Grönborg verschwindet im Bus – ein Blick in die Trainerseele im Play-off-Final zwischen dem ZSC und dem EVZ
In der Serie zwischen den ZSC Lions und dem Titelhalter EV Zug hat das Momentum gewechselt, die Zürcher führen nur noch mit 3:2-Siegen – das zeigt sich auch im Verhalten der Coachs. Dem ZSC-Trainer Rikard Grönborg droht ein Karriereknick.
Daniel Germann (NZZ)
Fragender Blick: Der ZSC-Trainer Rikard Grönborg versucht sein Team wieder auf Kurs zu bringen.
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Die Temperatur einer Play-off-Serie und die Stabilität der involvierten Teams lassen sich relativ verlässlich am Auftreten ihrer Trainer messen. Der ZSC-Coach Marc Crawford beschimpfte Biels Kevin Schläpfer im Viertelfinal 2015 als Schauspieler und zeigte so seine Verunsicherung und die seines Teams. Vor einem Jahr übertrug sich die gehässige Note in der Serie zwischen den ZSC Lions und dem Lausanne HC auch auf die Coaching- und Betreuerstäbe.
Rikard Grönborg und Dan Tangnes haben auch den einen oder anderen Strauss miteinander ausgefochten. Am Mittwoch nach dem Zuger 4:1-Sieg spiegelte das Verhalten der Nordländer die Befindlichkeit der beiden Organisationen. Der ZSC-Trainer Grönborg verschwand praktisch als Erster und wortlos im Mannschaftsbus. Auf die Bitte, den Coach zu den Medien zu bringen, beschied der Zürcher Medienverantwortliche, Grönborg spreche heute nicht. Er habe noch einen Match vorzubereiten.
Dan Tangnes handelt aus einer Position der Stärke
Derweil plauderte Dan Tangnes im Bauch der Bossard-Arena gelöst mit den Medien. Er spann seine Churchill-Analogie vom Montag weiter und war fast schon enttäuscht, als nach gut fünf Minuten keine weiteren Fragen kamen. Der 43-jährige Norweger gehört zur entspannteren Spezies in der Branche.
Tangnes’ Erfolgsausweis erlaubt ihm Gelassenheit. In vier Jahren in Zug hat er das Team dreimal in den Play-off-Final, zweimal zum Qualifikationssieg und im vergangenen Frühling zum zweiten Titel der Klubgeschichte geführt. Sein Vertrag läuft noch bis ins Jahr 2024. Und sollte der EVZ seines Coachs überdrüssig werden, dürfte es an Interesse an seiner Person kaum mangeln.
Dan Tangnes (Mitte) stand in den letzten Wochen weniger unter Druck als sein Antipode Grönborg.
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Die Position von Grönborg ist weniger komfortabel. Er ist zwar zweifacher Weltmeistertrainer. Doch in Zürich begleitet ihn die Kritik mehr oder weniger seit seinem Jobantritt. Im Dezember schien er kurz vor der Entlassung zu stehen, ehe sein Team den Tritt doch noch fand. Dass er offen damit kokettiert, es als Coach dereinst in die NHL zu schaffen, ist mancherorts schlecht angekommen. Aber weshalb soll ein Coach nicht auch danach streben, Anerkennung in der besten Liga der Welt zu erhalten?
Die laufende Finalserie könnte für die Karriere des 53-jährigen Schweden wegweisend sein. Bestimmt wäre es für sie nicht förderlich, wenn Grönborg eine 3:0-Führung im Final verspielen würde, was im internationalen Eishockey erst sehr wenigen Trainern passiert ist. In der Geschichte der NHL-Finals hat nur ein Team mit einem solch grossen Polster den Titel noch aus den Händen gegeben; 1942 die Detroit Red Wings gegen die Toronto Maple Leafs.
Doch so weit ist es noch nicht. Auch nach der jüngsten Niederlage führen die ZSC Lions in der Serie, nun mit 3:2-Siegen. Am Freitag können sie in ihrem letzten Spiel im Hallenstadion den zehnten Titel in der Klubgeschichte erringen. Möglicherweise verliess Grönborg die Bossard-Arena auch deshalb fluchtartig, weil er grübelt, wie er sein Team wieder auf Kurs bringen kann.
Der ZSC-Coach Rikard Grönborg zeigt seine Emotionen an der Bande: hier in einem Match gegen den Lausanne HC.
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Ohne wirklich das bessere Team zu sein, waren die Lions in der Finalserie mit 3:0 in Führung gegangen. Dreimal hatten sie einen Rückstand im Schlussdrittel noch gewendet. Nun hat das Momentum zwischen den nahezu ebenbürtigen Teams gewechselt; der EV Zug ist in den entscheidenden Momenten besser. In den letzten zwei Partien waren die Zentralschweizer das deutlich aktivere Team. Am Mittwoch nach dem Tor zum 2:1 durch Dario Simion kamen die Lions kaum zu guten Ausgleichschancen.
Das Schlussresultat von 1:4 spiegelt den Spielverlauf nur unzureichend. Die letzten zwei Treffer fielen ins verlassene Zürcher Tor. Doch wahr ist auch, was der ZSC-Captain Patrick Geering nach dem Match sagte: «Wir machen uns das Leben momentan selber schwer.» Offensiv kreiert dieses hochkarätig besetzte Team viel zu wenig, potenzielle Leistungsträger wie Marcus Krüger, Simon Bodenmann oder Justin Azevedo schwächeln. Die Gefahr geht fast ausschliesslich von der ersten Linie um den überragenden Denis Malgin aus.
Möglicherweise grübelte Grönborg in der Stille im Mannschaftsbus auch darüber, ob er im sechsten Spiel Garrett Roe in die Aufstellung zurückbringen soll. Der amerikanische Künstler mit einer Vergangenheit im EV Zug hat in den laufenden Play-offs erst fünf Partien bestritten. Letztmals spielte er im zweiten Match der Halbfinalserie gegen Fribourg-Gottéron.
Tangnes ist überzeugt: «Grosse Spieler werden in wichtigen Momenten besser»
Der EVZ-Trainer Tangnes sagte am Mittwoch, die Arbeit für den Coaching-Staff falle vor allem zwischen den Spielen an. Sie hätten noch eine lange Nacht vor sich. Doch er hoffe, dass er das Büro etwas früher verlassen könne, um am Donnerstag noch etwas Sonne zu geniessen.
Sein Team ist ins Fliegen gekommen. Und seine Aufgabe ist es nun, die Füsse der Spieler auf den Boden zurückzubringen, damit sie in der Euphorie des Moments nicht völlig abheben. Noch immer liegen die Vorteile auf der Seite der ZSC Lions.
Tangnes formulierte überdies Sätze, die auch aus dem Mund von Rikard Grönborg hätten kommen können. «Eigentlich ist es mir egal, wer die Tore schiesst. Doch es ist gut, wenn die potenziellen Skorer auch treffen. Sie schlafen dann besser und sind so schneller erholt. Grosse Spieler werden in wichtigen Momenten besser. Und genau das ist bei uns geschehen.» Tangnes dachte auch an seinen Captain Jan Kovar, der eben in Spiel 5 den EVZ mit drei Assists und einem Tor angeführt hatte.
Grönborgs Aufgabe hingegen ist es, seinen Leistungsträgern so schnell wie möglich Beine zu machen. Sonst könnte sich der Zürcher Play-off-Traum rasch in einen Albtraum verwandeln.