Drei Zürcher Klubs am Tabellenende – zum Glück für sie gibt es keinen direkten Absteiger
Nach 15 Runden belegen GC, der FC Winterthur und der FC Zürich die letzten drei Plätze in der Super League. Die Entwicklung bei diesen Klubs ist jedoch unterschiedlich. Der Aufsteiger Winterthur hat sich nach miserablem Saisonstart stabilisiert, bei den grösseren Vereinen hingegen herrscht Tristesse.
Fabian Ruch06.11.2022, 19.55 Uhr (NZZ)
Die enttäuschten GC-Spieler nach der 1:2-Niederlage am Samstagabend in St. Gallen.
Christian Merz / Keystone
Rang 8: GC. Rang 9: FC Winterthur. Rang 10: FC Zürich. Der Rekordmeister, der Aufsteiger und der Meister stehen nach fünfzehn Runden geschlossen am Tabellenende der Super League. Alle drei Zürcher Klubs stecken im Abstiegskampf fest. Und die beste Nachricht für sie ist, dass es in dieser Saison wegen der Liga-Aufstockung auf zwölf Mannschaften keinen direkten Absteiger geben wird. Der Letzte wird die Barrage gegen den Dritten der Challenge League bestreiten müssen.
Warum läuft es den Zürcher Vertretern derart schlecht? Und wie ist die jeweilige Entwicklung?
FC Zürich: verbessert, aber immer noch in der Krise
Der FC Zürich versprüht mit dem neuen Trainer Bo Henriksen mehr Energie, Positivität und Solidarität als in den Wochen davor mit Franco Foda an der Seitenlinie – vom Fleck gekommen ist das Team aber nicht. Am Donnerstagabend verlor es in der Europa League zum Abschluss im Glitzertempel Emirates Stadium vor 60 000 Zuschauern nach ordentlicher Leistung mit 0:1 gegen den Premier-League-Leader Arsenal. Und rund 3000 Zürcher Anhänger sorgten in London mit einem Fanmarsch durch die Stadt für eindrucksvolle Bilder, die um die Fussballwelt gingen.
Etwas mehr als 60 Stunden später trat der FCZ am Sonntagnachmittag in Lugano in ganz anderer Umgebung an – und enttäuschte insbesondere in der ersten Halbzeit. Die Ambiance im Cornaredo vor 3560 Besuchern war so trist wie der Auftritt des Meisters. Der ungefährliche FCZ unterlag den Tessinern mit 0:2, und dies war verdient, selbst wenn das zweite Gegentor wegen eines Hands hätte aberkannt werden können.
FC Winterthur: mit Ruhe und vielen Gesprächen
Lange hatte der FCZ in dieser Saison beim Blick auf die Tabelle wenigstens feststellen können: Es gibt ja noch den FC Winterthur. Der Aufsteiger hatte nach acht Runden – wie der FCZ – erst zwei Punkte geholt und mehrere hohe Niederlagen eingefangen. Nach dem 0:6 am 8. Spieltag zu Hause gegen Luzern wirkte der Trainer Bruno Berner ratlos. Und viele sahen bestätigt, was sie im Sommer prophezeit hatten: Dem FC Winterthur fehlt die Klasse für die Super League.
Seit dem 10. September jedoch ist die Winterthurer Bilanz erstklassig: 7 Spiele, 14 Punkte, 8:5 Tore. Die Mannschaft hat sich stabilisiert, sie siegte dreimal 1:0 und tritt diszipliniert, leidenschaftlich und robust auf. Einzig YB hat in diesen sieben Runden ebenfalls nur fünf Gegentore erhalten – und lediglich einen Punkt mehr geholt.
Am Samstag ging es für die Winterthurer auswärts gegen Luzern, und sie bestätigten ihre bemerkenswerten Fortschritte. Sie verdienten sich das 1:1 mit einer soliden Darbietung und liegen nun schon sieben Punkte vor dem FCZ.
Mit Verzögerung ist Winterthur in der Super League angekommen. Der Sportchef Oliver Kaiser sagt: «Wir hätten im Sommer für die aktuelle Bilanz unterschrieben. Aber natürlich hatten wir uns erhofft, nicht mit so viel Mühsal in die Saison starten zu müssen.» Er erinnert sich an die dreiwöchige Länderspielpause nach dem 0:6 gegen Luzern. Und daran, wie viele Gespräche damals im Verein geführt worden seien. «Es war eine schwierige Zeit. Aber wir waren schon damals der Meinung, dass wir nicht total chancenlos sind.»
In jener Länderspielpause gab Oliver Kaiser der Lokalzeitung «Der Landbote» ein Interview, in dem ihm die kritische Frage gestellt wurde: «Herr Kaiser, ist Bruno Berner noch der richtige Mann?» Kaiser verteidigte seinen Trainer und sprach davon, dass der Trainerstab ausgezeichnet arbeite und Lösungen finden werde – und dass der Klub die Ruhe, die ihn auszeichne, jetzt nicht aufgeben dürfe.
Ein paar Wochen später darf Kaiser festhalten: «Es ist uns gelungen, die Vorzüge unseres Klubs und unseres Standorts auszunutzen. Und wir haben nie die Ruhe verloren.» Der Trainerstab um Bruno Berner fand Lösungen. Die Winterthurer sind sehr kampfstark – mit den zähen Innenverteidigern Roy Gelmi und Granit Lekaj, denen schon viele Beobachter die Super-League-Tauglichkeit abgesprochen hatten, sowie mit dem prägenden Mittelfeldspieler Samir Ramizi als Führungsfiguren.
Kaiser erinnert sich an einen Ausflug des FC Winterthur in der Länderspielpause im September nach Karlsruhe, an ein gemeinsames Nachtessen dort, an gute Gefühle und offene Diskussionen. Danach erhielten seine Profis vier Tage frei, obwohl Winterthur ein Testspiel dort gegen den KSC aus der 2.Bundesliga gleich mit 0:4 verloren hatte. «In jener Phase ist etwas passiert mit den Spielern», sagt Kaiser, «und mit jedem guten Auftritt und jedem Sieg zuletzt stieg das Selbstvertrauen.» Dem FC Winterthur helfe, dass für ihn ohnehin von Anfang an klar gewesen sei, dass es darum gehe, nicht Letzter zu werden. «Die anderen Mannschaften hingegen möchten alle mindestens Sechste werden.»
GC: fehlende Konstanz als grösstes Problem
Die Grasshoppers sind eines dieser Teams, die sich unter den Top 6 der Liga sehen. Und weil hinter dem souveränen Leader YB und vor dem abgeschlagenen Letzten Zürich gerade eine irritierende Beliebigkeit herrscht, ist nicht ausgeschlossen, dass GC wieder in diesen Kreis vorstossen wird – trotz bereits 30 Gegentoren. GC hat mit dem starken Japaner Hayao Kawabe oder mit Christian Herc und Giotto Morandi Spieler, die hin und wieder positiv auffallen. Es gibt aber auch Fussballer bei ihnen wie den Verteidiger Noah Loosli, die immer wieder schwere Fehler begehen.
Und so mangelt es GC an Konstanz. Nach dem fulminanten Derbysieg gegen den FCZ gab es zuletzt wieder zwei Niederlagen. Der Trainer Giorgio Contini durfte am Samstag beim 1:2 in St. Gallen immerhin eine klare Steigerung gegenüber dem 1:3 zuvor gegen den FC Luzern konstatieren. «Wir haben eine Reaktion gezeigt», sagte Contini, «leider waren wir nicht effizient genug.»
GC war stärker als St. Gallen – und verlor. Im Hinspiel im Letzigrund war es genau umgekehrt gewesen. Damals hatten sich die Grasshoppers nach katastrophalem Beginn mit 3:2 durchgesetzt. Diese zwei Begegnungen stehen exemplarisch für die vielen Zufälligkeiten im breiten Tabellen-Mittelfeld dieser Liga.
Trotz unerfreulicher Achterbahnfahrt ist es bei GC in diesen Wochen erstaunlich ruhig. Die chinesischen Klubbesitzer sind nicht zu sehen und nicht zu hören, der neue Sportchef Bernt Haas hält sich mit Äusserungen in der Öffentlichkeit ebenfalls zurück. Was das für den Trainer zu bedeuten hat, ist nach mehreren Niederlagen in den letzten Wochen schwierig zu sagen. Noch hat niemand öffentlich die Frage gestellt: «Herr Haas, ist Giorgio Contini noch der richtige Mann?»
Eine Runde noch, dann findet die WM statt. In der langen Winterpause dürften der FCZ, Winterthur und GC vor allem daran interessiert sein, einen Goalgetter zu verpflichten. Keiner ihrer Stürmer hat bis dato mehr als dreimal getroffen. Würde man also aus den drei Zürcher Klubs ein Allstar-Team mit den jeweils besten Spielern bilden, würde diese Auswahl deswegen nicht automatisch weiter oben in der Tabelle stehen – ohne erfolgreichen Torjäger ist es meistens zäh.