«Schön, dass der ZSC interessiert»
Captain Mathias Seger erlebt einen goldenen Herbst und freut sich über den Publikumsaufmarsch.
Mit Mathias Seger sprach Simon Graf
Sie schossen beim 3:2 in Bern Ihr 6. Tor, haben schon 15 Punkte erzielt. Hat dieser gelbe Topskorer-Helm eine magische Wirkung auf Sie?
(lacht) Nein, nein, das hat nichts mit dem Helm zu tun. Ich würde ihn gerne abgeben, wenn die Stürmer mehr Tore schiessen. Es gibt einfach Phasen wie jetzt, in denen die Pucks reinfallen. Und es funktioniert auch sehr gut mit Geering als Partner, ich profitiere von ihm. Aber ich kann noch einiges verbessern.
Der Kontrast zum letzten Herbst, als Sie den Start verletzt verpassten und danach um Ihre Form rangen, ist frappant. Was ist nun anders?
Es fällt sicher einfacher, wenn man gut in der Tabelle steht. Das nimmt extrem viel Druck weg. Und wir Verteidiger geniessen mehr offensive Freiheiten als im letzten Jahr. Das Spielsystem ist anders ausgerichtet. Letztes Jahr mussten wir immer hinten bleiben, jetzt können wir mehr in der Offensive agieren, dürfen uns den Angriffen anschliessen. Das macht uns als Mannschaft gefährlicher. Aber natürlich müssen wir auf die Balance achten.
Sie werden nicht gerne an den Punkten gemessen. Aber auch Sie schiessen gerne Tore, oder?
Logisch, jeder schiesst gerne Tore. Das hilft der Mannschaft. Man kann nur gewinnen, wenn man Tore schiesst. Aber das Wohl des Teams steht für mich immer im Vordergrund.
Mit bald 35 zählen Sie immer noch zu den besten Verteidigern der Liga. Spüren Sie das Alter nicht?
Ich spüre, dass ich länger brauche für die Erholung oder für die Genesung nach Verletzungen. Aber im Alter profitiert man von der Erfahrung. Ich weiss, wie ich meine Energie richtig einsetzen muss. Und fit fühle ich mich.
Letzten Winter waren Sie auch als Vermittler zwischen dem Team und Bob Hartley gefragt, als Psychologe. Haben Sie es nun ruhiger?
Als Psychologe würde ich mich nicht gerade bezeichnen (lacht). Aber natürlich ist es ein gutes Zeichen, wenn ein Captain nicht so gefragt ist. Marc Crawford macht einen sehr guten Job. Er hat eine gute Linie und versteht es, den Spielern Selbstvertrauen zu geben. Er wurde von der Mannschaft sehr gut aufgenommen, auch wenn er wie Hartley durchaus eine gewisse Härte zeigt.
Wo liegen die Unterschiede zwischen den beiden?
So weit liegen sie nicht auseinander. Sie denken ähnlich, verlangen viel. Das ist auch gut so. Aber charakterlich sind sie sicher verschieden. Für Hartley gab es nur seinen Weg und keinen anderen, Crawford geht mehr auf den Menschen ein, interessiert sich auch für unsere Kultur. Das schätzen wir Schweizer.
Von einem Meisterblues ist nichts zu spüren. Half es, dass die Mannschaft so stark verändert wurde?
Sicherlich war es wichtig, dass es frisches Blut gab. Das kann einen Meisterblues verhindern. Aber es wäre gefährlich, zu behaupten, wir seien dem Meisterblues schon entwischt. Er kann auch noch im November oder Dezember kommen. Wir müssen uns dieser Gefahr bewusst sein.
Hat sich die Hierarchie im Team durch die Zuzüge von Spielern wie Shannon oder Wick verändert?
Hierarchie ist ein blödes Wort, finde ich. Wir haben eine gesunde Struktur. Und wenn eine Mannschaft eine gute Struktur hat, ist es einfacher für einen Neuen, sich einzugliedern. Es sind wirklich auch gute Typen dazugekommen, auch Trachsler muss man erwähnen. Sie alle wollen eine gute Rolle spielen, wollen Leader sein. Das hilft uns.
Ist das Team besser besetzt als im Meisterjahr?
Ich würde sagen, ja. Wir haben ein sehr grosses Potenzial, vor allem offensiv. Aber das birgt auch Gefahren. Wenn man einen Lauf hat und nur noch von seinem offensiven Potenzial lebt, kann sich das im Hinblick aufs Playoff verheerend auswirken. Man darf seine kämpferischen Qualitäten nicht vernachlässigen. Denn im Playoff, wenn es nur über den Kampf geht, braucht man sie.
Wie ist es, Runde für Runde gegen NHL-Cracks zu spielen?
Mir gefällt es. Jene Spieler haben eine unbestrittene Klasse. Es ist schön, dass sie gekommen sind. Zum einen für die Zuschauer, denen mehr Spektakel geboten wird, zum anderen wird das Niveau in der Liga durch sie höher. Und davon können alle profitieren. Zumindest all jene, die spielen. Es gibt ja auch die, die deshalb ihren Platz eingebüsst haben.
Bedauern Sie, dass der ZSC noch keinen Lockout-Spieler hat?
Nein, überhaupt nicht. Unsere Mannschaft wurde zusammengestellt, als man noch nicht mit einem Lockout rechnete. Und ich finde es gut, dass man ihr Zeit zum Wachsen gibt. Wenn der Lockout die ganze Saison dauert, sind jene mit NHLCracks sicher im Vorteil. Aber wenn er aufhören sollte, wäre das ein Vorteil für uns. Denn es ist nicht einfach, wenn Eckpfeiler eines Teams plötzlich abreisen.
Die ZSC Lions haben in diesem Winter rund 1000 Zuschauer mehr. Spüren Sie das?
Es ist grossartig, natürlich merkt man, wenn 1000 mehr im Hallenstadion sind. Es ist schön, dass der ZSC in Zürich wieder interessiert. Aber man muss auch die Umstände sehen: Wir wurden Meister, Kloten hat viele Sympathien eingebüsst, und der FCZ hat Mühe. Deshalb kommen mehr Leute zu uns.
Werden Sie noch oft auf die Szene angesprochen, wie Sie nach der Meisternacht im Tram mit dem Pokal nach Hause fuhren?
Es ist immer wieder ein Thema. Jene Szene lässt mich wohl so bald nicht los. Aber ich hoffe schon, dass nach meiner Karriere nicht nur von diesem Foto geredet wird, sondern davon, was ich auf dem Eis geleistet habe.
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