Analyse
Wieso die Eishockeyaner im ersten Turnier als Medaillenanwärter scheiterten.
Von Simon Graf
Eine neue Rolle, die gelernt werden muss
Während Monaten war von Sotschi die Rede gewesen, am Dienstagabend platzte der Traum der Eishockeyaner jäh. Das Ausscheiden gegen die zuvor sieglosen Letten und die nur drei erzielten Tore in vier Partien liessen die meisten Beteiligten ratlos zurück und warfen viele Fragen auf: Sind die Schweizer, was ihr Offensivspiel betrifft, in frühere Zeiten zurückgefallen? Konnten sie mit der neuen, ungewohnten Rolle als Medaillenanwärter nicht umgehen? Störten die zusätzlichen NHL-Spieler die Teamchemie? Es gilt, all dies gründlich zu analysieren. Man darf scheitern, aber man muss daraus lernen.
Wick und Brunner enttäuschend
Nach dem 1:0-Sieg über Tschechien fragte der Reporter der «Hockey News»: «Ist es denkbar, dass die Schweizer dieses Ding sogar gewinnen?» Drei Tage später waren sie ausgeschieden. Sie haben, ob sie es wollen oder nicht, seit der WM-Silbermedaille eine neue Rolle als Medaillenanwärter. Man muss lernen, damit umzugehen – das braucht Zeit, ist ein Prozess. Mental ist es einfacher, der Underdog zu sein. Sogenannte Pflichtsiege einzufahren, ist auch eine psychologische Herausforderung. Im ersten grossen Turnier nach Stockholm taten sich die Schweizer schwer mit ihrer Rolle, gelang es ihnen nie, ihre Verkrampfung zu lösen.
Aber was war sonst anders als an der WM? 19 der 25 Spieler waren schon dort dabei gewesen, die Mannschaft war also nicht auf den Kopf gestellt worden. Und es wäre vermessen, zu behaupten, die zusätzlichen NHLCracks hätten die Teamchemie gefährdet. Die Stimmung in der Garderobe war nicht das Problem. Das Problem war, dass auf dem Eis in der Offensive vieles nicht ineinandergriff. Und da spielten personelle Veränderungen gegenüber Stockholm durchaus eine Rolle: Roman Wick als NLA-Topskorer und NHL-Flügel Damien Brunner kamen im Angriff dazu – und erhielten sehr viel Eiszeit und Verantwortung, die sie nicht gewinnbringend nutzten.
Simpson hoffte, dass die beiden irgendwann die von ihnen erwarteten Tore schiessen würden, und suchte fortwährend nach dem richtigen Center für sie. Immer wieder stellte er die Linien um, um sie in Schwung zu bringen. Doch sie blieben bis zuletzt eine Enttäuschung. Brunner rannte seiner Form nach seiner Verletzungspause hinterher – Wick war bemüht, aber glücklos. Und die Wechselspiele Simpsons steckten zusehends auch andere Mannschaftsteile an. Es wäre wohl am schlausten gewesen, die Formschwäche Brunners zu akzeptieren und das Spiel nicht mehr auf ihn auszurichten. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer.
Nicht angebracht ist die vielerorts beliebte Kritik an Mark Streit, weil der die Verkörperung des NHL-Profis ist. Der Verteidiger spielte ein gutes Turnier. Dass die Schweizer mit ihm zuletzt weniger Erfolg hatten – in Helsinki und Sotschi verpassten sie den Viertelfinal – als ohne ihn, ist nicht mit Streit zu erklären. Es stützt aber die erstaunliche Tendenz, dass die Schweizer unter Simpson am erfolgreichsten waren, wenn sie am meisten Absenzen hatten, am wenigsten von ihnen erwartet wurde: an den Weltmeisterschaften in Mannheim und Stockholm. Wieso das so ist, ob die Mannschaft Mühe hat, sich als Kollektiv zu finden, wenn mehr spielerische Klasse vorhanden ist, muss man analysieren.
Ein Punkt, den es auch zu untersuchen gilt, ist, wieso die Schiedsrichter an Olympia nach anderen Massstäben pfiffen als in der nationalen Liga. Vor allem Aktionen, die in der Schweiz regelmässig als Behinderungen sanktioniert werden, wurden hier kaum geahndet. In den letzten drei Spielen bekam das Team Simpsons nur fünf Überzahlspiele zugesprochen. Man muss sich fragen: Hat die Schweiz da einen internationalen Trend verpasst? Wenn ja, gilt es, das auf nächste Saison unbedingt einfliessen zu lassen in unsere Schiedsrichterausbildung. Denn es ist wichtig, dass wir den internationalen Richtlinien folgen, sonst handeln wir uns einen Rückstand ein.
Keine neue Erkenntnis ist, dass kräftige Flügel wie Nino Niederreiter für die Schweiz immer noch Mangelware sind. Wenn es spielerisch nicht läuft, muss man das Glück auch einmal mit Gewalt auf seine Seite zwingen. Und dazu braucht es Muskeln. Solche Spieler werden aber nur ungenügend in der nationalen Liga produziert, die vor allem vom Tempo und der Kreativität lebt. In Sotschi haben die Schweizer eine gute Gelegenheit verpasst, die Mischung zwischen jüngeren und älteren Spielern und jenen aus der nationalen Liga und Nordamerika schien ideal. Bald steht ein Umbruch an. Leaderfiguren wie Mathias Seger und Martin Plüss, die das Nationalteam auf und neben dem Eis lange prägten, müssen in den nächsten Jahren durch andere ersetzt werden.
Simpsons Vertragsverlängerung
Umso wichtiger ist, dass bald Klarheit herrscht auf der Coaching-Position. Sean Simpson mochte seine Zukunft an Olympia nicht diskutieren, und das ist verständlich. Doch es gilt, mit ihm noch vor der WM in Minsk, nach der sein Vertrag ausläuft, eine Einigung zu finden. Nicht alle Fragen, die Olympia aufgeworfen hat, können schnell beantwortet werden. Die Trainerfrage aber schon.
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