Ein bisschen Dandy, ein bisschen Rebell: Christian Dubé ist ein Unikat im Schweizer Eishockey und findet: «Wer kann schon sagen, was richtig und was falsch ist?»
Kein Klub im Schweizer Eishockey räumt einer einzigen Person so viel Macht und Bedeutung ein wie Gottéron dem Québécois Christian Dubé. Unter Dubé will Gottéron die Begeisterung rund um das neue Stadion in den ersten Titel der Klubgeschichte ummünzen. Doch noch sind die Resultate überschaubar.
Nicola Berger, Freiburg25.09.2022, 14.00 Uhr (NZZ)
Bringt er den ersehnten Erfolg? Mit dem Rätsel, die Titellosigkeit Gottérons aufzuklären, ist in Fribourg die Detektei Dubé betraut worden.
Marcel Bieri / Keystone
In der ersten Staffel von «Fargo», einer der besten TV-Serien des letzten Jahrzehnts, kann sich der Protagonist Lester Nygaard nicht von einem Poster lösen. Darauf schwimmt ein einziger Fisch gegen den Strom, daneben steht: «Was, wenn du richtigliegst und alle anderen falsch?»
Auf das Schweizer Eishockey gemünzt, ist der rebellische Fisch Christian Dubé. Der dandyhafte Frankokanadier führt Gottéron im Doppelmandat als Trainer und Sportchef, in einer Epoche, in der diese Zentrierung von Aufgaben und Macht längst aus der Zeit gefallen ist, weil die Jobs so anspruchsvoll und umfassend geworden sind, dass die Tage nicht mehr genug Stunden haben.
Dubé, 45, sitzt im Medienraum der neuen, mondänen BCF-Arena und sagt: «Wer kann schon sagen, was richtig und falsch ist?» Es gehe nicht um Macht und sein Ego. Sondern darum, was für Gottéron am besten sei. Dann sagt er: «Wenn ich spüre, dass es nicht mehr funktioniert, dass ich nicht mehr der richtige Mann bin, dann gehe ich.» Der Tag scheint fern, erst im Juni hat er seinen Vertrag bis 2025 verlängert.
Dubé steigt in sein achtes Jahr als Sportchef und seine vierte Saison als Coach. Unter ihm hat sich Gottéron wieder als Titelanwärter profiliert. Und, das ist die andere Wahrheit, in sieben Jahren nur eine einzige Play-off-Serie gewonnen. Das Gerüst des Kaders ist in die Jahre gekommen: Der Captain Julien Sprunger ist 36, der Abwehrchef Raphael Diaz 37, der Torhüter Reto Berra 35 und der omnipräsente Center David Desharnais 36.
Dubé unterbricht die Aufzählung und entgegnet: «Christoph Bertschy ist 28, ist das alt?» Der Nationalstürmer Bertschy, ein ehemaliger Gottéron-Junior, ist einer der kostspieligsten Transfers der Klubgeschichte. Er wechselte auf diese Saison hin aus Lausanne zurück in die Heimat und unterschrieb einen lukrativen Siebenjahrevertrag. Er soll eines der letzten Stücke im Meisterpuzzle sein. Denn die Ansprüche in und um den Klub sind gross, der Präsident Hubert Waeber sagt nicht unbescheiden: «Wir wollen in dieser Saison den Meistertitel holen.» Aus Waeber spricht auch Sehnsucht: Gottéron ist noch immer titellos, vier Mal verlor der Klub einen Play-off-Final, letztmals 2013.
Schon vor dem ersten Spiel waren bei Gottéron alle Saisonabonnemente verkauft
Der Kater nach der Finalniederlage gegen den ewigen Rivalen Bern war danach enorm, Gottéron stürzte in eine lange Krise. Das Team war überaltert, der im Doppelmandat agierende Kanadaschweizer Hans Kossmann wurde im Herbst 2014 nach elf Runden entlassen. Und bald lag der Fokus darauf, Kosten zu sparen.
Heute ist das anders, das Geschäft brummt. Das Stadionbijou – Patrick Lengwiler, der CEO des Meisters EV Zug, nennt es die «beste Arena der Schweiz» – hat dem Klub auch finanziell neue Möglichkeiten eröffnet. Die Begeisterung rund um Gottéron ist so gross wie lange nicht mehr, sämtliche Saisonabonnemente waren schon vor der Saison verkauft, für 2023/24 gibt es bereits Wartelisten. Die Kapazität ist mit 9009 Plätzen deutlich grösser als in der Trutzburg St-Léonard, die zusätzlichen Ticket- und Cateringeinnahmen sollen helfen, Gottérons Titelfluch zu brechen.
Die Schlüsselfigur bei diesem ambitionierten Unterfangen ist Dubé, der keine Sekunde als Trainer gearbeitet hatte, ehe er nach der Entlassung von Mark French im Oktober 2019 zunächst ad interim an die Bande stieg. Im Fussball wäre das undenkbar, nur schon wegen der Lizenz. Aber im Eishockey gibt es solche Vorschriften nicht. Eigentlich wollte Dubé den ehemaligen Nationaltrainer Sean Simpson als Headcoach einstellen, doch das Team gewann in der Übergangsphase unter ihm so oft, dass er es sich anders überlegte.
Dubé sagt, er habe Respekt davor gehabt, das Interimslabel abzustreifen. Er fürchtete etwa, zu emotional zu sein, ein altes Problem dieses Vereins. Er suchte den Rat der Wortführer im Team, wollte wissen, ob er ihre Unterstützung habe, ihr Vertrauen. Nun ist das eine komplizierte Ausgangslage, denn welcher Spieler, der einigermassen bei Verstand ist, sagt: «Sorry, als Trainer bist du unbrauchbar. Aber, äh, als Sportchef top. Können wir über meinen neuen Vierjahresvertrag verhandeln?» Dubé sagt, es habe genügend Spieler im Team gegeben, die ihm ihre ehrliche Meinung kundgetan hätten. Leute, mit denen er noch zusammengespielt hat, Sprunger etwa.
Vom Vater bis zu den Söhnen: die Familie Dubé im Eishockeyfieber
Den Konsens, mit Dubé weiterzumachen, hat Gottéron bisher nicht bereut. In den zwei Jahren unter seiner Führung erreichte die Equipe 2021 Platz 3 und wurde 2022 Zweiter. Dubé fiel mit Kreativität auf, etwa als er im letzten Dezember in der Verlängerung den Torhüter durch einen zusätzlichen Feldspieler ersetzte und so gegen Lugano den Sieg erzwang. Es war ein Trick, den Dubé aus der KHL übernommen hatte, was kein Zufall ist: Er ist des Eishockeys nicht überdrüssig geworden, auch nach all den Jahren nicht, sondern schaut viele Spiele.
Dubé stammt aus einer eishockeybegeisterten Familie, sein Vater Normand spielte in der NHL und coachte später im Wallis, der 2016 verstorbene Grossonkel Gilles stürmte für die Montreal Canadiens und die Detroit Red Wings. Auch Dubés Söhne haben sich dem Eishockey verschrieben, sie spielen im Nachwuchs Gottérons. Was praktisch sei, sagt Dubé, so habe er mehr Zeit für sie: In der Regel halte er sich zwölf Stunden pro Tag in der Eishalle auf.
Die Aufwendungen sollen sich zeitnah lohnen. Ein Titel wäre der ultimative Nachweis dafür, dass das unorthodoxe Doppelmandat auch im Jahr 2022 noch funktionieren kann. Dafür, dass Dubé richtiglag und alle anderen falsch.