«Sions Kartenhaus wird einstürzen»
Marco Villiger, Direktor des Fifa-Rechtsdienstes, prognostiziert Klubpräsident Constantin eine Niederlage.
Von Peter M. Birrer
Christian Constantin tritt vor die Fernsehkamera, er zeigt seine tiefe Genugtuung darüber, dass das Bezirksgericht Martigny einen Entscheid gefällt hat, der ihm vorläufig in die Karten spielt: Der Richter hat entschieden, dass die sechs im Sommer verpflichteten Spieler des FC Sion vorderhand ihre Lizenz behalten dürfen. Die superprovisorische Verfügung hat er in eine provisorische umgewandelt, und Klubpräsident Constantin sagt an diesem Mittwoch: «Das ist der nächste Schritt vorwärts.»
Constantin, der mächtige Klubchef im Wallis, lässt keine Gelegenheit aus, seine Siegesgewissheit zur Schau zu stellen. Er wähnt sich im Recht, nimmt für sich in Anspruch, über lückenlose Dossierkenntnisse zu verfügen, und verschärft gern seinen Ton, um etwa der Gegenpartei vorzuhalten, nicht klar denken zu können. Es kommt gar vor, dass er von einem «Irrenhaus» spricht. Damit meint er vor allem den Weltfussballverband Fifa, mit dem sich Constantin angelegt hat. Mittlerweile hat sich der Streit zu einer komplexen Angelegenheit ausgeweitet, weil die Walliser die Sportgerichtsbarkeit nicht akzeptieren und längst zivile Gerichte angerufen haben.
«Die Spieler wussten Bescheid»
Marco Villiger schafft es, die Geschichte ohne Emotionen nachzuzeichnen. Er ist Direktor des Fifa-Rechtsdienstes, sitzt am frühen Donnerstag in einem Sitzungszimmer in der Zentrale seines Verbandes und fasst zusammen: Die Fifa sanktioniert den FC Sion, weil er 2008 den ägyptischen Goalie Essam El-Hadary zu Vertragsbruch bei Al-Ahly angestiftet hat; das internationale Sportgericht CAS bestätigt, dass die Walliser während zweier Transferperioden in Folge keine Spieler verpflichten dürfen; das Bundesgericht bestätigt den CAS-Entscheid im Januar 2011. Sion hält sich im Winter der Saison 2010/11 daran, die Sache steuert auf ein gütliches Ende zu. Die Fifa macht im April in einem Schreiben den Klub darauf aufmerksam, dass er im Sommer keine neuen holen darf. Hält er sich daran, ist die El-Hadary-Affäre vom Tisch.
«Eine Antwort haben wir aber nie erhalten», sagt Villiger, für den eindeutig ist: «Sion spielte auf Zeit. Der Klub erkundigte sich dann, ob er noch für eine Transferperiode gesperrt sei, erhielt vom Dispute Resolution Chamber ein Ja als Antwort – und zog sofort vor das CAS. Das Gericht wies die aufschiebende Wirkung ab. Und Christian Constantin zog den Fall zurück.»
Für Villiger steht ausser Frage, wie der Streit enden wird: mit einer klaren Niederlage für Constantin. «Als die neuen Spieler ihren Vertrag unterschrieben, wussten sie ganz genau Bescheid darüber, dass der FC Sion eine Sperre zu verbüssen hatte.» Dass der Bezirksrichter von Martigny ihnen die Spielberechtigung ermöglicht hat, ist für Villiger nur von temporärer Wirkung: «Die Spieler müssen nun eine Klage in der Hauptsache machen.» Spätestens dann, glaubt Villiger, werde ihre Argumentation nicht mehr ausreichen – «und das Kartenhaus wird einstürzen». Eine der Konsequenzen werde sein, dass jene Mannschaften, die gegen Sion in der Meisterschaft unter Protest antraten, von Forfait-Entscheiden begünstigt würden.
3500 Fälle und 8,5 Mio. Franken
Mit etwa 3500 Rechtsfällen beschäftigt sich seine Abteilung jährlich. Sion ist für ihn «nur eine Nummer», die ihm so wenig den Schlaf raubt wie ein Zahlungsbefehl über 8,5 Millionen Franken, der kürzlich bei der Fifa einging und von Constantin stammt. Villiger erhob Rechtsvorschlag, hörte seither aber nichts mehr: «Wenn er glaubt, von uns Geld zugute zu haben, muss er das gut begründen.» Für Villiger sind Aktionen wie die mit dem Zahlungsbefehl ermüdend, aber auch Teil der Strategie: «Sein aggressives Auftreten und Einschüchterungsversuche gehören zu seiner Taktik wie auch die falsche Behauptung, das CAS sei von der Fifa instrumentalisiert. Dabei hat das Bundesgericht die Unabhängigkeit des CAS bestätigt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.»
Der Direktor des Fifa-Rechtsdienstes hält es für unverantwortlich, wie Constantin seinen Klub in Not bringt, wie er sich – ungeachtet des Bundesgerichtsurteils – neue Wege einschlägt «und sich Gerichte aussucht, die ihm wohlgesinnt sind». Villiger hält aber fest: «In der Sache hat Constantin bis jetzt nie gewonnen, erfolgreich war er immer nur mit Massnahmenbegehren.» Der Schaden aber, den er damit anrichte, sei beträchtlich und gefährde nicht zuletzt den nationalen Spielbetrieb.
Neue Tabelle zum Saisonende?
Ausschliessen will Villiger deshalb nicht, dass Ende Saison die Tabelle der Super League nach Behandlung aller Protestfälle neu erstellt werden muss: «Constantin kennt die Spielregeln, die für alle gelten. Man stelle sich vor: Celtic fängt an, in Glasgow vor einem Gericht zu klagen. Atletico macht das Gleiche in Madrid. Das führt ins totale Chaos.»
Wann die Geschichte zum Ende kommt, kann Marco Villiger zwar nicht abschätzen, aber eines glaubt er zu wissen – dass Constantin zu Fall kommen wird: «Wir werden die Sanktion mit aller Härte durchsetzen.» Den Vorbehalt von Constantin, dass die Fifa den FC Sion und nicht die für den Profi-Betrieb zuständige Olympique des Alpes bestrafen will, wischt Villiger beiseite: «Das Bundesgericht lässt in seiner Urteilsbegründung keine Interpretation zu.»
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