermals eine neue, umfassendere Ausländerregelung geben.
Gelegen kommt den Lions, dass sie weiterhin mit Tim Berni rechnen können. Zwar hat der mit seinen erst zwanzig Jahren schon ungemein abgeklärt auftretende Abwehrspieler im Frühling bei den Columbus Blue Jackets einen Dreijahresvertrag unterschrieben, doch sollte er nach dem für November angesetzten Vorsaison-Camp den Sprung ins NHL-Team nicht schaffen, wird er gemäss Vereinbarung der beiden Klubs für den Rest der Saison nach Zürich zurückkehren.
In den Augen vieler Beobachter gelten die ZSC Lions als Favorit auf die Meisterschaft. Ein Eindruck, der durch die Testspiele zumindest nicht widerlegt wird, von denen die Lions alle neun gewannen. Doch dies heisst nicht viel. Was sicher für die Zürcher spricht, sind neben der Kontinuität auf der Trainerposition ihr breites und tiefes Kader, eine stimmige Mischung aus Routine und sehr viel individueller Klasse. Und Jugendlichkeit. Mit Luca Capaul von der EVZ Academy sowie Noah Meier und Kaj Suter von den GCK Lions wurden drei Spieler mit Profiverträgen ausgestattet, die Grönborg als vielversprechende Entwicklungsprojekte bezeichnet.
Am Ende bleibt Ungewissheit
Allerdings gibt es keinen Grund, sich sicher zu fühlen, sollte die Liga ähnlich ausgeglichen sein wie letzte Saison. Damals konnte der ZSC den Qualifikationssieg erst in der letzten Runde sicherstellen. Zwischen den Rängen eins und vier lagen nur zwei Punkte. Und letztlich wird alles von den Goalies abhängen. Hier gibt es wie oft in den letzten Jahren ein Fragezeichen. Lukas Flüeler blieb auch in der vergangenen Saison von Verletzungen nicht verschont. Doch mit Joni Ortio stand ein Glücksfall bereit. Der finnische Ersatzmann ist in die KHL abgewandert, an seine Stelle ist der 24-jährige Ludovic Waeber aus Freiburg getreten, ein Mann mit wesentlich weniger Erfahrung als Ortio.
Was den Sport betrifft, scheinen die Zürcher insgesamt bereit. Aber wie und ob alles aufgehen wird in einer Meisterschaft in Corona-Zeiten, weiss niemand. Wenn dieses Virus neben vielen Einschränkungen aber eine positive Auswirkung hat, dann die, dass es nun wenigstens einmal möglich ist, die Saison erst im Herbst zu beginnen und nicht schon Wochen vorher bei hochsommerlichem Wetter. Mit strengen Verhaltensregeln und internen Schutzmassnahmen wollen Rikard Grönborg und seine Spieler die Unwägbarkeiten des Alltags so weit wie möglich kontrollieren. Diesmal soll die Saison richtig zu Ende gehen. Mit der Vollendung.