Die ZSC Lions wie brave Schüler
Bob Hartley hat den Turnaround noch nicht geschafft. Nun setzt er bei den Routiniers an. Von Simon Graf
Bob Hartley eilt an diesem Frühlingsmorgen im Dezember in seinen Schlittschuhen über die Siewerdtstrasse zum Training. Der ZSC-Coach sprüht vor Energie und Vorfreude. Der Kanadier, der in seiner Heimat einst am Fliessband arbeitete, hat den Job nicht verfehlt. Um zwölf Uhr mittags, als die Einheit längst vorbei ist, ist er immer noch auf dem Eis. Zuerst wirft er bei einer Bully-Übung Pucks ein, zum Dessert spielt er mit den Jungen ein Spielchen im Mittelkreis. Hartley und Yannick Hüsler, der Neue aus dem Farmteam, gegen Reto Schäppi und Patrick Schommer. Es ist ein packendes Duell. Team Hartley verspielt fahrlässig ein 4:2, zeigt aber Charakter und triumphiert noch 6:5.
Der Chef jubelt ausgelassen, als er den Puck zum Siegestor durch die beiden Scheiben gezirkelt hat, die das Tor symbolisieren. Am liebsten, so gewinnt man den Eindruck, würde er selber noch mitspielen. «Ich habe immer Spass an meiner Arbeit», sagt er, als er fertig jubiliert und das Eis verlassen hat. «Am Tag, an dem ich keinen Spass mehr habe, höre ich auf.» Natürlich ist der Spassfaktor bei Spielen wie am Samstag in Biel, beim 0:4, als sich sein Team zuletzt kampflos in sein Schicksal fügte, etwas tiefer. Aber der 51-Jährige sagt: «Von jedem Tag muss man das Gute mitnehmen und das Schlechte in den Abfall werfen. Sonst macht man sich verrückt.»
Mit Fleiss ist eine 4-5 möglich
Der Ruf als gnadenloser, unmenschlicher Schleifer, der Hartley aus Nordamerika vorauseilte, hat sich nicht bestätigt. Er kann sich ärgern und laut werden, vor allem, wenn der Einsatz nicht stimmt. Aber er ist in seiner täglichen Arbeit konstruktiv und meist positiv. Und selten verliert er ein schlechtes Wort über seine Spieler. An diesem Freitag am Tag vor der Reise nach Lugano sagt er: «Ich mag meine Jungs. Sie arbeiten hart, auf dem Eis wie im Kraftraum. Alle wollen besser werden. Sie sind gute Menschen mit den besten Absichten.»
Das Problem ist nur, dass auch Hartley den Turnaround, den man ihm zugetraut hatte, noch nicht geschafft hat. Die ZSC Lions spielen weiter weder erfolgreich noch attraktiv. Die Mannschaft kommt einem vor wie ein fleissiger Schüler, der viel lernt, aber trotzdem nie über eine 4–5 als Note hinauskommt. Vielleicht schafft er mal eine 5, wenn es ganz gut läuft. Aber nie mehr. Nie fällt es ihm leicht. Und wenn er einmal nicht so fleissig ist, resultiert sofort eine ungenügende Leistung wie zuletzt in Biel.
Würde es sich um Ambri, Biel, Langnau oder die Lakers handeln, wäre dies akzeptabel. Doch die ZSC Lions sind ein Grossklub mit höheren Ambitionen. So sagt auch Sportchef Edgar Salis: «Der siebte Rang spiegelt unsere Leistungen. Aber er ist sicher nicht unser Anspruch. Wir wollen um die Top 4 spielen.» Doch die 16 Punkte Rückstand auf Rang 4 sind nicht mehr aufzuholen.
Die Frage ist: Liegt dies am Trainer, der neu ist in Europa? Am Team, in dem einige Routiniers den Zenit überschritten zu haben scheinen? Oder daran, dass Trainer und Team immer noch in einer gemeinsamen Findungsphase sind. Salis sagt: «Es gibt noch mehr Möglichkeiten. Aber wenn ich aus einer dieser drei wählen muss, dann die dritte. Denn Trainer wie Spieler haben schon bewiesen, dass sie es können.»
Hartley tendiert implizit zur zweiten Variante, wenn er sagt: «Wir sind kein Team, das fünf Tore pro Spiel schiesst. Ich würde es mir wünschen. Aber es ist nicht so. Schauen Sie sich die Statistiken der letzten zwei Jahre an.» Die 2,5 Treffer pro Spiel, die sich die Löwen in diesem Winter erarbeiteten, sind allerdings ihr tiefster Schnitt in den letzten zwölf Jahren. 2009/10, im zweiten Jahr unter Sean Simpson, waren sie mit 3,7 Toren noch das offensiv stärkste Team gewesen.
Endloses Kreisen an der Bande
Beim Versuch, ein Kämpferteam zu bauen, ist die Kreativität abhandengekommen. Und die Effizienz. Das endlose Kreisen an der Bande der Offensivzone führt meist zu nichts, und wahrscheinlich hat Michael Nylander, der Richtung freies Eis abzudrehen pflegt, den wenig zielgerichteten Stil des Teams noch beeinflusst. «Es ist besser, man verbringt die Zeit beim Kreisen in der Offensivzone als im eigenen Drittel», sagt Hartley, um einzulenken: «Aber natürlich, an der Bande sind keine Netze befestigt, also schiesst man da auch keine Tore.»
Dazu kommt, dass das Forechecking der Zürcher meist wirkungslos verpufft, weil sie zu wenig kompakt sind. Und dass sie mit ihrer neuen Zonendeckung im eigenen Drittel zuweilen zu statisch sind. Es wäre wohl sinnvoll gewesen, Hartley einen Assistenten zur Seite zu stellen, der die hiesigen Gegebenheiten kennt. Aber wer schlägt einem NHL-Coach schon gerne einen Wunsch aus?
Das Eishockey sei in Europa nicht grundsätzlich anders, findet Salis. «Hartley ist einfach ein neuer Trainer. Und das braucht immer Zeit. Es ist noch ein weiter Weg, bis wir die ausgewogene Mannschaft sind, die in der Liga eine dominierende Rolle einnimmt.» Eishockey sei keine «Raketentechnik», findet Hartley. Und: «Ich bin happy mit den Fortschritten in vielen Bereichen. Aber schlägt sich das in Siegen nieder? Nicht oft genug.»
Monnets Degradierung
Er habe das Team nicht besonders hart angepackt nach dem Biel-Spiel, sagt er. Ein Zeichen hat er aber gesetzt: Thibaut Monnet, der verhinderte Goalgetter, fasste gestern das rote Leibchen der Überzähligen, an seiner Stelle dürfte in Lugano der 20-jährige Hüsler debütieren. Und Musterschüler Ronalds Kenins wurde in Abwesenheit Nylanders (Rücken) in den Sturm um Pittis promoviert. Hartley versucht, im Team für eine neue Dynamik zu sorgen. Denn auch ihm dürfte klar sein: Im Playoff kommt man mit einer 4–5 nicht weit.
Quelle: Print Tagi
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Mein Senf: Mach weiter, Coach!!!