Usem Tagi vo gester.....
Anfreunden mit dem Geister-Playoff
Das Undenkbare dürfte bald Tatsache werden: ein Playoff in leeren Hallen. Weil die Eishockeyclubs so den Schaden wohl am kleinsten halten können.
Für das Schweizer Eishockey steht die Woche der Wahrheit an. Mit dem Entscheid, den Playoff-Start vom 7. auf den 17. März zu verschieben, verschafften sich die Clubs etwas Zeit. Um zu beobachten, wie sich die Ausbreitung des Coronavirus in der Schweiz und die Massnahmen dagegen entwickeln. Um die verschiedenen Varianten durchzurechnen. Und auch, um sich mit dem Szenario, das eigentlich niemand wollte, schrittweise anzunähern: einem Playoff vor leeren Rängen.
Am Dienstag um 10 Uhr treffen sich die National- und Swiss-League-Clubs zu einer weiteren ausserordentlichen Ligaversammlung. Da werden sie ihre Erkenntnisse abgleichen und diskutieren, wie es weitergehen soll. «Grundsätzlich gibt es drei Szenarien», sagt Peter Zahner, der Geschäftsführer der ZSC Lions. «Dass ab dem 17. März mit Zuschauern Playoff gespielt wird. Dass das Playoff in leeren Stadien gespielt wird. Oder dass die Saison abgebrochen wird.» Die Hoffnung auf Variante 1 schwindet täglich, ja stündlich. Also versuchen die Clubs zu ermitteln, wie sie die Schaden besser begrenzen können: mit Variante 2 oder 3.
55'000 Franken Kosten pro Geisterspiel
Klagten die National-League-Clubs anfangs primär über die Einnahmenausfälle bei Geisterspielen, zwischen 100'000 und 300'000 Franken pro Partie, rückt jetzt eine andere Zahl in den Fokus: die Kosten pro Heim- und Auswärtsspiel ohne Zuschauer. So kann man abschätzen, wie teuer ein Playoff in leeren Stadien käme. Die Zahl variiert je nach Club stark. Zahner kalkuliert mit rund 55’000 Franken Kosten pro Heim- und 5000 Franken pro Auswärtsspiel. Sollten die Zürcher also den Halbfinal erreichen, womit sie jeweils budgetieren, würde sie das rund 300’000 Franken kosten.
Bei den Zürchern fällt ins Gewicht, dass sie für jedes Playoff-Heimspiel im Hallenstadion Miete bezahlen müssen. Der HC Davos etwa entrichtet eine Saisonmiete und kommt so pro Playoff-Heimspiel ohne Zuschauer nur auf rund 5000 bis 10'000 Franken zusätzliche Kosten. Zudem hat jeder die Playoff-Prämien unterschiedlich ausgestaltet – sowohl jene, die er an die Spieler entrichtet, wie auch jene, die dank Sponsoren fliessen.
Wieviel ist das Playoff wert?
Den Kosten für ein Playoff ohne Zuschauer steht entgegen, dass TV-Partner UPC die Fernsehgelder kürzen könnte, falls die Clubs das Playoff ausfallen lassen. Wie viel dieses wert ist, ist Ansichtssache. 300 von maximal 375 Spielen (inklusive Platzierungsrunde, Playout-Final und Ligaqualifikation) sind gespielt. Jeder National-League-Club erhält 1,8 Millionen Franken TV-Gelder. Würde man prozentual rechnen, wären die restlichen Spiele rund 300'000 Franken wert. Doch Playoff-Partien sind als wertvoller einzustufen als Regular-Season-Spiele.
Die «Neue Zürcher Zeitung» bezifferte ihren Wert auf 600'000 Franken. Zahner sagt: «Für mich ist dieser Betrag zu hoch angesetzt.» Er sieht zwischen 350'000 und 500'000 Franken als realistischer. Wobei er betont, dass dies noch kein Schuldeingeständnis sei. Es gilt, die Worte mit Bedacht zu wählen. Sollte es zu einem Streitfall kommen, könnte der vor Gericht enden. Das möchte niemand. Der Vertrag mit UPC läuft bis 2022. Und die Liga ist daran interessiert, dass der Kabelnetzanbieter dann wieder mitbietet.
«Es ist am Ende eine finanzielle Entscheidung. Und auch eine, wie man den Partner behandelt.»
HCD-Präsident Gaudenz Domenig
So sagt Gaudenz Domenig, der Präsident des HC Davos: «Rein sportlich bin ich der Meinung, dass es blödsinnig ist, im leeren Stadion zu spielen. Es ist am Ende aber eine finanzielle Entscheidung. Und auch eine, wie man den Partner behandelt. Vernunftmässig glaube ich, dass die Chance eher grösser ist, dass wir uns zum Weiterspielen entschliessen, als dass wir abbrechen. Rein wegen des TV-Partners. Diese Partnerschaft ist uns wichtig, bringt uns viel Geld – und wir bringen ihn in Schwierigkeiten, wenn wir nicht spielen.»
Auch bei den Spielern scheint sich zusehends die Sichtweise durchzusetzen, dass ein Playoff ohne Zuschauer besser ist als gar kein Playoff. Biels Damien Brunner etwa vertritt diese Meinung ganz klar. Aber was, wenn sich während des Playoff ein Spieler oder ein Betreuer mit dem Coronavirus infiziert? «Dann müsste diese Mannschaft sofort aus der Meisterschaft genommen werden», sagt Zahner. «Und ihr Gegner ebenfalls. Die Saison wäre dann wohl vorbei. Es kann ja nicht sein, dass der Meister wird, der nicht angesteckt wird. Das wäre eine Lotterie.» So wie in der französischen Ligue Magnus, wo Mulhouse im Viertelfinal beim Stand von 2:3 gegen Amiens ausgeschlossen wurde, wegen der zahlreichen Coronafälle in der Stadt im Elsass. Das Playoff geht aber weiter.
«Die kurzfristigen Konsequenzen können wir mehr oder weniger kalkulieren, die langfristigen nicht.»
ZSC-Geschäftsführer Peter Zahner
Zahner gibt zu bedenken, dass man die kurzfristigen und die langfristigen Konsequenzen abwägen müsse. «Die kurzfristigen können wir mehr oder weniger kalkulieren, die langfristigen nicht. Das macht es schwierig.» Würden die Zuschauer mit Liebesentzug reagieren, wenn sie nicht immerhin am Fernsehen mit ihrem Team mitfiebern könnten? Und was, sollte die National League die einzige Eishockeyliga sein, die aufs Playoff verzichtet? Die NHL, die jährlich über 500 Millionen Dollar aus dem TV-Vertrag erhält, wird sicher spielen – ob mit oder ohne Zuschauer.
Erschwerend kommt dazu, dass niemand weiss, wie lange das Coronavirus bleibt. Sollte es auch im Sommer oder Herbst noch da sein, würde das wohl den Verkauf von Saisonkarten beeinträchtigen. Es sind schwierige Zeiten fürs Schweizer Eishockey. Kurzfristig dürften die Clubs immerhin bald wieder das tun, was sie am besten können: Eishockey spielen.