Eishockeytrainer in Lebensgefahr
«Ohne meine Frau würde ich nicht hier sitzen»
Christian Weber (58) erlitt eine Blutvergiftung und wollte nicht zum Arzt, doch er hatte Glück im Unglück. Seine bewegende Geschichte.

Simon Graf
Publiziert heute um 20:10 Uhr

Beim Mittagessen zu Hause begann sein Körper zu rebellieren: Christian Weber.
Foto: Urs Jaudas
Schön, Sie in alter Frische zu sehen, Christian Weber. Wie geht es Ihnen?
Jetzt geht es mir wieder sehr gut. Aber ich habe eine schwierige Zeit hinter mir. Dank meinem guten Umfeld, vor allem dank meiner Frau, die mich extrem unterstützt hat und zu mir geschaut hat, geht es mir wieder so gut.
Sie hatten im Frühling 2022, kurz nach dem Aufstieg mit dem EHC Basel in die Swiss League, eine schwere Blutvergiftung. Woher kam die?
Das ist ja das Interessante: Niemand weiss das. Ich hatte keine offene Wunde gehabt. Ich redete mit verschiedenen Ärzten darüber. Einige sagten, dass es von einem geplatzten Schleimbeutel herrühren könnte. Aber das Ganze ist ein Rätsel. Was mich beunruhigt. Wenn ich eine Wunde gehabt hätte oder gestochen worden wäre, wüsste ich, was gewesen war. Aber ich blende das aus und bin froh, geht es mir wieder so gut.
Merkten Sie sofort, dass etwas nicht gut war?
Es kam von einer Sekunde auf die andere. Ich war noch in der Eishalle in Basel und lief nach Hause. Als ich da zu Mittag ass, begann mein Körper zu rebellieren. Ich zitterte nur noch. Meine Frau sagte, ich müsste zum Arzt gehen. Aber ich wollte nicht. Zum Glück machte sie trotzdem einen Termin für mich ab.
Wieso wollten Sie nicht zum Arzt?
Ich dachte, das würde schon vorübergehen. Ich liess mich schliesslich überreden, zum Arzt zu gehen, und als der meine Blutwerte sah, sagte er, ich müsse sofort ins Spital. Ich wollte nicht ins Spital und sagte, er solle mir einfach Antibiotika geben. Ich setzte meinen Kopf durch, aber er liess trotzdem alles vorbereiten im Spital. Ich hatte eine schlechte Nacht, am Morgen rief er mich an und sagte, er habe inzwischen die restlichen Blutwerte erhalten. Wenn ich nicht sofort ins Spital ginge, wäre ich nicht mehr lange hier. Im Spital verabreichten sie mir sofort intravenös Antibiotika. Ich hatte 40 Grad Fieber, die Organe funktionierten nicht mehr richtig. Ich hatte unheimlich Glück, dass ich das überlebte.
Das Positive an dieser Geschichte ist, dass Ihre Frau so schnell handelte.
Das ist so. Ich bin überzeugt, ohne meine Frau würde ich nicht hier sitzen. Das sagten mir die Ärzte ganz klar.
Sie waren immer ein Fitnessfreak, lebten stets sehr gesund. Dachten Sie deshalb: Es kommt schon gut?
Das hat sicher damit zu tun. Als Spieler sagte ich mir immer: Mein Körper ist mein Kapital. Und als ich aufhörte zu spielen, war mir klar, dass ich fit bleiben möchte. Das hilft dir auch als Trainer, denn dieser Job braucht extrem viel Energie. Wenn du fitter bist, kannst du dich auch schneller erholen. Es ist ja nicht immer alles positiv in diesem Job.
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«Im November hatte ich einen Rückfall. Ich lag drei Wochen lang flach, konnte maximal noch 15 Minuten gehen.»
Wie erholten Sie sich von dieser Blutvergiftung?
Ich gab meinem Körper Zeit, sich zu erholen. Und als die Saison begann, fühlte ich mich wieder fit, auch wenn die Blutwerte noch nicht optimal waren. Aber dann hatte ich im November einen Rückfall. Es war nicht so schlimm wie beim ersten Mal, aber ich lag drei Wochen lang flach, konnte maximal noch 15 Minuten gehen und hatte Mühe beim Treppensteigen. Als es mir wieder besser ging und ich die Mannschaft im Dezember wieder übernehmen wollte, sagte mir der EHC Basel, dass sie einen anderen Weg gehen wollen.
Sie wurden freigestellt, und Ihr Assistent Eric Himelfarb, der Sie während Ihrer Abwesenheit vertreten hatte, wurde definitiv Chefcoach. Wieso?
Ich weiss es auch nicht genau. Eigentlich lief sportlich ja alles gut. Den Aufstieg hatten wir geschafft, und in unserem ersten Jahr in der Swiss League, in dem es keinen Absteiger gibt, wollten wir uns konsolidieren. Wir hatten einen langfristigen Plan. Sportlich gab es keinen Grund, einen solchen Wechsel zu machen. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass ich krank gewesen bin. Ich weiss es nicht. Aber das ist mir heute auch egal. Ich bin einfach froh, geht es mir gut. Und ich hoffe, dass ich in diesem Sport, den ich so sehr liebe, nochmals etwas bewirken kann.
Sie waren in den Achtzigerjahren einer der ersten Schweizer Profis. Sagten Ihre Eltern damals nicht: Lerne lieber etwas Anständiges?
Ich hätte schon mit 15, 16 vom EHC Dübendorf zum HC Davos wechseln können. Aber meine Eltern sagten: «Du schliesst zuerst deine Lehre ab, dann kannst du machen, was du willst.» Als ich meine Banklehre absolviert hatte, war für mich klar, dass ich in der Nationalliga A Fuss fassen will. So bin ich mit 19 hoch nach Davos. Die ersten zwei Jahre arbeitete ich noch halbtags auf dem Sekretariat, aber das war recht gemütlich. Das ist nicht mit heute zu vergleichen. Wir verkauften Tickets und Fanartikel. Richtig Profi wurde ich, als ich mit 21 zum ZSC kam.
Sie waren zwei Jahre beim HCD und wurden zweimal Meister. Wieso blieben Sie nicht?
Ich war gerne länger geblieben. Aber das Transferwesen war damals noch anders. Ich gehörte dem EHC Dübendorf, und Davos hätte mich übernehmen müssen. Deshalb wechselte ich nach Zürich, obschon es mir in Davos gefiel.
Sie wechselten in Ihrer Spielerkarriere zwischen Zürich und Davos hin und her. Konnten Sie sich nicht entscheiden, wem Sie Ihr Herz schenken sollten?
(lacht) Mir gefiel es immer gut in Davos. Aber dass ich ein zweites Mal nach Davos ging, von 1994 bis 1997, hatte damit zu tun, dass einer meiner Söhne den falschen Krupp hatte, also Atemprobleme. Die Ärzte sagten, wir müssten unbedingt in die Höhe. Ich war damals beim ZSC unter Vertrag und erklärte es Präsident Bernd Böhme. Er sagte: «Die Familie geht vor.» Also ging ich nochmals nach Davos hoch. Und innert Kürze ging es unserem Sohn viel besser. 1997 hatte ich dann bei GC unterschrieben, doch GC verpasste den Aufstieg und der Vertrag wurde ungültig. Aber Peter Spuhler (der Vizepräsident) sagte: «Warte, unterschreib nirgendwo anders! Es gibt eine Fusion.» Ich glaubte es ihm nicht, aber es kam tatsächlich so.
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«Huet reklamierte beim Schiedsrichter, aber er konnte nichts ausrichten. Den Videobeweis gab es damals noch nicht.»
Mit den ZSC Lions schrammten Sie 1998 knapp am Abstieg vorbei, zwei Jahre später wurden Sie Meister. Und Sie als exemplarisch fairer Spieler ermöglichten das Meistertor, indem Sie Lugano-Goalie Cristobal Huet den Stock aus der Hand schlugen.
Richtig. Ausser Huet bemerkte das keiner in der Halle. Ich sagte zu meinen Stürmerkollegen Schrepfer und Della Rossa: «Schaut mal zur Grossleinwand hoch, eigentlich wäre das Tor nicht regulär.» Sie schauten hoch, und Schrepfer sagte: «Das Tor dürfen sie nicht anerkennen.» Und ich: «Vergiss es, niemand hat es gesehen.» Huet reklamierte beim Schiedsrichter, aber er konnte nichts ausrichten. Den Videobeweis gab es damals noch nicht. Und was ich Huet hoch anrechne: Er ist mir nicht böse.
Der ZSC wurde damals erstmals seit 39 Jahren Meister.
Was nach jenem Spiel in Zürich abging, werde ich nie mehr vergessen. Ich trat damals zurück, es war das perfekte Ende. Ich verschenkte meine Ausrüstung, die Handschuhe, die Hosen, tutti quanti. Und dann gab ich im nächsten Jahr im Playoff tatsächlich mein Comeback. Die Leute, denen ich meine Ausrüstung geschenkt hatte, wollten sie mir zurückgeben. Einer sagte: «Möchtest du deinen Helm wieder? Ich habe ihn noch.» Ich antwortete: «Nein, nein, Materialverwalter Peter Schrag hat sicher noch einen Helm für mich.» (lacht)

Die Hände fest am Pokal: Christian Weber und seine Teamkollegen feiern den ersten ZSC-Meistertitel seit 1961.
Foto: Walter Bieri (Keystone)
Sie gaben im Playoff-Halbfinal 2001 Ihr Comeback, nachdem Sie schon ein Jahr zurückgetreten waren. Wer kam auf diese verrückte Idee?
Coach Larry Huras. Er sagte zu Simon Schenk (dem Sportchef): «Lizenzieren wir doch Chrigel fürs Playoff.» Ich sagte zu, aber nur für den absoluten Notfall. Ich weiss noch, wie ich mit Matti Alatalo eine Woche zur Weiterbildung in Finnland gewesen war und fürs Halbfinalspiel gegen Kloten Tickets holte (im Hallenstadion). Simon sah mich dort und sagte, ich müsste abends ins Training, sie hätten so viele Verletzte. Nach zwei Trainings spielte ich mit – und war selber überrascht, wie gut es ging.
Die ZSC Lions kehrten die Finalserie gegen Lugano nach einem 1:3 und wurden in der Resega Meister. Dann stürmten Hooligans das Eis. Wie erlebten Sie das?
In jenem Spiel schlug mir Dubé meine Zähne ein. Ich konnte den Match nicht fertig spielen und war in der Garderobe, als mir Simon Schenk sagte, ich solle rauskommen für die Pokalübergabe. Ich machte zwei Schritte und flüchtete dann wieder zurück in die Garderobe. Die Hooligans waren bis zu uns vorgestossen. Ich wurde mit einem Auto mit Tessiner Nummer aus der Halle geschleust, denn ich musste so schnell wie möglich ins Spital wegen meiner Zähne. Dort wurde das Gröbste geflickt, und ich stiess in der Nacht noch zur Meisterfeier im Hallenstadion. Ich konnte nicht sprechen, weil alles betäubt war. Aber ich blieb bis zuletzt und war es, der die Halle abschloss.
Sie wechselten nach Ihrer Spielerkarriere nahtlos an die Bande. War Ihnen schon immer klar, dass Sie einmal Trainer werden möchten?
Ja. Schon als ich mit 19 nach Davos kam, half ich im Nachwuchs aus. Überall, wo ich war, machte ich etwas im Nachwuchs. Ich hatte so viele Trainer von jeder Nation gehabt, deutsche, tschechische, finnische, kanadische, schwedische. Und ich wollte meine Erfahrung mit meinen Ideen zusammenbringen. Ich bin dankbar, konnte ich als Trainer so viel erleben.
2005 wurden Sie beinahe Meister mit den ZSC Lions, Sie verloren den Final gegen den HC Davos.
Es war das Lockout-Jahr in der NHL. Hätte die NHL-Saison begonnen, wären wir Meister geworden. Davon bin ich überzeugt. Wir hatten eine exzellente Mannschaft. Aber wir scheiterten an den NHL-Cracks des HCD, an Joe Thornton und Rick Nash. Thornton war der Kopf dieses Teams. Was er aufführte, war überragend. Und der direkte Zug von Nash aufs Tor, unglaublich!
Hätten Sie sich nie vorstellen können, statt als Trainer auf einer Bank zu arbeiten?
Nein. Ich kann nicht in ein Büro sitzen und achteinhalb Stunden vor dem Computer verbringen. Unmöglich! Ich liebe es, anderen etwas zu vermitteln. Deshalb reizte es mich auch, als mich der Internationale Eishockeyverband anfragte, ob ich mir vorstellen könnte, in Asien Spieler auszubilden. Ich führte Hockeycamps in China, Malaysia und Thailand. Das sind Erlebnisse, die mich geprägt haben. Ich habe in all diesen Jahren so viele Menschen kennen gelernt durchs Eishockey. Als das nun passierte mit meiner Krankheit, wurde mir aus der ganzen Welt geschrieben. Das hat mich extrem gefreut.