Nordamerika-Schweizer unter der Lupe
Von Dennis Schellenberg (hockeyfans.ch)
Das Jahr neigt sich langsam dem Ende und somit auch die ersten Eindrücke in der NHL und AHL. Hockeyfans.ch zieht Bilanz und nimmt die Leistungen und Aussichten der Schweizer Spieler in der NHL und AHL genauer unter die Lupe. Wer überzeugte? Wer könnte bald wieder die Koffer packen?
Positiv:
Jonas Hiller
Jonas Hiller ist bei den Anaheim Ducks auch diese Saison die klare Nummer eins. Er profitiert auch davon, dass mit Backup Curtis McElhinney eine klare Nummer zwei in der Organisation spielt und dass momentan noch keine junge Konkurrenz von unten kommt. Dennoch verdiente sich Hiller mit starken Leistungen das Prädikat der Nummer eins. Er hat momentan die meisten Paraden aller Torhüter der NHL gezeigt. Marathonmann Hiller bestritt auch am meisten Spiele und seine Fangquote liegt bei guten 92%. Nur eine Verletzung kann den Schweizer aufhalten, seine bisher stärkste Saison zu spielen.
Luca Sbisa
Für Sbisa begann die Saison nicht sehr erfreulich. Nach nur zwei Spielen mit den Ducks musste der Schweizer in die AHL. Und die Situation spitzte sich noch zu, da Anaheim aufgrund der dünnen Abwehr noch Andreas Lilja, einen zusätzlichen Verteidigerkonkurrenten, verpflichteten. Allerdings zeigte Sbisa in Syracuse (AHL) starke Leistungen und arbeitete weiter stillschweigend an seinem Traum wieder zurück nach Anaheim zu kehren. Bei seinem Comeback zeigte er eine starke Partie und zelebrierte sein enorm physisch geprägtes, solides Defensivspiel. Und dies gelang ihm nicht nur in einem Spiel. Sbisa weist am drittmeisten Checks des ganzen Teams auf. Diese Art von Eishockey verkörpert jenes der Ducks perfekt. Sbisa befindet sich bis jetzt immer noch in der Aufstellung. Er setzte sich unter anderem gegen Lilja durch, der mehrmals auf Sbisas Kosten überzählig war. Allerdings muss Sbisa weiterhin Topleistungen bringen, um nicht plötzlich selber zuschauen zu müssen. An Visnovsky, Lydman, Fowler und wohl auch Sutton kommt er nicht vorbei. Dahinter wird er sich mit Mara, Lilja und Brookbank um die Plätze streiten.
Yannick Weber
Yannick Weber fühlt sich in Nordamerika definitiv wohler als in seiner Heimat. Seit bereits vier Jahren beisst sich der Schweizer in Juniorenligen und Profiligen Nordamerikas durch. Und dies zahlte sich auch in dieser Saison bis jetzt wieder aus. Nach erneut starken Leistungen im Farmteam in Hamilton wurde Weber zu den Montréal Canadiens befördert. Er profitierte von der Verletzung Andrei Markovs, der mehrere Monate noch fehlen wird. Da Webers Fähigkeiten in Überzahl spielen zu können grösser waren als bei seinen Verteidigerkonkurrenten, war es logisch, dass er die Chance erhalten würde. In bisher sechs Spielen konnte er sich zwei Assists zu Gute schreiben lassen. Jüngst konnte er sich sogar kurz gegen P.K Subban durchsetzen und seinen Platz übernehmen. Auch am Flügel in der vierten Linie wurde er auch diese Saison wieder bereits eingesetzt. In der Verteidigung wird es allerdings schwierig für ihn. Einen Stammplatz wird er nur erhalten wenn sich neben Markov ein weiterer Stammverteidiger verletzt, die Habs diesen Platz nicht mit einem Transfer besetzen und Weber weiterhin Topleistungen bringt. Sehr viele Anforderungen für den jungen Verteidiger, der zudem noch um eine Vertragsverlängerung spielen muss.
Roman Josi
Für Roman Josi kam die Handgelenkverletzung zu Beginn des Camps der Nashville Predators zur dümmsten Zeit. Josi musste den Traum, sich von Beginn weg ins NHL-Team zu spielen, schnell aufgeben. Doch seit er von seiner Verletzung zurückkehrte, zeigt seine Formkurve stetig nach oben. Er ist bereits zur Hälfte der ersten Saison in Milwaukee der Abwehrchef. Die Predators-Verteidigung, die zwar Tiefe aufweist, ist für den Schweizer aber zu knacken. Konkurrenten wie Sulzer oder Laakso sind in klarer Reichweite. Er muss vor allem noch an seinem Defensivspiel feilen. Falls Josi seine Leistungen noch ein wenig optimieren kann und weiter so konzentriert wie bis jetzt spielt, könnte er mit etwas Glück schon in dieser Saison sein erstes NHL-Spiel bestreiten.
Martin Gerber
Nach seinem Unfall in einem Spiel in der KHL war sich Gerber bewusst, dass die medizinischen Standards sowie die fremde Sprache in Russland für ihn nicht die Zukunft darstellen, die er sich gewünscht hatte. Darum entschied er sich, nicht mehr in der KHL zu spielen. Dass er überhaupt nochmals so stark zurückkehren kann nach so einer schweren Verletzung, ist dem Schweizer hoch anzurechnen. Dass Ralph Krueger, stets Befürworter Gerbers, eine Position hinter der Bande der Edmonton Oilers erhielt, kam Gerber genau recht. Er wechselte nochmals nach Übersee, wo er in der neuen AHL-Stadt Oklahoma City die Saison begann. Dort überzeugte er derart, dass nach der Verletzung Khabibulins der Anruf aus Edmonton kam. Er bestritt zwei Partien, erzielte Topwerte ehe er nach der Rückkehr des russischen Stammhüters wieder in die AHL kehrte. Gerbers Rückkehr ist sicherlich eine der guten Nachrichten bis zum jetzigen Zeitpunkt.
Nino Niederreiter
Lange machten die Islanders ein Geheimnis daraus, ob sie den zukünftig besten Schweizer Stürmer in der NHL spielen liessen. Das Islanders-Management entschied sich dafür, dass sie Niederreiter neun Spiele laufen lassen, um ihn danach in die WHL zu schicken, so dass sein Entry Level Vertrag erst ab nächster Saison zu laufen beginnt. Niederreiter konnte in seinen ersten neun Spielen mehrheitlich überzeugen. Vor allem mit seinem physischen Spiel waren die Islanders zufrieden. Niederreiter wird nächste Saison wohl die ganze Saison auf Long Island verbringen und ist am Beginn einer der grössten Karrieren im Schweizer Eishockey. Dennoch darf man nicht vergessen, dass bereits mehrere diesjährige Draftpicks die ganze Saison bestreiten, auch solche die hinter dem Schweizer gezogen wurden. Und Niederreiter konnte sich beim schlechtesten Team bei vielen verletzten Spielern nicht vollkommen durchsetzen. Die Abschiebung nach Portland in die WHL ist zudem nicht nur ein verlorenes Vertragsjahr. Er muss sich auf verhältnismässig bescheidenem Niveau durchbeissen. Alternativen (AHL, Profijahr in Europa) gibt es aufgrund der Regelungen zwischen der NHL und den kanadischen Juniorenligen für Spieler, die aus den CHL-Ligen gedraftet werden, nicht.
Negativ:
Mark Streit
Mark Streit ist für einmal das grösste Sorgenkind aus Schweizer Sicht in Übersee. Der Verteidiger verletzte sich in einem internen Testspiel nach einem Zweikampf mit Matt Moulson an der Schulter. Die Verletzung war ebenso unnötig wie der Rempler Moulsons oder das intern angesetzte Testspiel, bei dem es nur Verlierer geben konnte. Mit Streits Verletzung kam der definitive frühe Untergang der Islanders und deren Playoffchancen. Streit befindet sich diesen Monat in der Schweiz und hofft im Februar wieder zurückzukehren.
Roman Wick
Wick dürfte die negativste Überraschung sein. In der Schweiz und während den Olympischen Spielen noch ein absoluter Leistungsträger, erinnert er in seiner momentanen Phase in der AHL an die Leistungen von Andres Ambühl ein Jahr zuvor. Die Ottawa Senators, welche Wick im Jahr 2004 in der fünften Runde zogen, sind am Flügel nicht Top besetzt und mit dem nicht mehr erwünschten Alex Kovalev würde sich eigentlich eine Chance für einen jüngeren Spieler auftun. Doch weil er sich in Binghamton nicht empfehlen konnte (nur 11 Punkte aus 29 Spielen), hat sich Wick gleich selber ins Aus befördert. Kann sich Wick einfach noch nicht richtig entfalten und fehlt ihm das Glück oder ist er ein weiterer Beweis dafür, dass es Spieler aus den europäischen Ligen schwerer haben, sich durchzusetzen? Falls es Wick so weiter geht, wird er schon bald als gescheiterter Nordamerika-Abenteurer in die Schweiz zurückkehren.
Severin Blindenbacher
Der Wechsel von Severin Blindenbacher von Färjestad in die NHL-Organisation der Dallas Stars war überraschend. Dort konnte er sich allerdings nicht durchsetzen und landete in Austin, wo er nach einem Autounfall mehrere Spiele verpasste. Als sich Mark Fistric verletzte, wurde er in die NHL berufen. Er reiste mit dem Team mit, wurde allerdings bei den Stars nicht eingesetzt, die mit sechs Verteidigern spielen. Jeff Woywitka konnte sich dank guten Leistungen gegen „Blindi“ durchsetzen. Blindenbacher musste wieder zurück in die AHL. Und auch dort musste er auch schon zuschauen. Das kurzzeitige Intermezzo bei den Stars blieb vorerst das Highlight. Blindenbacher konnte sich bei einer schlechten Dallas-Verteidigung bislang nicht durchsetzen.
Juraj Simek
Obwohl Juraj Simek seit mehreren Jahren in Nordamerika durchbeisst, kam er nie zu einem NHL-Spiel. Die Erwartungen waren nach seiner guten letzten Saison verhältnismässig hoch. Nur deshalb wechselte er wohl (noch) nicht nach Europa. Allerdings verschlechterten sich seine Chancen mit dem Transfer nach Providence, in die Organisation der Boston Bruins, noch. In Boston wird er nie eine Chance auf einen Einsatz haben. Simeks Vertrag läuft Ende Saison aus und nichts deutet darauf hin, dass er wieder einen Vertrag in Nordamerika unterschreibt.
Robert Mayer
Robert Mayer hat es in seiner ersten echten AHL-Saison nicht leicht. Und dies trotz der beiden Abgängen von Cedrick Desjardins und Jaroslav Halak. Doch mit Curtis Sanford verdeckt ihm einer der besten AHL-Goalies die Sonne und dem Verein gehören zudem noch die Rechte an Kari Rämö. Jedoch wird Sanford nächste Saison Unrestricted Free Agent. Dennoch wird es für Mayer schwer werden, einen Stammplatz in der AHL zu ergattern.