Wie Marc Crawford seine alten Trainergene wiederentdeckte
Silvan Schweizer
Der ZSC-Coach scheut sich nicht, unerfahrene Talente ins kalte Wasser zu werfen. In dieser Saison feierten schon acht ihr NLA-Debüt.
Wie immer, wenn sein Team eine bittere Niederlage bezieht, musste sich Marc Crawford zunächst einige Minuten sammeln. Nach dem 2:3 im Penaltyschiessen in Lugano zogen die Referees seinen Ärger auf sich, aber auch die Eisqualität. Diese habe dazu geführt, dass seine Spieler bei ihren Penaltyversuchen teils so kläglich gescheitert seien. Seine Miene hellte sich aber auf, als er auf die Jungen zu sprechen kam: Goalie Niklas Schlegel parierte in seinem dritten Einsatz 38 Schüsse. Und Roger Karrer und Dominik Diem, beide aufgrund ihres jugendlichen Alters noch mit Gitterhelm unterwegs, zeigten ansprechende NLA-Debüts.
Mit den beiden hat Crawford in dieser Spielzeit schon acht Jünglingen zur Premiere in der höchsten Liga verholfen. Seit seinem Amtsantritt 2012 hat sich die Anzahl Neulinge pro Saison stets erhöht. Erst 3, dann 6, nun 8 – total 17.
Auf gleichem Weg wie Hartley
Natürlich hatte der Kanadier von Geschäftsführer Peter Zahner und Sportchef Edgar Salis die Vorgabe erhalten, die Förderung der Junioren im Fanionteam voranzutreiben; genauso wie es vor ihm Bob Hartley schon gemacht hatte. Doch diese Voraussetzung stand auch bei anderen Trainern im Jobprofil, und dennoch wählten sie im Zweifel die sichere Variante mit gestandenen Spielern. Crawford aber scheut sich nicht, 17-Jährige ins kalte Wasser zu werfen. So gehören Jonas Siegenthaler und Denis Malgin, die noch an der U-20-WM in Kanada weilen, schon zu seinem Stammpersonal. Und Diem gab er gegen Lugano nach dessen ersten beiden gelungenen Einsätzen im Spiel bereits Eiszeit im Powerplay.
Es hilft, dass die Zürcher vorne mitspielen, Erfolgszwang und Nervosität also nicht täglich in der Garderobe herumgeistern und ein eingespielter Meisterkern den Nachwuchs aufnimmt. Die Verletztensituation zwingt Crawford ohnehin immer wieder zum Handeln. Und offensichtlich hat er Spass daran gefunden, die entstandenen Lücken mit den Jüngsten aufzufüllen. «Der Job bei den ZSC Lions zwingt mich wieder mehr dazu, als Ausbildner zu wirken. Er hat meine alten Trainergene geweckt», sagt er. «Als ich hierherkam, kramte ich Dinge hervor, die ich seit meiner Arbeit als Juniorencoach vor 25 Jahren kaum mehr gebraucht hatte.» Damals lancierte er – selbst erst 28-jährig – seine Trainerkarriere in der kanadischen Juniorenliga OHL bei den Cornwall Royals.
«Die Jungen halten mich jung»
Sein Eifer zeigt sich etwa in den Spezialtrainings am Nachmittag. Spieler wie Malgin schätzen es, dass Crawford sie nach dem regulären Training noch zur Videoanalyse bittet; und dass er sich auch für die Herkunft und Lebensgestaltung seiner Spieler interessiert. Für den 53-Jährigen ist es selbstverständlich, in Küsnacht bei den Partien des Farmteams aufzutauchen, wenn es die Zeit erlaubt. Er weiss genau: Wenn ihn die Talente da auf der Tribüne erspähen, ist das für sie ein weiterer Ansporn. Es hat mit Respekt und Anerkennung zu tun.
«Ich mag die Arbeit mit jungen Spielern aus einem Grund, den sie nicht einmal in Erwägung ziehen: Sie halten mich jung», sagt Crawford. «Mich fasziniert ihre Unbeschwertheit, wie sie untereinander kommunizieren, wie sie die Älteren respektieren.» Er glaubt, durch seine Erfahrungen in Zürich ein besserer Coach geworden zu sein. Das dürften andere ebenfalls so sehen. Auch in der NHL sind die Trainer vom reinen Coaching abgekommen, gesucht sind Kommunikatoren mit Gespür. Schon letzten Sommer führte Crawford Gespräche mit Clubs. Auch wenn sein Vertrag bei den Lions noch bis 2016 läuft: Der nächste Flirt mit der NHL kommt bestimmt.
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