Selbstständige in Existenznot
Wer rettet Frau Frigo?
Tausenden Selbstständigen droht die Pleite. Eine Kosmetikerin, ein Musiker und ein Drechsler fragen sich: Warum kommen die Kleinen als Letzte dran?
Kevin Brühlmann (TA)
Yvonne Frigo bläst Luft in den Telefonhörer und sagt: «Es sieht traurig aus. In einem Monat kann ich Konkurs anmelden.»
Yvonne Frigo, 50 Jahre alt, führt ein kleines Kosmetikstudio in Wallisellen. Vor 20 Jahren machte sie sich selbstständig; das passt zu ihr, sie klingt wie eine Frau mit unzerstörbarer Zuversicht. «Ich verstelle mich nicht», sagt sie. «Bei mir wird viel gelacht. Das schätzen die Leute. Diejenigen, die lieber mit einem sauren Stein im Studio sitzen, kommen irgendwann nicht mehr.»
Nach dem Bezahlen der Miete, der Kosmetikprodukte und so fort bleiben ihr 4500 Franken pro Monat als Lohn. Etwas Geld auf die Seite zu legen, liegt nur selten drin.
Vor vier Wochen musste Yvonne Frigo ihr Studio auf Anordnung des Bundesrats schliessen. Deshalb erhält sie eine Entschädigung vom Bund, 3500 Franken. «Das reicht nicht mal, um die Fixkosten zu decken», sagt die Kosmetikerin. So lebe sie zurzeit vom Ersparten, aber das sei auch bald weg.
«Als Kleine kann ich ja nicht zum Bundesrat gehen und sagen: ‹Studieren Sie mal.›»
Yvonne Frigo, Kosmetikerin
Yvonne Frigo ärgert sich: «Die machen mir den Laden zu, den Vermietern aber reden sie nicht drein. Sie verlangen nach wie vor Miete. Dafür muss ich einen Kredit beantragen, den ich über Jahre abstottern soll. Ein Leben am Existenzminimum nur für die Miete. Das geht mir brutal gegen den Strich. Aber als Kleine», auf ihre Stimme legt sich ein Schatten, «kann ich ja nicht zum Bundesrat gehen und sagen: ‹Studieren Sie mal.›»
Und nein, sagt Yvonne Frigo zum Abschied, sie brauche den Bericht vor der Veröffentlichung nicht zu lesen, schlimmer könne es sowieso nicht mehr kommen.
Spargeln stechen?
Nahe am Abgrund – so wie Frau Frigo ergeht es Tausenden Selbstständigen. Allein in Zürich gibt es 65’000.
Als der Bundesrat den Unternehmen Mitte März finanzielle Hilfe versprach, war das, als würde er eine Babuschka öffnen. Zuerst kam die grösste Figur an die Reihe. Dann die zweitgrösste – und so weiter. Bei der kleinsten Figur ist der Bundesrat noch immer nicht angekommen. Erwartet wurde, dass er am 8. April ein Programm für Selbstständige vorlegen würde. Es kam nichts.
«Es ist schade, dass die Leute, die eh wenig haben, als letzte drankommen», sagt Simon Gasser; Künstlername «Konfus», wegen seiner Vorliebe für – je nach Geschmack – überraschende oder verwirrende Stilmixe. Er sagt: «Es sieht düster aus bei mir.»
In seiner Wohnung in Zürich hat sich Simon Gasser ein Tonstudio eingerichtet. Er produziert Musik, sehr gern und für wenig Geld, und er macht den Ton für Werbefilme, auch gern und für mehr Geld. Selbstständig ist er seit sechs Jahren. In dieser Zeit hat er sich selber zu einem Soundingenieur ausgebildet.
«Für einen Film musste ich das Kratzen von Schlittschuhen auf dem Eis vertonen», sagt Simon Gasser. «Also habe ich eine Schüssel mit Wasser eingefroren und fuhr mit einem Messer drüber. Es klang super.»
Jetzt – das Virus. Eigentlich würde er nun an ein paar gut bezahlten Aufträgen arbeiten, sagt Simon Gasser, doch alle seien gestrichen worden, ausnahmslos. Nun steht der Soundingenieur vor dem Nichts. Da er theoretisch arbeiten darf, erhält er auch keine Entschädigung vom Bund oder vom Kanton.
«Ich habe fast keine Reserven», sagt Simon Gasser. «Wenn ich ganz sparsam lebe, bleibt mir vielleicht noch ein Monat. Ich frage mich, ob ich mich zum Spargelstechen anmelden soll.»
«Es darf keinen einzigen Konkurs geben»
Der Bundesrat versprach: «Niemand wird allein gelassen.» Die Zürcher Regierung versprach: «Wir wollen für euch schauen.» Eine Frage bleibt aber unbeantwortet: Wer rettet Herrn Gasser und Frau Frigo?
«Ich bin enttäuscht, dass der Bundesrat noch immer keine Hilfe für Selbstständige bietet, die zwar nicht schliessen mussten, aber stark von der Krise betroffen sind», sagt Werner Scherrer, in seiner Stimme hat sich Druck angestaut. Scherrer ist Präsident des Zürcher Gewerbeverbands und führt selbst ein kleines Messer-Geschäft in Bülach. Den Laden musste er zumachen, der Umsatz ist eingebrochen.
«Die Selbstständigen haben keinen Mist gebaut, sie sind unverschuldet in diese Situation geraten. Jetzt muss man die Giesskanne in die Hand nehmen und das Feuer löschen.»
Werner Scherrer, Messerschmied und Präsident des Zürcher Gewerbeverbands
Besonders wegen Menschen wie Soundingenieur Simon Gasser (oder Physiotherapeuten und Fotografinnen) hofft Werner Scherrer nun auf den Kanton. Zürichs Regierung habe den Gemeinden zwar 15 Millionen Franken für Nothilfen bei Selbstständigen versprochen, doch dieses Geld sei bloss ein Tropfen auf den heissen Stein.
«Die Selbstständigen haben keinen Mist gebaut, sie sind unverschuldet in diese Situation geraten. Jetzt muss man die Giesskanne in die Hand nehmen und das Feuer löschen. Es darf», Scherrers Stimme klingt jetzt noch druckvoller, «keinen einzigen Konkurs wegen des Virus geben.»
Gehen Selbstständige in Konkurs, sind sie nicht abgesichert, sie haben keine Arbeitslosenversicherung. Also landen sie bei der Sozialhilfe.
Das Sozialamt der Stadt Zürich meldet: Seit Mitte März haben deutlich mehr Menschen Sozialhilfe beantragt. An einzelnen Tagen waren es dreimal so viele wie vor dem Lockdown. Ende März, so das Amt, habe die Stadt eine Nothilfe für Kleinstbetriebe eingerichtet, eine einmalige Pauschale von 2500 Franken. Seither haben sich die Anträge auf Sozialhilfe auf einem etwas höheren Level als üblich «nivelliert». Auch andere Gemeinden bieten Nothilfe an. Allerdings, Werner Scherrer hat es angesprochen, steht dafür wenig Geld zu Verfügung.
Der Mikrokosmos
«Mit einem Chlapf ist alles zusammengebrochen, ich habe keine Aufträge mehr», sagt Andreas Gerig. Durchs Telefon hört man einen Menschenfreund, der seine Worte sorgfältig im Kopf sortiert, bevor er sie ausspricht. Gerig ist Drechsler, seine Werkstatt steht in Urdorf, und seine Ware verkauft der 62-Jährige in einem kleinen Laden in Zürich: Stühle, Schalen, Spezialanfertigungen für Schreinereien. Der Laden musste schliessen, und der Drechsler geriet in eine prekäre Lage.
«Ich entwerfe die Produkte selbst, jedes sieht anders aus», erzählt Andreas Gerig. «Wenn man ein Stück in die Hand nimmt und es genau betrachtet, entfacht sich ein Feuer im Kopf. Mit einem Foto im Internet passiert das kaum.»
Nun muss Andreas Gerig seine Reserven anzapfen. Er hofft, dass er ab Anfang Mai wieder Aufträge erhält, dann, so rechnet er vor, würde es ihm haarscharf bis zum Weihnachtsverkauf reichen.
«Von der Politik wünsche ich mir», sagt Andreas Gerig, er stockt, überlegt und beginnt dann neu: «Zürich ist ein Mikrokosmos. Hunderte Kleinstbetriebe, darunter meiner, sorgen für ein stabiles System. Das Gegenteil wäre eine einzige, riesige Warenhauskette. Doch je mehr Arten, desto stabiler das System. Ich hoffe, die Politik erkennt das.»