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Ist Barça noch regierbar?
Der FC Barcelona verliert nicht nur den Clásico. Der Präsident soll gestürzt werden, die Schuldenlast drückt. Und doch ist der Verein Kitt für eine disparate Gesellschaft. Von Florian Haupt
Beim FC Barcelona wird man in den nächsten Tagen viel über die Schiedsrichter schimpfen. Ein umstrittener Videobeweis beim Stand von 1:1 entschied am Samstag den Clásico zugunsten von Real Madrid. Sergio Ramos verwandelte den Elfmeter, am Ende siegte Real 3:1. Nach dem 0:1 in Getafe vorige Woche verlor Barça erstmals seit 2016 zwei Ligaspiele am Stück. Der Weg zur Renaissance unter dem neuen Trainer Ronald Koeman ist noch weit.
Parallel zu den sportlichen Abenteuern – am Mittwoch in der Champions League bei Juventus – spielt Barça dieser Tage aber noch einen zweiten Match: um die Zukunft. Nach monatelangem Chaos hat eine Revolte von unten ein Referendum über Vereinschef Josep Maria Bartomeu erzwungen. Eine Zweidrittelmehrheit der Mitglieder würde ihn des Amtes entheben, es wäre ein Novum selbst in diesem streitlustigen Klub.
«Més que un club», wie sein Motto sagt, «Mehr als ein Klub». Im Guten wie im Schlechten. Der Verein ist das Kronjuwel Kataloniens, emotionaler Kitt für eine disparate Gesellschaft, umso mehr angesichts der politischen Spaltung beim Thema einer Unabhängigkeit von Spanien; Spielbrett der lokalen Eliten; Repräsentant einer aufsässigen Stadt mit basisdemokratischer Tradition. Krisen sind hier selten nur Fussballkrisen. Und Meinungen beschränken sich nicht auf Aufstellung oder taktisches System. Für einen wichtigen Teil der 150000 Mitglieder ist der Verein auch Abbild für den Zustand der Dinge.
Niemand zahlt besser
Und um dieses metaphysische Wesen wird nun also gerungen. Nach dem infamen 2:8 gegen Bayern München und dem Kündigungsversuch von Lionel Messi hatte das Klubmitglied Jordi Farré eine Unterschriftenaktion gegen die Führungsriege angestrengt. 16520 Mitglieder brauchte es, um das Referendum herbeizuführen, über 20000 unterzeichneten. Das Votum muss gemäss den Statuten bald stattfinden, eigentlich nächste Woche. Aber es könnte Mitte November werden. Wegen der sanitären Lage, heisst es vom Klub. Die Opposition vermutet ein weiteres Verschleppungsmanöver, nachdem Bartomeus Leute zunächst Anzeige wegen gefälschter Unterschriften erstattet hatten. Wie in der spanischen Politik oft beklagt, läuft es auch bei Barça seit Jahren bevorzugt über Klagen, Prozesse und schmutzige Tricks.
Angesichts täglicher Volten gilt aber auch als möglich, dass der bisher resistente Bartomeu bei einer Vorstandssitzung am Montag freiwillig aufgibt. Zumal Abwehrchef Gerard Piqué der Renommierzeitung «La Vanguardia» am Freitag ein vernichtendes Interview gab: «Wenn wir Spieler in bestimmten Momenten die Macht hatten, dann nur, weil andere sie nicht ausüben wollten», so Piqué. Zu Messi habe er gesagt, er solle durchhalten: «Ein Jahr, dann kommen neue Leute.» Piqué ist selbst Unternehmer (Davis Cup), Klubinhaber (FC Andorra), Enkel eines Barça-Direktors und lebenslanges Mitglied. Man darf davon ausgehen, dass seine Worte wohlbedacht waren.
Die Probleme des Vereins gehen tiefer als Messis Frust, ständige Personalrochaden oder eine unausgegorene Transferpolitik. Sie sind auch moralischer Natur, wie die Affäre «Barçagate» verdeutlichte: Ein vom Klub beauftragtes Social-Media-Unternehmen diskreditierte Oppositionelle, Legenden wie Pep Guardiola und sogar aktive Stars wie Messi und Piqué. Die Polizei ermittelt in dem Fall noch wegen Korruptionsverdacht, «jemand hat die Hand in die Kasse gelegt», sagte Vizepräsident Emili Rousaud, der aus Protest zurücktrat. Piqué kann es bis heute nicht fassen: Eine «Barbarei» nennt er, «dass mein Klub Geld bezahlt hat, um uns zu kritisieren».
Geld, das knapp ist. 97 Millionen Euro Verlust wurden für letzte Saison vermeldet, auf 488 Millionen verdoppelten sich die Nettoschulden. Der 2014 per Referendum beschlossene Umbau des Stadions konnte bisher nicht einmal beginnen. Selbst ohne Pandemie wurden 2018/19 bei Rekordeinnahmen von 990 Millionen nur dank Last-Minute-Kunstgriffen am Transfermarkt schmale vier Millionen Gewinn erzielt. Das grösste Problem sind die Lohnkosten der Fussballer: Nirgendwo sonst im Weltsport wird so gut bezahlt.
Nun wird um Covid-Rabatte gefeilscht. Piqué und drei weitere Profis verzichten für Vertragsverlängerungen auf 30 bis 50 Prozent des Salärs für diese Saison. Der Rest ziert sich noch. «Das Vorgehen des Klubs ist peinlich», hiess es in einem von den Anwälten aufgesetzten Schreiben. Wo bei anderen Vereinen diskret gemeinsame Lösungen erarbeitet wurden, zankt Barça öffentlich, und wo anderswo wirklich verzichtet wird, schichtet man bei Barça nur um: Die Profis stunden das Geld. Eine weitere Hypothek für die Zukunft.
Víctor Font will trotzdem Barça-Präsident werden. Der Unternehmer trägt Manschettenknöpfe in den Vereinsfarben und empfängt zum informellen Gespräch in seinem Büro im modernistischen Geschäftsviertel Eixample. Grosse Fensterfront, gläserner Konferenztisch. Selbst wenn Bartomeus Riege das Referendum über die Amtsenthebung gewinnt, stehen spätestens im März ordnungsgemässe Wahlen an. Font ist einer von fünf Kandidaten. Seit sieben Jahren bereitet er diesen Schritt vor. Font spricht über modernen Führungsstil. Sein grösster Trumpf jedoch heisst Xavi Hernández, der mythische Ex-Regisseur steht für ihn als Trainer bereit. Würde heute gewählt werden, wäre Font der Favorit.
Aber es geht ja gerade erst los. Stimmungen werden getestet, Allianzen geschmiedet, Nachrichten gestreut. Das klingt nicht nur nach Politik, das ist Politik. «Ein Supermarkt der Demagogie», wie die Sportzeitung «As» schreibt. Aber eben auch eine demokratische Unternehmung, wie sie im Fussball ihresgleichen sucht. Soweit es die Pandemie zulässt, werden die Kandidaten im Wahlkampf durch Katalonien tingeln. Slogans, Kampagnen und Plakate entwerfen. Zur besten Sendezeit im Staatsfernsehen diskutieren. Mit Transfers werben. Sich zum einzigen Retter erklären.
«Das ist typisch katalanisch: Jeder will seine Sicht der Dinge durchdrücken», sagte das Klubmitglied Farré, nachdem sich die Oppositionsgruppen schon beim Prozedere der Unterschriftenaktion in die Haare kriegten. Ihre strategische Allianz wird nach dem Referendum zerbrechen, auch Farré kandidiert. Vor allem aber werden sich dann zwei Ex-Präsidenten bewegen, deren lange Schatten harte Bandagen erwarten lassen. Joan Laporta (2003–2010) und Sandro Rosell (2010–2014) waren einmal Verbündete. Doch seit über einem Jahrzehnt bilden sie die Antipoden des Barça-Kosmos. Quasi die Volksparteien.
Demokratie ist schwierig
Als Rosell an die Macht kam, wurde er von einem biblischen Revanchismus angetrieben. Um Laporta zu vernichten, strengte er einen Prozess gegen dessen Buchführung an. Ironischerweise waren es dann aber seine Scheinverträge bei der Verpflichtung Neymars, wegen deren der Verein verurteilt wurde. Das Verfahren auf Anzeige eines Mitglieds kostete ihn ausserdem den Job, ihm folgte 2014 sein Kronprinz Bartomeu, der von Beginn an auf so ziemlich jede Mine treten sollte. Rosell wurde später wegen des Verdachts auf Geldwäsche zwei Jahre lang in Untersuchungshaft gehalten, am Ende stand ein Freispruch, das überzogene Vorgehen der Justiz brachte ihm Sympathien zurück. Dass er öffentlich ankündigte, die Barça-Wahlen «mit meinen Sichtweisen beeinflussen» zu wollen, stösst hingegen nicht überall auf Begeisterung. Laporta flirtet derweil damit, selbst noch einmal anzutreten. Er hätte gute Chancen, denn die Geschichte hat dem Freund von Johan Cruyff und Förderer von Pep Guardiola recht gegeben, auch wenn viele ihm als selbstherrlichem Alphatier misstrauen.
Ist so ein Klub überhaupt regierbar? Barça muss wie ein Unternehmen geführt werden, unterliegt dabei aber nicht nur der Emotionalität des Fussballs, sondern auch einer Zersplitterung wie in der Politik und dem ewigen Schisma zwischen Siegern und Besiegten. Es gibt immer eine Opposition, die jede Unruhe auszunutzen bereit ist, und sie findet immer Lautsprecher in den Sportzeitungen und Radiodebatten. Aber wer sagt schon, dass Demokratie einfach ist? Hergeben will sie keiner. Piqué sieht das Referendum als Zeichen: «Der Verein ist lebendiger denn je.»
Aus dem NZZ-E-Paper vom 25.10.2020
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