nzz am sunntig:
Ihre Gewalt ist banal
In Basel standen elf Hooligans vor Gericht. Der Strafprozess entstellt eine Szene zur Kenntlichkeit, die von ihrer öffentlichen Dämonisierung lebt. Von Samuel Tanner
Hooligans leben von ihrem Mythos als mächtige Gestalten aus der Unterwelt des Fussballs. In Zürich haben sie sich über die Klubgrenzen hinweg vereint und nennen sich «Kranke Horde». Im «Blick» gelten sie als «brutal und unerbittlich». Und im Internet kursieren Filmchen, auf denen sie ihre Umgebung in Angst und Schrecken versetzen. Bilder von Hooligans sind immer dunkel und erzählen von der drastischen Gewalt, mit der diese den Fussball beherrschen.
Nur: Die Realität sieht weit banaler aus.
In dieser Woche eröffnete das Basler Strafgericht den Prozess gegen eine Gruppe von Hooligans. Sie sollen sich am 19. Mai 2018 an einer Massenschlägerei rund um den Basler St.-Jakob-Park beteiligt haben. An dem Abend spielt Basel gegen Luzern. Erst zwei Stunden nach Abpfiff parkieren etwa vierzig Zürcher Hooligans (verstärkt durch Männer aus Karlsruhe) mit ihren Autos im Basler Lehenmattquartier und stürmen dann auf das Stadion zu, vor dem ein Fest der Basler stattfindet. Laut Anklageschrift gibt es drei Schlägereien, einige Männer werden verletzt, ein schwarzer Jeep Cherokee, mit dem einige der Zürcher fliehen, wird schwer beschädigt.
Als nach einer halben Stunde die Polizei kommt, löst sich die finale Schlägerei auf. Die Polizisten nehmen Männer fest, die verletzt am Boden liegen, die sich in einem Gebüsch versteckt halten: Hooligans, die nicht fliehen können. Einige von ihnen sitzen wochenlang in Untersuchungshaft. Nun sind sie angeklagt wegen versuchter schwerer Körperverletzung, wegen Raufhandels oder wegen Landfriedensbruchs. Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf unscharfe Bilder von Überwachungskameras. Es war schon Nacht, und die Männer trugen entweder eine Art Hooligan-Uniform (die Zürcher erschienen alle in weissen Shirts), oder sie hatten sich vermummt. Ob sich die mutmasslichen Taten beweisen lassen, ist schwierig abzuschätzen.
Was der Prozess aber zulässt, ist ein Psychogramm der Hooliganszene – anhand der Angeklagten: acht Zürcher, zwei Karlsruher, zwei Basler.
Vor dem Gerichtsgebäude blitzen ihnen die Fotografen ins Gesicht. Die Hooligans halten Schirme dagegen. Die Masken verleihen ihnen noch einmal eine geheimnisvolle Grösse. Aber im Saal 2 des Strafgerichts Basel-Stadt, wo sie nebeneinander in der ersten Stuhlreihe sitzen, fallen diese Masken.
«Auf der Arbeit den Anschiss»
Die Richterin befragt sie zu ihrer Person. Der Angeklagte H. sagt: «Ja, ich kann viel erzählen, aber eben ...» Mit drei Jahren kam er aus Syrien in die Schweiz, er lebte im Heim, hat keinen Schulabschluss, keine Lehre – gerade mache er ein Praktikum im Betrieb seines Bruders. «Ich will bei ihm bleiben, ihn unterstützen und so, weisch.» H. ist 25 Jahre alt, hat 30000 Franken Schulden, «Handyverträge und so», ist vorbestraft.
Der Angeklagte L. hat ein verkniffenes Gesicht und die Hosen weit nach oben gezogen. Er absolvierte eine Maurerlehre, arbeitet heute aber in der Logistik. L. war Mitglied der Kranken Horde, ist vorbestraft, betont aber, die Szene inzwischen verlassen zu haben. Als seine Mutter ihn in der Untersuchungshaft besuchte, habe sie geweint, «das war ein prägender Moment, ich bin ja jetzt doch schon 36 Jahre alt». Der Ausstieg sei aber schwierig: «Das Umfeld ist weg, ich bin dran, aber an den Wochenenden jetzt halt teilweise allein, weil ich nicht so einen grossen Ding, äh, Freundeskreis habe, aber doch, es kommt gut.»
Der Angeklagte D., ein grosser und kräftiger Mann mit Palästinensertuch und Camouflage-Hosen, hat 120000 Franken Schulden, weil er vor Jahren unter Drogen und Alkohol einen Autounfall baute, den die Versicherung nicht deckte. Ausbildung? «Tueni nohole.» D. ist 35 Jahre alt, er hat einen Privatkonkurs hinter sich und mit seiner Ex-Frau zwei Kinder, für die er Alimente bezahlen muss.
B. hat eine geregelte Arbeit, ist aber auch vorbestraft. Ö. macht eine Ausbildung in der Informatik und lässt auf die Frage nach seinem Zivilstand protokollieren: «Glücklich verheiratet seit zwei Monaten, und habe eine wunderschöne Ehefrau.»
Die Männer stellen sich nicht mit einem diabolischen Lächeln vor, sondern eher deprimiert über sich selbst. Es sind gebrochene Biografien, die hier verhandelt werden. Diese Gewalt hat weniger mit Fussball und mehr mit gesellschaftlichem Scheitern zu tun – und ist genau deshalb so schwer zu bekämpfen. Seit Jahrzehnten gibt es keine einfachen politischen Lösungen. Was macht man mit Leuten, die nicht viel zu verlieren haben?
Der Angeklagte L. sagt, er habe sich überreden lassen «zu diesem Scheiss», weil er «auf der Arbeit den Anschiss» hatte. Inzwischen hat er sich von einem Gewaltberater therapieren lassen, «übers ganze Läbe, ja, es hät mer guet taa.» Der Angeklagte D. besucht einen Therapeuten, weil «meine Frau sagt Ja und Amen zu allem, was ich sage – das macht er nicht. Es ist wie Wellness.» Der Angeklagte Ö. bestreitet, extra für so eine Schlägerei aus Deutschland angereist zu sein.
«Was haben Sie erwartet?», fragt ihn die Richterin.
«Nicht so, also, keine Rücksichtslosigkeit, keinen Hass.»
«Aber Sie sind ja aus einem bestimmten Grund gekommen?»
«Net wegen so was. Ja.»
Je länger der Prozess dauert, desto mehr wirkt es, als habe sich an jenem Abend im Mai 2018 eine Art letztes Aufgebot von Hooligans zusammengefunden. Eine seltsam heterogene Gruppe aus jungen ausländischen Kampfsportlern und alten schweizerischen Schlägern, vereint in einer sowohl hilf- wie hoffnungslosen Lust an der Gewalt.
«Alli morn in Wiss?»
Als es um die damaligen Ereignisse geht, lässt die Richterin immer wieder Videos an die Wand projizieren. Die Männer schauen ihren Schlägereien konzentriert zu. Man sieht zwei Gruppen, die sich gegenüberstehen, lauernde Männer, die darauf warten, dass etwas passiert. Manchmal wagt sich einer aus der Deckung, schlägt zu und zieht sich wieder zurück, dann steht man sich wieder gegenüber. Wenn einer am Boden liegt, getrauen sich noch ein paar weitere zuzuschlagen. Als die Zürcher merken, dass sie in Unterzahl geraten, hauen sie ab.
Man muss es so sehen: Die Bilder von diesem Abend in Basel entzaubern die Hooligans in ihrer Selbstinszenierung. Aus Mut wird Kleinmut, sobald der Gegner stärker wird. Es gibt unter diesen Männern keine teuflische Tiefe, keine Strategie. Zu sehen ist nur einfältige, banale – und am Ende: feige Gewalt. Die Gewalt wird dadurch nicht harmloser, vielleicht im Gegenteil. Gewalt ist Gewalt. Aber die öffentliche Dämonisierung macht diese Hooligans grösser, als sie sind.
Hooligans verabreden sich normalerweise im Wald, um zu kämpfen. Viele von ihnen besuchen gar keine Fussballspiele. Sie sind nicht zu verwechseln mit den Ultras, den gewaltbereiten Hardcorefans, die in der Schweiz die Fankurven dominieren. Hooligans verprügeln sich nicht im Namen des Vereins, sondern ihrer Hooligangruppierung.
Der Angeklagte R. soll in der Tatnacht gegenüber der Polizei ausgesagt haben: «Es war lustig, eine gute Sache.» In den zwei Tagen davor sollen sich einige der Zürcher in einem Trainingslager für kommende Kämpfe befunden haben. Ermittlungen brachten auch eine SMS des Angeklagten H. hervor, in der sinngemäss steht: «Es lauft morn öppis mit de ZKH zeme. Alli morn in Wiss?» ZKH steht für Zürichs Kranke Horde. Einer der Basler Hooligans soll einem Zürcher Hooligan eine SMS geschrieben haben: «Wenn ihr da angreift, ist die Fussballgewalt, wie wir sie heute noch ausleben können, in Gefahr.»
Der typische Hooligan trägt Gesichtsmaske, Zahnschutz und Quarzsand-Handschuhe, so ist es den Akten zu entnehmen. Und er trainiert Kampfsport. Die Basler Richterin spielt zwei Videos ab, die mindestens zwei der Angeklagten und ihre Kollegen bei einem Trainingsparcours zeigen. Am Boden liegen Boxsäcke, die Menschen symbolisieren sollen. Die Männer lernen, wie man am besten auf diese liegenden Säcke eindrischt.
Auf einem der Bilder sieht man den Angeklagten Ö. Dazu sagt er, er habe inzwischen mit dem Kampfsport aufgehört und sich für eine andere Sportart entschieden.
«Welche?», fragt die Richterin.
«Ich spiele jetzt Fussball», sagt Ö.
Als daraufhin einige Leute im Gerichtssaal lachen, dreht sich Ö. nach hinten um. Der dickliche Mann schaut verunsichert durch seine Goldrandbrille. Sein Anwalt betont später, wie auch andere Hooligan-Anwälte es tun, der Prozess habe seinem Mandanten stark zugesetzt. Der Prozess hat die Männer auf ihre wahre Grösse heruntergeschrumpft.